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Schlachthöfe und Corona:Ausgenommen

Schlachthof

Ein Fleischbetrieb im Hochlohnland Deutschland. Zehntausende osteuropäische Arbeiter, vorwiegend aus Rumänien und Bulgarien, schuften unter teils miserablen Bedingungen in dieser Branche.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Löhne unter dem Mindestlohn, Massenunterkünfte, kaum Erholung für kranke Mitarbeiter. Fleischbetriebe entwickeln sich in Deutschland zu Corona-Brennpunkten. Die Folge: ein längerer Lockdown für ganze Regionen.

Löhne unter dem Mindestlohn, Massenunterkünfte, kaum Erholung für kranke Kollegen - der katholische Sozialpfarrer Peter Kossen kennt die Methoden mancher Fleischbetriebe aus dem Effeff. Seit Jahren kämpft der 52-Jährige für die Rechte der Beschäftigten. Ein Bild vom Wochenende sprach Bände. Kossen ging allein auf die Straße. Als Ein-Mann-Demonstration baute er sich vor dem Werkstor des wegen eines Corona-Ausbruchs geschlossenen Westfleisch-Betriebs in Coesfeld in Nordrhein-Westfalen auf. "Moderne Sklaverei beenden!", stand auf seinem Pappschild. Was diesmal den Corona-Regeln geschuldet war, spürt Kossen seit Langem: Ihm fehlten Mitstreiter im Kampf um Fairness in der Fleischindustrie.

Erst in diesen Tagen kommt Bewegung in die Sache. Denn Schlachthöfe und Fleischbetriebe entwickeln sich gerade zum Corona-Brennpunkt im ganzen Land. An der Spitze: der Betrieb von Westfleisch in Coesfeld. Die Zahl der positiv getesteten Mitarbeiter stieg allein hier bis zum Sonntag auf über 200. Und es könnten noch mehr werden. Am Wochenende lag erst für die Hälfte der 950 Abstriche ein Ergebnis vor. Die Landesbehörden machten den Betrieb am Freitag erst einmal dicht. Das Verwaltungsgericht Münster lehnte einen Eilantrag dagegen ab. Der Betrieb sei "aufgrund ersichtlich unzureichender Vorsichtsmaßnahmen" zu einer "erheblichen epidemiologischen Gefahrenquelle" nicht nur für die Belegschaft geworden, hieß es.

Coesfeld ist nicht der einzige Corona-Hotspot der Branche. Im April brach die Krankheit in einem Fleischwarenwerk in Birkenfeld (Baden-Württemberg) aus. Jetzt sind auch Schlachthöfe in Oer-Erkenschwick (Nordrhein-Westfalen) sowie Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) betroffen.

Das Beispiel Coesfeld zeigt, welche Folgen das für eine gesamte Region hat. Denn mit den positiven Tests liegt der Kreis plötzlich dramatisch über dem in der vergangenen Woche von Bund und Ländern beschlossenen Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche, ab dem Lockdown-Lockerungen wieder rückgängig gemacht oder aufgeschoben werden müssen. In Coesfeld wird der Lockdown deshalb verlängert.

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Zum Verhängnis wird den Infizierten und ihrem Umfeld ein in der Branche seit Langem bekannter Missstand. Tausende osteuropäische Arbeiter, vorwiegend aus Rumänien und Bulgarien, schuften unter teils miserablen Bedingungen im Hochlohnland Deutschland. Sie leben in engen Massenunterkünften, sind nicht selten der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt. Und das sind meist Subunternehmer, die oft nicht mehr haben als einen Briefkasten. Der Bedarf an Arbeitskräften ist riesig. Die Deutschen essen gerne und viel Fleisch. 60 Kilogramm sind es pro Kopf und Jahr.

Wie genau es zu dem Ausbruch bei Westfleisch kam, ist offen. Das Unternehmen räumt ein, dass die Arbeiter mehrheitlich in Wohnungen mit drei, vier oder fünf Personen untergebracht seien. Viele kämen aus Osteuropa. Die Kunden ahnen nichts von den harten Bedingungen in der Branche. Doch die hat den Einsatz der für sie günstigen Arbeitskräfte in den vergangenen Jahren in vielen Betrieben auf die Spitze getrieben. Oft gehören 50 Prozent der Beschäftigten im eigenen Haus zu Fremdfirmen. In Schlachthöfen gibt es Farbstreifen auf dem Boden, die bizarre Parallelwelten schaffen. Davor ist eine Kolonne rumänischer Arbeiter eingesetzt, dahinter deutsche Festangestellte, die Fleisch in Kisten verpacken.

In der Politik werden Forderungen laut, nun endgültig hart durchzugreifen. "Die Betriebe müssen häufiger und besser kontrolliert und die Hauptverantwortlichen der Konzerne konsequenter zur Rechenschaft gezogen werden", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Mit dem "ausbeuterischen Geschäftsmodell" in der Schlachtbranche, das den Gesundheitsschutz für die Mitarbeiter völlig vernachlässige, müsse Schluss sein. Auch Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte seine Länderkollegen dazu auf, den Arbeitsschutz für Saisonarbeiter in der Fleischindustrie strenger zu überwachen.

Bislang war es mit den Kontrollen ganz offensichtlich nicht weit her. Es sei in der Vergangenheit viel zu wenig geprüft worden, warnt die Linken-Bundestagsabgeordnete Jutta Krellmann. Der Anteil der auf Eigeninitiative durchgeführten Überwachungstätigkeiten der Arbeitsschutzbehörden hat nach einer Auswertung der Linken von Regierungsdaten zwischen 2008 und 2018 bundesweit um mehr als die Hälfte abgenommen. Besonders stark gefallen sind die Zahlen in den Bundesländern, die aktuell Hunderte Corona-Infizierte in der Fleischindustrie vorweisen: In Nordrhein- Westfalen seien vier von fünf Kontrollen, die auf Eigeninitiative durchgeführt wurden, eingestellt worden, heißt es in einem Papier der Fraktion.

Die Branche wehrt sich gegen härtere Vorgaben. "Aus unserer Sicht sind nicht vor allem die Arbeitsbedingungen schuld an den Corona-Ausbrüchen", sagt Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Deutschen Fleischwirtschaft. Als kritische Infrastruktur habe man die Produktion nicht stoppen können und weiter gearbeitet, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen. So könne es zu Ansteckungen kommen. Der Verband warnt vor härteren Auflagen. "Eine schnelle und einfache Lösung gibt es nicht", sagt Harstick. Wenn etwa die Einzelunterbringung vorgeschrieben und höhere Wohnungsmieten verursacht würden, seien "viele Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig". Teile der Branche würden abwandern, warnt Harstick. Und wenn wegen positiver Corona-Tests viele Betriebe geschlossen würden, wäre das auch ein Problem für die Versorgung, so die Verbandschefin.

Besser sei es, Betriebe unter Quarantäne zu stellen. Sonst würden auch Engpässe bei den Schlachtkapazitäten drohen. Schweine müssten dann möglicherweise wie in den USA getötet werden, weil Bauern keine Abnehmer mehr finden. "Das wäre ein tragisches Szenario."

© SZ vom 11.05.2020/aner

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