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Anti-Corona-Demos:Gesicherte Fakten vermengen sich mit Gerüchten

Demo-Teilnehmer wie Johanna Jonas, Kilian und die Frau aus Buchloe wissen, dass um sie herum an diesem Tag viele Menschen ernsthaft davon überzeugt sind, dass die Bundesregierung die Pandemie nutzt, um die Bevölkerung in Deutschland zu unterdrücken. Dass Bill Gates und seine Helfer das Virus gezüchtet haben und eine Impfdiktatur planen. Dass Medien und Künstler eine satanistische Weltverschwörung planten. Sie wissen, dass sich zum Beispiel in Berlin Menschen unter die Demonstranten mischten, die Kopien von Judensternen mit der Aufschrift "Ungeimpft" trugen, Demonstranten also, die den Holocaust relativieren und seine Opfer verhöhnen. Sie wissen, dass immer die Gefahr besteht, dass rechtsradikale und linksradikale Gruppen mit Transparenten die Demos kapern. Kilian zuckt ratlos mit den Schultern, schaut sich um und sagt: "Es sollten noch mehr Menschen demonstrieren, weltweit."

Zu den Demonstranten, die gegen die Corona-Beschränkungen protestieren, gesellen sich am Rand auch Menschen, die sehr wohl davon überzeugt sind, dass die Maßnahmen der Regierung im Kern richtig sind. Sie versuchen mit Fakten dagegenzuhalten. Sie verstehen nicht, wie man ernsthaft glauben kann, Covid-19 sei nicht gefährlich.

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Und die, die hier demonstrieren, verstehen nicht, warum die Mehrheit so klaglos Beschränkungen ihres täglichen Lebens hinnimmt. Verfolgt man die Diskussionen, die meist in gebührendem Abstand voneinander und mit angehobener Lautstärke geführt werden, wird klar, warum diese Debatte überall, auf der ganzen Welt, so unendlich schwierig ist. Gesicherte Fakten und kritischer Geist vermengen sich mit Gerüchten, Theorien, puren Erfindungen - und mit Aggression.

Ziemlich entspannt hockt hingegen ein Elternpaar mit fünf Kindern, zwischen fünf und 13 Jahren alt, vor der Bühne. Am bunten Plakat haben offensichtlich alle mitgebastelt: "Distancing kostet Lebenszeit von Jung & Alt" steht drauf. Der Mann ist Buchhalter, seine Frau Beamtin, sie bleiben auch lieber namenlos. Sie unterhalten sich angeregt mit den Nachbarn. Warum sind all die Leute hier? Muss da mal etwas raus, was schon immer rausmusste? Sind das hier nun Versprengte oder ist dies der Anfang einer neuen Bewegung? Der Buchhalter sagt: "Wir sind alle bestens informiert, ich zum Beispiel lese die FAZ." Sein Antrieb: "Ich will nicht die Selbstverantwortung abgeben an den Staat und eintauschen gegen Sicherheit."

Auf dem Cannstatter Volksfestplatz verteilen sie "positiv geladene Bergkristalle"

Auf dem Platz wird viel gefilmt und fotografiert. Vielleicht finden sich einige Bilder der Gutmeinenden hier ja wieder auf Youtube, wo zum Beispiel die Verschwörungstheoretiker der amerikanischen QAnon-Bewegung regelmäßig Filme produzieren, unterlegt mit pathetischer Musik, die das "Große weltweite Erwachen" bebildern sollen. Deutschland ist da eine Fundgrube, denn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist man hier mit Kundgebungen jedweder Couleur aktiver.

Vielleicht werden ja auch Aufnahmen aus Stuttgart daruntersein - hier findet an diesem Samstag auf dem Cannstatter Volksfestplatz schon die dritte Großdemo seit Ausbruch der Pandemie statt. Frauen und Männer in gelben Warnwesten verteilen "positiv geladene Bergkristalle". Ein älterer Mann mit Bart steigt von seinem Rad ab, den Helm noch auf den Kopf und liest sich durch, welche Regeln für die Demonstration gelten - 2,50 Meter Abstand zwischen den einzelnen Grüppchen zum Beispiel: "Das dient nur dazu, die Leute zu verarschen", schimpft er und schiebt sein Rad an der Absperrung vorbei. "Dieses SED-Weib", er meint die Kanzlerin, "gehört weg." Die Bergkristalle lässt er liegen.

Medien mögen die Organisatoren von der Initiative "Querdenken 711" nicht besonders gerne. Veranstalter Michael Ballweg, ein IT-Unternehmer aus Stuttgart, der bis zur Corona-Krise nicht politisch aufgetreten war, beginnt seine Rede wie schon beim letzten Mal mit einer ausführlichen Medienschelte. Ballweg wirft den Journalisten unter anderem vor, alle Demonstrationsteilnehmer in einen Topf zu werfen und als Verschwörungstheoretiker und Spinner zu bezeichnen. Wenn Reporter Demonstranten fragen, warum sie heute auf dem Wasen sind, haben viele keine Lust, etwas zu sagen. Ein Mann, der auf sein weißes Poloshirt die Worte "Widerstand gegen blinden Gehorsam. Denke selbst und handle danach", gedruckt hat, blafft nur: "Denken Sie sich doch was aus, das machen Sie doch sonst auch."

Die Menge auf dem Wasen-Gelände ist bunt. Die Veranstalter haben eine Teilfläche mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, um den Bereich zu markieren, in dem die genehmigten 5000 Teilnehmer Platz finden. Viele Leute haben Picknickdecken und Campingstühle mitgebracht. Sie verteilen sich locker auf der Fläche. Ob es tatsächlich 5000 sind, ist schwer zu sagen, weil die Abstände so groß sind. Jedenfalls lässt die Polizei kurz nach Beginn keine weiteren Besucher aufs Gelände. Auf Anregung von Ballweg melden sie deshalb in der angrenzenden Straße eine weitere Spontanversammlung an - die Polizei hatte das wohl kommen sehen und die Straße vorher eigens gesperrt.

Die Alternative: das schwedische Modell

Einige Besucher haben Kinder mitgebracht, die meisten Demonstrationsteilnehmer sind jenseits der 40, viele deutlich älter. Jugendliche und junge Erwachsene sieht man nur wenige. Einer von ihnen ist aus Tübingen angereist und hat sich mit einer Freundin auf einer karierten Decke niedergelassen. Er studiert Mikrobiologie und ist nicht der Ansicht, dass das Coronavirus völlig ungefährlich ist. Ihn stört aber, "dass mir die Regierung momentan deutlich zu autoritär ist." Es werde zu stark mit Einschüchterung gearbeitet. Eine Alternative wäre für ihn das schwedische Modell, wo die Bürger freiwillig Abstand halten.

Auch wenn die Menge jubelt, wenn per Videoeinspielung der Arzt Wolfgang Wodarg gezeigt wird und Dinge sagt, die nachweislich falsch sind, etwa, dass das Coronavirus ungefährlicher sei als die Grippe und dass man gar nicht merken würde, dass das Virus sich verbreite, wenn es keinen Test dafür gäbe. Nicht jeder Demonstrationsteilnehmer hier steht hinter allem, was auf der Bühne gesagt wird. Es grummelt hier und dort.

Zwei Frauen, die sich als Andrea, 56, und Maria, 57, vorstellen und gut 20 Kilometer von Stuttgart entfernt wohnen, wünschen sich vor allem "mehr Transparenz" und "mehr Aufklärung". Dass sich bei der Diskussion um die Corona-Schutzmaßnahmen plötzlich tiefe Gräben im Bekanntenkreis auftun, das beunruhigt Andrea. "Die Leute sind einfach total irritiert", sagt sie. In ihrem Bekanntenkreis wüssten viele nicht mehr, was sie nun dürfen und was nicht. Beide wollen, "dass die Leute achtsamer miteinander umgehen." Am häufigsten sind auf dem Wasen Schilder zu sehen, die sich gegen eine Impfpflicht aussprechen. Andrea und Maria jedoch haben sich Pappschilder umgehängt, auf denen ist ein großes Herz aufgemalt und die Worte "Licht, Liebe" und "Freiheit, Frieden".

© SZ.de/olkl

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