bedeckt München 31°

Anti-Corona-Demos:Wut, Kritik und Bergkristalle

Demonstrators Protest Against Coronavirus Restrictions And Policies

Bunte Mischung: Demonstranten auf dem Wasen in Stuttgart.

(Foto: Getty Images)

Nicht links, nicht rechts, nicht verschwörungstheoretisch, das sagen sie über sich selbst. Sie finden nicht alles gut, was da auf der Bühne gesagt wird, doch der Regierung misstrauen sie trotzdem. Was treibt die Menschen an, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren?

Frau Jonas hält ein bunt gestaltetes Plakat mit Blümchen hoch, darauf steht "Gegen Virus Blinder Gehorsam". Sie sagt, ihr Herz schlage weder rechts noch links, eine Impfgegnerin sei sie auch nicht und diese Verschwörungstheorien, nun ja, die seien ihr dann doch eher unheimlich.

Warum Johanna Jonas, 66, hier auf der Münchner Theresienwiese gegen die Corona-Einschränkungen demonstriert?

"Ich finde die Abstandsregeln richtig, mir fehlt jedoch der soziale Kontakt - und wegen der Maskenpflicht sehe ich kein Lächeln mehr." Die pensionierte Sozialpädagogin hat vor wenigen Wochen einen Schicksalsschlag erlitten. Ihr Mann starb, es gab keine feierliche Beerdigung und aufgrund der Kontaktbeschränkungen saß sie mutterseelenallein in ihrer Wohnung. Normalerweise veranstaltet sie Singkreise und Tanzkurse für Senioren. Die fallen jetzt weg, so sind die Senioren einsam und Johanna Jonas auch. "Ich fürchte, dass das noch schlimmer kommt mit einer möglichen zweiten Welle", sagt sie. Und fügt trotzig hinzu: "Ich möchte nicht, dass jemand darüber entscheiden darf, wohin ich gehe."

An diesem Wochenende, an dem die Bundesliga mit Geisterspielen startet, in einer Zeit, in der nach und nach Auflagen gelockert und Grenzen geöffnet werden, finden sich Tausende Menschen in deutschen Städten zusammen, um gegen die Corona-Einschränkungen zu demonstrieren. Stuttgart, München, Hamburg, Frankfurt, Berlin, das sind die größten Kundgebungen, hinzu kommen viele in kleineren Städten. Allein in Bayern sind 50 Versammlungen angemeldet, Hunderte weitere sind es bundesweit.

In München strömen die Menschen aus der U-Bahn in Richtung Theresienwiese, dort, wo Mitte September das Oktoberfest stattgefunden hätte, gäbe es die Pandemie nicht. Manche Demonstranten tragen Maske, andere nicht. "Die Maske - Mundschutz oder Maulkorb?", das ist einer der Slogans, unter denen die Teilnehmer hier auf die Straßen gehen.

Lehren aus der Massenversammlung am Marienplatz

Eigentlich hatten die Veranstalter in München 10 000 Menschen versammeln wollen. Aus Infektionsschutzgründen schritten die Behörden ein, genehmigten nur 1000 Teilnehmer. In Stuttgart hatten die Organisatoren gar 500 000 Demonstranten angemeldet, genehmigt wurden 5000. Eine schwierige Abwägung mit dem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Eine Woche zuvor war in München eine Kundgebung aus dem Ruder gelaufen. 3000 Menschen, die gegen die aus ihrer Sicht zu strikten Corona-Regelungen protestierten, drängten sich auf dem Marienplatz im Stadtzentrum, angemeldet waren 80. Abstandsregeln wurden nicht eingehalten, die Polizei entschied sich trotzdem, nicht einzugreifen, was ihr Kritik eingebracht hatte.

An diesem Samstag in München: Etwa 1000 Beamte im Einsatz, eine Null-Toleranz-Strategie, 500 Euro Bußgeld bei Missachtung der Auflagen, das hatte die Polizei vorher angekündigt. Die genehmigte Versammlungsfläche ist dann am Nachmittag schon vor Demo-Beginn voll, außerhalb der Absperrungen reihen sich noch einmal 2500 Leute auf. Weil einige zu eng beieinanderstehen, drängt die Polizei sie weg.

Auf der Theresienwiese selbst wachen Ordner über die Einhaltung des Mindestabstands: Weiße Klebekreuze auf dem Rasen markieren die regelkonformen Standpunkte der Teilnehmer. Auf der Bühne spielt eine Band, erst den Song "Aquarius" aus dem Hippie-Musical Hair und dann das schöne Volkslied "Die Gedanken sind frei".

Akkurat im Abstand zu einem Flatterband wartet eine Dame mit einem sehr großen Plakat, darauf unter anderem der Satz: "Ich wünsche uns allen Respekt voreinander und dass wir unser Recht auf ein eigenständiges Denken, auf Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung auch in der Krise nutzen". Ihren Namen will die 53-Jährige besser nicht sagen ("Schlecht für mein Dorfkarma."), nur dass sie aus Buchloe im Allgäu kommt und als Angestellte in der Gesundheitsprävention arbeitet.

Sie ist mit dem Auto nach München gefahren. "Mit dem großen Plakat habe ich mich nicht in den Zug getraut". Dreimal sei sie auf dem Weg vom Parkplatz bis zur Theresienwiese angepöbelt worden. Noch nie zuvor war sie auf einer Demo. Noch nie zuvor habe sie sich politisch engagiert. Aber jetzt ist sie hierher gekommen. "Das Zwischenmenschliche hat sich verändert, innerhalb von nur acht Wochen werden wir in Kluge und Dumme unterteilt. Es gibt keine wohlwollenden Gespräche mehr, man muss sich immer auf eine Seite schlagen."

Wie kann das besser werden? "Wir müssen vom Wegsperren wegkommen, wir brauchen Zwischenlösungen, Lockerungen mit Hirn."

Wie sie sich informiert? "Tagesschau, Internet. Aber ich weiß nicht, ob das alles auch stimmt, was ich da höre."

Durchsage an alle Verschwörungstheoretiker

Apropos Zugfahren und öffentliche Verkehrsmittel: Am Wochenende sorgte die Durchsage eines ICE-Zugbegleiters für Furore. Als "Hinweis an alle Verschwörungstheoretiker bei uns an Bord" sagte er mit Verweis auf die Maskenpflicht im Zug: "Denken Sie bitte daran, dass die Bundesregierung heimlich Speichelproben sammelt, um Klone von Ihnen zu produzieren, die Sie dann ersetzen sollen."

Irgendjemand hat ein Video mit der Durchsage auf Twitter gestellt, es wurde geteilt wie verrückt. Aber darf man das? Sich lustig machen, sich auf diese Weise erheben, über diejenigen, die zweifeln an der Strategie der Regierung, die den Überblick verloren haben bei all den Maßnahmen gegen die Pandemie. Wie kommt das Zugbegleiter-Video an, bei denjenigen, die keine harten Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretiker sind, sondern einfach nur mitlaufen auf der Theresienwiese und anderswo?

Kilian, gerade 18 Jahre alt geworden, beschwert sich, dass er als Linker, Rechter oder Verschwörungstheoretiker verunglimpft werde, nur weil er an dieser Demo teilnehme. Er macht kommendes Jahr Abitur, trägt einen Button mit der Aufschrift "Für Freiheit und Selbstbestimmung" und hat seine Mutter Susanna mitgebracht. Sein Anliegen: "Ein Immunitätsausweis schafft zwei Gesellschaften, das ist ungerecht. Die Impfpflicht sehe ich als Körperverletzung. Die Tracking-Apps sind ein schlimmes Instrument der Politik."

Was steckt hinter den Freiheitseinschränkungen, die Bund und Länder beschlossen haben? Kilian und seine Mutter überlegen: "Keine Ahnung. Vielleicht fließt da Geld von der Pharmaindustrie. Es wird versteckt, was wirklich dahintersteckt." Wie sich der Schüler Kilian informiert? "Ich sehe mir die Livestreams von Corona-Demos von Carolin Matthie auf Youtube an." Die Berliner Influencerin Matthie, 27, ist Nachwuchs-Hoffnung der AfD.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite