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Staudamm-Projekt in China:Mit allen Wassern bewaffnet

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"Der Reinigende", Yarlung Tsangpo, heißt in Tibet noch der Fluss, der dann auf dem Weg zum Meer der Brahmaputra wird. An seinem Oberlauf plant China ein gewaltiges Wasserkraftwerk.

(Foto: Imaginechina-Tuchon/imago images)

Peking plant einen Mega-Staudamm am Brahmaputra-Strom und alarmiert damit seine südlichen Nachbarn. In Delhi und Dhaka wachsen die Ängste vor Dürren oder Fluten, sollte China am Oberlauf des Flusses die Stellschrauben drehen.

Von Arne Perras

Auch im Osten gibt es einen "Grand Canyon", größer, tiefer und noch wilder als der berühmte westliche Bruder im US-Staat Arizona. Weitgehend unerschlossen liegt er im Himalaja, wo sich einer der mächtigsten Ströme Asiens seinen Weg durchs Gebirge bahnt: der Brahmaputra. Als Quell des Lebens verehren ihn die Menschen seit Jahrtausenden. Doch in den vergangenen Wochen speiste der Fluss Sorgen und Ängste, weil China ganz Großes mit ihm vorhat.

Von seinem Ursprung am Angsi-Gletscher fließt der Brahmaputra, der im Gebirge noch Yarlung Tsangpo ("der Reinigende") heißt, zunächst Hunderte Kilometer nach Osten. Dann verlässt er das tibetische Hochplateau, zieht eine Schleife nach rechts und sucht sich seinen Weg in die Ebene. Durch zerklüftete Schluchten tosen die Wassermassen abwärts, streben nach Südwesten, fließen durch das indische Assam und ins Delta von Bangladesch, wo sie sich - zusammen mit Ganges und Meghna - in den Ozean ergießen.

Der Brahmaputra sichert auf einer Länge von fast 3000 Kilometern das Leben Hunderter Millionen Menschen. Wer den Oberlauf kontrolliert, hat Macht über diejenigen, die stromabwärts leben und darauf angewiesen sind, dass auch bei ihnen noch genügend Wasser ankommt. So verwundert es nicht, dass sich Unruhe in Indien und Bangladesch verbreitet, seitdem Peking Pläne bekannt gemacht hat, eine gewaltige Staumauer im Gebirge zu errichten.

"Das ist eine ernste Bedrohung", sagt E.A.S. Sarma , Physiker und ehemals hochrangiger Beamter der indischen Regierung. "Indien und China haben nie einen Vertrag über die gemeinsame Nutzung des Wassers am Brahmaputra abgeschlossen." Bisher beschränken beide Staaten ihre Kooperation auf den Austausch von Informationen bei Überschwemmungen. "Es sieht so aus, als wollten sie das Projekt am Brahmaputra als Hebel benutzen, als eine Art Wasserwaffe", fürchtet Sarma mit Blick auf das Bauvorhaben Chinas in der Schlucht.

"Es gibt in der Geschichte keine Parallele", frohlockt der Energieriese in Peking

Um den Plan vom Mega-Kraftwerk zu verkünden, nutzte Peking die staatlich kontrollierte Global Times. Das Blatt zitierte Yan Zhiyong, den Chef des staatseigenen Energiekonzerns "Powerchina", der das Vorhaben als eine "historische Chance für die Wasserkraftindustrie" lobte und stolz verkündete: "Es gibt in der Geschichte keine Parallele."

Damit spielte Yan auf Standort und Größe an. Seit dem Bau des Drei-Schluchten-Damms am Jangtse hat es kein so ehrgeiziges Projekt Pekings mehr gegeben. Der Geograf Sayanangshu Modak von der "Observer Research Foundation" in Kalkutta spricht vom Versuch, "einen der wildesten Flussabschnitte der Erde zu zähmen".

Über die exakten Koordinaten wird noch spekuliert, Peking hält sich bedeckt, bekannt ist aber, dass das geplante Kraftwerk mit einer Kapazität von 60 Gigawatt in den nächsten Fünfjahresplan einfließen soll. Laut Global Times ist er im zerklüfteten "Grand Canyon" des Yarlung Tsangpo geplant, wo das Wasser auf einer Strecke von 50 Kilometern 2000 Meter an Höhe verliert. Kommt der Damm, würde dort dreimal so viel Energie gewonnen wie am Drei-Schluchten-Damm. Es wäre damit das leistungsstärkste Wasserkraftwerk der Welt.

Indiens Medien empören sich, doch Delhi wirkt hilflos

Das extreme Gefälle zur Gewinnung von Energie zu nutzen, ist für Chinas Technokraten verlockend, für Ingenieure kompliziert und für Umweltpolitiker ein äußerst kniffliger Fall. Einerseits drohen irreparable Eingriffe in ein natürliches Flusssystem, andererseits öffnet Wasserkraft eine Chance, Treibhausgase zu mindern und das Klima zu schützen, ein Argument, das China nun betont.

Wenn es Empörung im indischen Kabinett gab, so hielt es sich öffentlich stark zurück. "Die Regierung überwacht sorgfältig alle Entwicklungen am Fluss Brahmaputra", erklärte das Außenamt. Indische Fernsehsender hingegen schäumten und produzierten Schlagzeilen wie diese: "Dragon Dam Dare" - die Herausforderung des Drachen-Damms. Der Tenor: Wie kommt China dazu, seine Nachbarn mit einem Super-Damm einzuschüchtern?

Delhi muss bereits damit leben, dass Peking kleinere Kraftwerke am Oberlauf plant und baut, eines ist seit 2015 in Betrieb. Das neue Projekt im Canyon aber ist von anderer Dimension. Und es fällt in eine Zeit, in der sich enorme Spannungen aufgebaut haben. Im Sommer waren indische und chinesische Truppen in Ladakh aneinandergeraten, bei Nahkämpfen mit Fäusten und Keulen starben zahlreiche Soldaten.

Das Beispiel des Mekong schreckt ab

Angesichts der Baupläne Pekings warnte der Indian Express, dass Staumauern große Mengen an Schlamm mit Nährstoffen zurückhalten, sie fehlen dann in den Ebenen. Die Landwirtschaft leidet, außerdem sind artenreiche Biotope bedroht. Ein weiteres Risiko ergibt sich aus der Erdbebengefahr im Himalaja. Das allerdings hat auch Delhi nicht davon abgehalten, andernorts im Gebirge Dämme zu bauen, etwa in Tehri weiter westlich.

Mit besonderem Interesse blickt Indien auf Entwicklungen am Mekong in Südostasien. Dort lässt sich bereits studieren, wie sich eine Reihe von Dämmen am Flussoberlauf - in China und Laos - auf die Länder am Unterlauf auswirkt. Thailand, Kambodscha und Vietnam litten wiederholt unter Wassermangel, es gefährdet Fischer, Bauern und damit auch Millionen Verbraucher. Vorwürfe, dass China in trockenen Zeiten Wasser zurückgehalten habe, weist Peking zurück.

Am Brahmaputra wiederum gibt es nicht nur Ängste vor drohendem Wassermangel, sondern auch vor blitzartigen Fluten, je nachdem, welche Stellschrauben China bedienen könnte. In Bangladesch klingen Wasserexperten ohnmächtig: "China sitzt ganz oben am Brahmaputra. Wir haben offiziell noch gar nicht erfahren, was sie da machen", klagte Mahmudur Rahman in Dhaka. "Wir haben vom Bau des Damms aus den Medien erfahren, haben keine Daten."

Rahman gehört zur "Joint River Commission", die Indien und Bangladesch schufen, um sich in Wasserfragen zu koordinieren. In Bangladesch gibt es schon länger Beschwerden, dass Indien zu viel Wasser aus Flüssen entnehme. Nun kommen Pekings Pläne hinzu. Nur dass Dhaka seine Sorgen nicht so laut artikuliert, weil China auch als Investor gebraucht wird.

Die Rivalität der Atommächte schaukelt sich an der Wasserfront auf

Es dauerte nicht lange, bis Peking beschwichtigte, man solle nicht zu viel hineininterpretieren in die Pläne, die sich noch in einem frühen Stadium befänden. Im Übrigen habe China stets eine "verantwortungsvolle Haltung" eingenommen. Weder in Indien noch in Bangladesch dürfte das die Nervosität mindern. Sorgen, China könnte Dämme zum eigenen strategischen Vorteil nutzen, kursieren schon länger. Eine Studie des U. S. Naval War College, eines Instituts der amerikanischen Marine, kam schon 2013 zu dem Schluss, dass China durch Dämme genügend Kontrolle über den Fluss an sich ziehen kann, um die Nahrungsproduktion seiner Nachbarn abzuwürgen.

Angst geht um, China könnte den Nachbarn im Wortsinn das Wasser abgraben, indem es den Strom umleitet, etwa, um trockene Gebiete im Norden zu versorgen. Überlegungen, Wasser aus Tibet umzulenken, reichen in China bis ins 19. Jahrhundert zurück. Zuletzt sorgten Berichte über angebliche Pläne 2017 für Aufregung, offiziell bestätigt wurden sie nicht. Doch die Regierungen in Indien und Dhaka wissen, dass solche Szenarien eine existenzielle Bedrohung bedeuten. Das Erpressungspotenzial durch Wasserkontrolle ist gewaltig.

Der indische Politologe Brahma Chellaney kommentiert, dass Indien nun nicht nur "chinesische Aggression" an Land erlebe und maritim von Peking bedrängt werde. Nun sei sein Land auch noch durch "Wasserkriege" gefährdet. Zwar hat Peking stets zugesichert, es werde nichts unternehmen, was sich am Unterlauf negativ auswirke, doch Delhi kann kaum abschätzen, was solche Zusagen in Zeiten wachsender Spannungen wert sind. Das weiß man auch in Peking, die Staatspresse weist darauf hin, dass Delhi kein "ausreichendes politisches Vertrauen" in Peking habe und sich jetzt - leider - von nationalistischen Gefühlen hinreißen lasse, anstatt die Chancen zu erkennen, im Energiesektor zu kooperieren.

So droht sich die Rivalität der beiden Atommächte an der Wasserfront aufzuschaukeln. Indien erwägt sogar den Bau einer eigenen Staumauer, um die möglichen Folgen des chinesischen Damms besser in den Griff zu bekommen. Ein Reservoir nahe der Grenze soll eine Möglichkeit schaffen, den Wasserstand nach eigenen Bedürfnissen zu regulieren. So hat ein Wettlauf ums Wasser begonnen. Nur dass diejenigen, die am Unterlauf liegen, immer am kürzeren Hebel sitzen.

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