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China:Parade der Ohnmacht

China wollte innere Größe und Geschlossenheit zeigen - diesen Anspruch wird es jetzt womöglich mit Gewalt durchsetzen. Die Jubiläumsfeiern zeigen, wie schal und leblos dieses Land in Wahrheit ist.

Seitdem Staats- und Parteichef Xi Jinping die restlichen Spitzenkader der KP Chinas zurückgedrängt hat und alleine auf dem Gipfel der Macht residiert, ist politische Astrologie in Peking wieder in Mode gekommen. Wie einst die Kremlogie in Sowjetzeiten, kann in China nun meist nur noch die Zhongnanhai-Kunde, also die Fährtenleserei im innersten Regierungsbezirk, Aufschluss geben über Denkspiele und Machtstrukturen. Da ist es von feiner Ironie, dass ausgerechnet der 70. Gründungstag der Volksrepublik einen ungetrübten Blick auf die explosiven Zustände in Staat und Führung Chinas ermöglicht.

Welch krasser Gegensatz also zwischen der blank polierten Kulisse in Peking, dem bis aufs letzte Staubkorn gesäuberten Paradeweg der Truppen und Schauwagen auf der einen Seite - und den Gewaltbildern aus Hongkong auf der anderen Seite. In Peking demonstriert die Führung ihr kraftstrotzendes Selbstbewusstsein, sie errichtet die Fassade eines Hochglanzchinas, sie beschwört, ach was, sie beschreit Einheit, Geschlossenheit und Unbeirrbarkeit. Und in Hongkong wird geschossen.

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Die Eskalation in der Sonderverwaltungszone überlagert all die Botschaften, die der Apparat in Peking seit Jahren für diesen Tag vorgesehen hatte. Die Demonstranten zerstören die Jubiläumsfeier und verursachen einen Gesichtsverlust, wie ihn kein chinesischer Führer erleiden darf. Es gehört nicht viel Fantasie zu der Prognose, dass man nun in Hongkong mit dem Schlimmsten rechnen muss.

Die Truppen stehen bereit

Peking hat mit der Truppen- und Waffenparade einen Stärkeanspruch dokumentiert, der 2000 Kilometer weiter südlich in seiner Absurdität vorgeführt wurde. Was ist die großspurige Rede von Einheit und Überlegenheit wert, wenn die innere Zerrissenheit an diesem Tag so eindeutig in die Welt hinausdemonstriert wird? China ist Opfer der eigenen Propaganda geworden: Das Land wollte innere Größe und Geschlossenheit zeigen, jetzt wird es diesen Anspruch womöglich mit Gewalt durchsetzen. Die Truppen jedenfalls stehen bereit. Von innerer Größe wird dann nichts mehr übrig sein.

Die neuen ballistischen Raketen, die Überschalldrohnen und autonomen U-Boote zeugen von militärischer Macht und sollen Respekt einflößen. Tatsächlich aber weiß auch Parteichef Xi, dass die eigentliche Bedrohung seiner Macht nicht von außen kommt.

"Keine Macht kann den Status quo unseres großartigen Vaterlandes erschüttern, keine Macht kann den Fortschritt des chinesischen Volkes und der chinesischen Nation aufhalten", rief Xi in Peking. Er forderte damit vor allem Gefolgschaft im Inneren, in Hongkong und in den Provinzen. Xi will bedingungslosen Gehorsam - und implizit machte der Parteichef klar, dass er diesen Anspruch mit allen Mitteln durchzusetzen bereit ist.

Von der Überlegenheit Chinas bliebe dann freilich wenig übrig. Die Jubiläumsfeiern zeigen, wie schal und leblos dieses Land in Wahrheit ist, wie inszeniert, geglättet und diktiert der Jubel ausfällt. Hongkong ist zwar nicht das Festland, und Hunderte Millionen Chinesen sind stolz auf ihre Leistung. Aber dennoch zeigt der bedingungslose Hunger nach Freiheit in der Sonderverwaltungszone, dass China entscheidende Kapitel fehlen zu einer echten Erfolgsgeschichte.

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