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CDU in Hessen:Ein Landesonkel, der Energie aus der Krise zieht

Landesparteitag CDU Hessen

Volker Bouffier bleibt Landesvorsitzender der CDU.

(Foto: dpa)

Volker Bouffier, dienstältester Ministerpräsident des Landes, ist in Hessen mit großer Mehrheit als Landesvorsitzender der CDU bestätigt worden. Wie hat er das geschafft?

Von Matthias Drobinski, Willingen

Da steht Volker Bouffier am Pult in diesem fensterlos bunkerartigen Gewölbe und muss über den Tod reden, über zwei schrecklich unfassbare Tode. Manfred Pentz, Generalsekretär der hessischen CDU, ist gerade am gleichen Ort in Tränen ausgebrochen, als die Fotos von Walter Lübcke und Thomas Schäfer auf den großen Monitoren leuchteten; der Kasseler Regierungspräsident wurde erschossen, mutmaßlich vom Rechtsextremisten Stefan Ernst, der hessische Finanzminister hat sich umgebracht, weil ihn die Sorgen erdrückten, als das Corona-Virus übers Land kam. Draußen pfeift schneidender Sauerlandwind um die Doppelhalle im Upländer Skisprungort Willingen, drinnen ist den 331 Delegierten der Tod so nah wie selten auf einem Landesparteitag.

Er weint nicht, Volker Bouffier, Hessens Ministerpräsident. Seine Stimme aber ist noch rauer als sonst, wenn er Lübcke als Mann würdigt, der sterben musste, weil er für die Menschenwürde eintrat, wenn er den Kindern von Thomas Schäfer, die im Saal sind, sagt: "Ihr könnt stolz sein auf euren Papa." So viel ist passiert in diesem Jahr in Hessen. In Hanau hat ein Rassist neun Menschen erschossen. In Volkmarsen ist ein Amokfahrer in den dortigen Rosenmontagszug gefahren und hat mehr als 150 Menschen verletzt. Und dann ist die Pandemie gekommen und hat alle Sicherheiten erschüttert. Nun beschert sie Hessens CDU diesen merkwürdigen Parteitag: Die Delegierten sitzen auf Abstand in zwei Räumen, man trägt CDU-Maske und wählt am Platz hinter einem Pappkarton, der "Schoßwahlkabine" heißt. Der beliebte "Hessenabend", bei dem die Abgesandten ihre Allianzen schmieden konnten, fällt aus. Demokratische Willensbildung ist unter Coronabedingungen ein arg verschlankter Vorgang.

Das Seuchenjahr hat viele Politiker bis über ihre Grenzen hinaus belastet. Von Volker Bouffier heißt es dagegen, er ziehe einige Energie aus der Krise. Anfang 2019 war bei ihm Hautkrebs diagnostiziert worden. Nach einer umfangreichen Behandlung hatte er die Amtsgeschäfte wiederaufgenommen, seitdem aber wurde in Hessens CDU offen diskutiert, wer dem heute 68-Jährigen als Ministerpräsident und Parteichef folgen könnte - meist wurde Finanzminister Schäfer genannt. Als dann überall im Land die Regierenden dem Volk die Kontaktbeschränkungen erklären mussten, da hielt sich Bouffier klug aus den Laschet-Söder-Wettbewerben heraus und sagte den Hessen mit tiefer Stimme, dass sie die Seuche ernst nehmen müssten, aber nicht in Panik verfallen sollten; als guter Landesonkel, der weiß, was Sache ist. Sein Koalitionspartner Tarel Al-Wazir von den Grünen, bis dahin getragen vom Trend zum Klimaschutz, stand brav daneben. Bouffier, mittlerweile dienstältester Ministerpräsident der Bundesrepublik, wurde in der Corona-Krise zum wichtigen Verbündeten von Bundeskanzlerin Angela Merkel, gerade weil er sich öffentlich nicht positionierte. Und angesichts seiner exzellenten Umfragewerte kam Bouffier offenbar zur Auffassung, dass sein bestmöglicher Nachfolger in der CDU doch erst einmal er selber sei.

Zehn Jahre ist es ziemlich genau her, dass in der gleichen fensterlosen Halle in Willingen Hessens CDU Bouffier erstmals zum Vorsitzenden wählte. Auch damals gab es Stimmen, die in ihm einen Übergangs-Vorsitzenden sahen. Der bisherige Innenminister des überraschend zurückgetretenen Ministerpräsidenten Roland Koch war der älteste jener verschworenen konservativen Truppe, die 1998 das Bundesland von der SPD erobert hatte, mit einem harten Wahlkampf gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, und die seitdem einigermaßen brachial das Land regierte. Der einstige Basketballer aus dem oberhessischen Gießen schien ein Auslaufmodell zu repräsentieren, das auch in der CDU nicht mehr mehrheitsfähig war.

Bouffier aber hat sich als wandlungsfähiger erwiesen, als seine Kritiker dachten. Ausgerechnet er brachte 2013 das Bündnis mit den Grünen zusammen, die gerade in Hessen immer auf der anderen Seite aller denkbaren Barrikaden gestanden hatten. Ihn und Tarek Al-Wazir verbindet eine respektvolle Zusammenarbeit. Mal leidet die CDU an ihr, wenn es um die Energiewende und um Windkraftanlagen geht, mal leiden die Grünen, wenn sie schonend mit dem durch die NSU 2.0-Affäre angeschlagenen Innenminister Peter Beuth umgehen müssen oder zähneknirschend den Weiterbau der Autobahn 49 akzeptieren. Aber: die knappe schwarz-grüne Ein-Stimmen-Mehrheit hält.

"So wie die waren wir nie - und so wie die werden wie nie!"

Zwei weitere Jahre will Bouffier nun weitermachen. Knapp eine Stunde dauert seine Bewerbungsrede. Er spricht von "Besinnung und Besonnenheit" und dass er sich nicht an dem Wettbewerb beteiligen möchte, "wer der Härteste, Schnellste und Knackigste" ist, wenn es ums Handeln in der Pandemie geht. Er lobt den Föderalismus, die Vielfalt der Länder habe dazu beigetragen, dass Deutschland die Krise bislang so gut bewältigt habe. Die Christdemokraten mahnt er zur Geschlossenheit - und fordert, dass sie sich noch vor dem Bundesparteitag im Dezember in Stuttgart einen Kanzlerkandidaten benennen. Er wendet sich scharf gegen die AfD: "So wie die waren wir nie - und so wie die werden wie nie!" ruft er unter Applaus in den Saal. Er gibt den Linken und ihrer Fraktionschefin Janine Wissler einen mit, die den Sozialismus einführen wolle, kritisiert scharf die militanten Gegner des Ausbaus der A 49, die in Gießen 200 Autos mit roten Kreuzen zum "Abfackeln" markiert hatten, das sei schlicht kriminell. Sowas hebt die Stimmung unter den vereinzelt sitzenden Delegierten, schafft Nähe in der Distanz. Und doch bleibt Bouffier verhalten an diesem Samstagnachmittag; manchmal klingt er wie Ben Becker, wenn der aus der Bibel vorliest, spricht von Verlässlichkeit, den großen Linien, davon, dass das Land die Krise schaffen kann - wenn genügend Leute CDU wählen, natürlich.

Der Applaus kleckert eher durch die Halle als dass er tobt. "Ich freue mich, wieder bei guter Gesundheit hier vor Ihnen stehen zu können", sagt er. "Ich möchte wieder Euer Vorsitzender sein". Die Delegierten wählen ihn mit 92,6 Prozent der Stimmen, das ist etwas schlechter als vor zwei Jahren. Doch wer an diesem Tag etwas zu meckern hat, der straft Geschäftsführer Manfred Pentz ab: Der kommt auf nur 70,2 Prozent Zustimmung. Auch, weil er den ehemaligen Wiesbadener Oberbürgermeister Hildebrand Diehl am Anfang versehentlich als verstorben gewürdigt hatte. Der aber lebt.

© SZ.de/segi
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