Es blieb nicht der einzige Fall. Bei einem Mittagessen mit Kollegen des MGFA äußerte ich mich zur Ermordung der Spartakus-Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1919 durch Freikorps-Offiziere.
Daraufhin sagte ein am Tisch sitzender Major, ebenfalls promoviert, vormals Kommandeur eines Artilleriebataillons: "Was heißt da politische Morde! Das war doch nur die Beseitigung von Umweltverschmutzung!" Der Offizier rechnete wiederum damit, dass ihn der Korpsgeist der Anwesenden schützen würde.
Als Reaktion auf die Wiedervereinigung und die neue Politik des Militärinterventionismus gab es in den Neunzigerjahren ein deutliches Anwachsen rechtsradikaler Vorgänge in der Bundeswehr.
Nach einer Auflistung des Verteidigungsministeriums manifestierten sich rechtsradikale Einstellungen in dieser Zeit vorwiegend als Propagandadelikte, also Hitler-Gruß, Nazi-Parolen, Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz, Wehrmachtskoppel, rechtsradikales Liedgut, rechtsradikale Bilder auf den Stuben von Soldaten, ausländerfeindliche, rassistische Äußerungen.
In einigen Kasernen wurden "Traditionsräume" entdeckt, die mit ihren Exponaten eine kritiklose Nähe zur Wehrmacht dokumentierten - obwohl schon der Traditionserlass von Minister Hans Apel (SPD) aus dem Jahre 1982 einen Trennstrich zur Wehrmachtgeschichte gezogen hatte. In der Franz-Josef-Strauß-Kaserne im bayerischen Altenstadt feierten Fallschirmjäger "Führers Geburtstag" mit Nazi-Fahnen, Hitler-Bildern und dem Absingen des nationalsozialistischen Horst-Wessel-Liedes.
Auf dem Dachboden einer Kaserne fand man ein Waffenlager. Ein Kapitänleutnant der Reserve gab vor Untergebenen eine rassistische Gewaltfantasie zum Besten: "Alles, was nicht arisch ist und nicht in Deutschland lebt, gehört erschossen oder in die Gaskammer." Auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg inszenierten Bundeswehrangehörige ihre Gewaltfantasien vor der Kamera.
Ein Bundeswehr-Hauptmann namens Daniel K. löste bei mir einmal mehr Assoziationen zur Geschichte der Freikorps aus. Dieser Offizier, der im Kommando Spezialstreitkräfte (KSK) in Calw diente, griff 2007 einen anderen Offizier an, der statt internationaler Militäreinsätze lieber zivile Lösungen suchen wollte.
K. schrieb an seinen Kontrahenten, den Oberstleutnant Jürgen Rose, Mitglied des "Darmstädter Signals": "Ich beurteile Sie als Feind im Innern und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen."
Das entspricht exakt dem Ton der rechtsradikalen Freikorpskämpfer der Weimarer Republik, die später bei der NSDAP und der SS landeten. K. drohte seinem "Kameraden": "Sie werden beobachtet ... von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht."
Ein Nazi, ein Antisemit und ein Freund rassistischer Witze
Umso mehr überrascht es, dass die Vorgesetzten auch diesen krassen Fall niedrig hängten und den aggressiven Freikorps-Adepten mit einer geringfügigen Disziplinarmaßnahme mehr deckten als bestraften.
Im KSK brachte es K. bis zum Oberstleutnant. Nach der Aufdeckung einer möglichen Verbindung zu den "Reichsbürgern" wurde er 2019 zu seiner großen Überraschung vom Dienst suspendiert. Offenbar glaubt er, dass seine Gesinnung kompatibel mit dem Offiziersdienst in der Bundeswehr sei.
Ein Beispiel aus dem Jahr 2017 leuchtet in die unteren Etagen der Hierarchie hinein, in eine Mannschaftsstube im thüringischen Gotha. Christian Weißgerber, der später aus der braunen Szene ausstieg, berichtete über seine Stube, die er mit sieben Kameraden teilte: "Einer von ihnen bezeichnete sich selbst als Nationalsozialist, einer gehörte einem rechtskonservativen Männerchor an. Ein Dritter riss rassistische Witze, ein Vierter war Antisemit."
Die anderen seien "eher neutral eingestellt" gewesen, sagt Weißgerber. "Das heißt, sie blieben stumm, als die anderen die Hände übereinanderlegten und scherzhaft einen Pakt schlossen. 'Wir schworen uns gegenseitig, dass wir das Weltjudentum vernichten werden'."
Schlagzeilen machte der Fall des Oberleutnants Franco A., der sich demnächst wegen Terrorverdachts vor Gericht verantworten soll. Die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte den Fall 2017 bekannt.
Vor dem Hintergrund vieler rechtsradikaler Vorfälle in der Vergangenheit sagte sie öffentlich, von Einzelfällen könne nicht mehr die Rede sein; die Probleme gingen tiefer; es gebe in der Truppe einen falsch verstandenen Korpsgeist und womöglich ein rechtsradikales Netzwerk.
Wolfram Wette, geboren 1940, war Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg; 1998 wurde er Professor für Neueste Geschichte. Er zählt zu den Begründern der kritischen Militärgeschichte.
(Foto: imago stock&people)Historische Vorbilder finden die heutigen potenziellen Rechtsterroristen in Uniform nicht in erster Linie in der Wehrmacht. Denn deren Soldaten handelten in der Regel nicht aus eigenem Antrieb. Sie wurden "von oben" auf die Linie des rassenideologischen Vernichtungskrieges eingeschworen. Stattdessen fällt der Blick eher auf die Freikorps-Mörder der frühen Zwanzigerjahre. Freiwillig meldeten sich damals hauptsächlich jene Weltkriegssoldaten, die nicht ins zivile Leben zurückfanden.
Von einem aggressiven Nationalismus angetrieben, ermordeten junge rechtsradikale Freikorpsoffiziere prominente Politiker, die in ihren Augen "innere Feinde" waren. Wenn die Täter vom "jüdischen Bolschewismus" redeten, meinten sie gar nicht in erster Linie Kommunisten, sondern Kriegsgegner, Demokraten, Verständigungspolitiker und Juden.
Wie wichtig ist das alles? Haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das in den Medien hochgefahren wird? Hat das Ganze eine eher disziplinarrechtliche oder eine politische Dimension? Die Einschätzung dieser Gefahren ist wohl immer spekulativ. Aus dieser Unsicherheit kann sowohl überschießender Alarmismus als auch abwiegelnde Unterschätzung resultieren.
Auch unsere heutige, wesentlich gefestigtere Demokratie ist vor Destabilisierung nicht gefeit. Im März 2019 teilte der Militärische Abschirmdienst (MAD) dem Innenausschuss des Deutschen Bundestags in einer vertraulichen Sitzung mit, dass er aktuell "450 Verdachtsfälle" bearbeite. 2018 seien vier rechtsextremistisch eingestellte Soldaten aus der Bundeswehr entlassen, zehn weitere enttarnt worden.
Fantasieren vom "Tag X" und einem Bürgerkrieg
Gemessen an den 185 000 Soldaten, die in der Bundeswehr dienen, sind das auf den ersten Blick keine beunruhigenden Zahlen. Allerdings können einige wenige rechtsradikale Bundeswehroffiziere ein unkalkulierbares Gefahrenpotenzial sein. Der anwachsende Nationalradikalismus hat auch einen gewalttätigen Rechtsextremismus hervorgebracht und reicht in die Bundeswehr, die Polizei und andere Sicherheitsdienste hinein.
Jetzt spricht Innenminister Horst Seehofer offiziell von "rechten Netzwerken". Angesichts der Erkenntnisse zeigen sich MAD und Verfassungsschutz neuerdings "hoch alarmiert".
Die Bundesrepublik hat gezeigt, dass sie in der Lage ist, politische Gewalt im Innern erfolgreich zu verhindern, also das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Bürgerinnen und Bürger haben sich an die Gewaltfreiheit im Innern gewöhnt und nehmen sie als eine Selbstverständlichkeit wahr. Aber gerade in pazifizierten Staaten, sagt der israelische Historiker Yuval Noah Harari, können Terroristen besondere Erschütterungen, Ängste und Gefühle der Anarchie auslösen.
Damit kalkulieren auch gewaltbereite Rechte in Deutschland, wenn sie vom "Tag X" und Bürgerkrieg fantasieren. In der Bundeswehr begünstigt heimliches Sympathisieren mit rechtsradikalem Gedankengut die Rechtsextremisten. Jetzt muss die Gesellschaft die Demokratie entschlossen verteidigen gegen jene, die aus der deutschen Geschichte die falschen Lehren ziehen.