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Bundeswehr:Das schwarze Jahr des KSK

Getarnte Scharfschützen des Kommando Spezialkräfte KSK im Gelände Am Tag der Bundeswehr 2017 in Fas

Wegducken gilt nicht: Das KSK, der Eliteverband der Bundeswehr, muss sich der schwersten Krise seit seiner Gründung vor 24 Jahren stellen.

(Foto: Björn Trotzki/imago)

Nach den Nazi-Skandalen beim Kommando Spezialkräfte protestieren Soldaten gegen den Verdacht, die ganze Truppe sei rechtsextrem. Das Misstrauen ist groß.

Von Daniel Brössler, Joachim Käppner und Mike Szymanski

Alles war bereit, so wird es berichtet. In der Glutsonne eines afrikanischen Landes hatten die Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) Quartier bezogen, eine Einsatzzentrale war aufgebaut, die Helikopter für die Mission standen zur Verlegung parat in Deutschland. Eine Geisel sollte aus den Händen bewaffneter Entführer befreit werden.

Der Aufenthaltsort der Geisel schien klar genug eingegrenzt zu sein, um die Befreiungsmission zu wagen. Das KSK hätte, schildern Insider, nur noch grünes Licht aus Berlin benötigt. Verteidigungsministerium und Auswärtiges Amt wollen sich dazu nicht äußern, man spreche grundsätzlich nicht über KSK-Operationen oder die Entführungen von Deutschen im Ausland. Das grüne Licht jedenfalls kam nicht. Die militärische Option werde nicht mehr verfolgt, hieß es plötzlich.

Über die Gründe gehen die Darstellungen auseinander. Der Aufenthaltsort der Geisel sei eben nicht ausreichend gesichert gewesen, ist in Berlin zu hören. Es habe im Krisenstab auch keine einheitliche Analyse der Lage und der Optionen gegeben. Gesichert ist, dass die Männer des KSK wieder abgezogen sind - tief frustriert. Sie hätten ihr Leben riskiert, um Leben zu retten. Für solche Fälle wurde das KSK 1996 schließlich aufgestellt.

Wer zum Eliteverband der Bundeswehr geht, tut dies, um eingesetzt zu werden. Über ihre Einsätze dürfen KSK-Soldaten nicht reden. Auch die Parlamentarier erfahren erst nachher von den Geheimmissionen. Gerade wenn es um Geiselnahmen geht, wird Verschwiegenheit hochgehalten - um die Betroffenen nicht zu gefährden und um sich möglichst viele Optionen offenzuhalten.

2017 warfen Soldaten bei einer Feier mit Schweineköpfen, es gab wohl auch Nazimusik - die Beteiligten jedoch schweigen

Die Frage, die sich aber beim KSK mittlerweile stellt, ist von existenzieller Natur: Werden wir noch gebraucht? Das KSK steckt in der tiefsten Krise seit seiner Gründung 1996. Die Truppe hat seit geraumer Zeit mit Rechtsextremismus in den eigenen Reihen zu kämpfen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat angekündigt, mit "dem eisernen Besen" dort aufzuräumen, und den Verband in eine Art Notbetrieb versetzt, um die Fälle aufzuklären. Probleme gab es besonders in der 2. der vier Einsatzkompanien. 2017 kam es dort zu einer wüsten Abschiedsfeier für den Kompaniechef, Soldaten warfen mit echten Schweineköpfen, es gab wohl auch Nazimusik, betrunkene Teilnehmer sollen den Hitlergruß gezeigt haben. Eine Zeugin informierte die Polizei, doch wollte keiner der angeblich etwa 70 Gäste dergleichen wahrgenommen haben. Ermittler sprechen von einer "Mauer des Schweigens".

Auf der Feier war auch Philipp Sch., der im Mai Besuch von der Polizei bekam. Die Beamten fanden auf dem Privatgrundstück des 45-Jährigen im sächsischen Collm zwei Kilogramm Sprengstoff, Schusswaffen, Waffenteile, einen Schalldämpfer, Nazischriften und Tausende Patronen. Der Mann sitzt in Haft und schweigt. Woher die Waffen kamen, was er damit vorhatte, ob es ein rechtes Netzwerk gibt, all das ist unklar. Kramp-Karrenbauer erfuhr zudem, dass beim KSK 62 Kilo Sprengstoff und 48 000 Schuss Munition vermisst würden und sprach von, bestenfalls, "inakzeptabler Disziplinlosigkeit". Im schlimmsten Fall wäre all das Kriegsmaterial aus der Kaserne geschmuggelt worden.

Seit Wochen gehen daher Ermittler auf dem KSK-Stützpunkt in Calw, wo das gesamte Kommando ein abgeschottetes Eigenleben führt, ein und aus. Im Januar schon war dem neuen Kommandeur Markus Kreitmayr klar, wie ernst die Lage ist, er selbst hat Rechtsextremisten im Verband angedroht, sie zu finden und zu feuern. Die skandalumwitterte 2. Einsatzkompanie wurde auf Anweisung von Kramp-Karrenbauer aufgelöst. Wem klare Rechtsverstöße nachgewiesen werden, der muss die Bundeswehr verlassen. Aber diesen Nachweis zu führen ist nicht einfach und dauert manchmal Jahre. Mehr Transparenz soll es nun geben, weniger Toleranz für falschen Korpsgeist und Extremisten. Das Eigenleben des KSK soll ein Ende haben. Für Ende Oktober ist ein Bericht geplant, wie weit man in Calw mit der Erneuerung gekommen ist.

Dringend aufzuklären ist der Verbleib des Sprengstoffs. Wie die Süddeutsche Zeitung aus zwei internen Quellen erfuhr, soll vor allem Schlamperei die Ursache sein. Es sei zwar Sprengstoff verschwunden, der Großteil der 62 Kilo sei aber irrtümlich als fehlend notiert worden. Das Verteidigungsministerium erklärte der SZ dagegen, für eine "Fehlbuchung" lägen "keine Erkenntnisse vor", es bleibe "wichtig, dass der Verbleib geklärt wird". Die Inventur für Waffen und Munition des KSK dauere an.

Viele der Kommandosoldaten sind es leid, nur noch als rechte Rambos wahrgenommen zu werden. Davon zeugen anonyme Briefe, die mitunter direkt ans Ministerium adressiert sind und die auch der SZ vorliegen. Es sind, wenn man so will, Verteidigungsschriften. In einem Brief heißt es: "Die Schlagzeilen werden gefühlt von Tag zu Tag schlimmer ... Wir stehen fest auf unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung und dulden niemanden in unseren Reihen, der radikales Gedankengut jeglicher Couleur in sich trägt. Wir verabscheuen Fremdenfeindlichkeit und nationalsozialistisches Gedankengut." Der Brief wird im KSK als authentisch bewertet und entspreche dem, was viele in der Truppe dächten. Man habe, heißt es darin, Fehler gemacht und Vertrauen verspielt: "Aber wir wollen eine gerechte Chance, dieses Vertrauen zurückzugewinnen."

Kaum glaubt man, einen Schritt vorangekommen zu sein, gibt es neuen Ärger

Vor allem stört den Verfasser, dass die komplette Truppe des Rechtsextremismus verdächtigt werde. Der Militärische Abschirmdienst hatte gleich 20 Verdachtsfälle angegeben. Fast alle seien jedoch im Zusammenhang mit der berüchtigten "Schweinekopfparty" der nun aufgelösten 2. Einsatzkompanie 2017 aufgetreten. Der Brief betont, dass KSK-Soldaten bereits 2016 "aus Eigenantrieb eine Korpsgeistinitiative gestartet und unsere Werte diskutiert haben. Daraus sind die Leitsätze und das Leitbild des KSK entstanden". Der Briefschreiber schließt mit dem Appell: "Deutschland braucht Spezialkräfte. Die Aufgabe dieses Verbandes wäre ein großer Verlust für Deutschland und ein großer Gewinn für alle Gegner der Demokratie."

Wie ein anderer KSK-Soldat mitteilte, sei der Zorn in Teilen der Truppe auf die Rechtsextremen erheblich. Gerade erst wurde ein Fall bekannt, wo sich ein KSK-Soldat 2019 im Afghanistaneinsatz über erhöhte Lebensmittelpreise mit der Bemerkung beschwert haben soll, welche "Judensau" dafür verantwortlich sei. Das ist das Problem: Kaum glaubt man, einen Schritt weiter zu sein, kommt neuer Ärger auf.

In welcher Form das KSK bestehen bleiben kann, ist ungewiss. Im Gespräch sind die Zweiteilung des Kommandos und die Zusammenlegung von je zwei seiner Einsatzkompanien mit den Fallschirmjägerregimentern der Bundeswehr. Diese sind darauf trainiert, bei KSK-Einsätzen einen äußeren Schutzschirm zu bilden. Das KSK wäre dann keine Welt für sich mehr. Manche im Kommando selber wünschen sich noch größere Lösungen, etwa die Zusammenfassung aller spezialisierten Einheiten der Bundeswehr, einschließlich der IT, des Lufttransports und der Ausbildung, an einem Standort wie dem kaum genutzten Flugfeld am Lechfeld, nahe Augsburg.

Was auch immer aus dem KSK wird, Kramp-Karrenbauer hat im Juli gesagt: "Spezialkräfte werden wir immer brauchen." Und es ist zu befürchten, dass sie recht hat, dass es immer wieder Geiseln, Terrorlagen, Entführungen geben wird.

© SZ vom 14.08.2020/aner
´Bild": Elite-Einheit KSK war in Kundus beteiligt

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Das Kommando Spezialkräfte sollte die Elitetruppe der Bundeswehr sein. Das ist schiefgegangen. Über Rechtsextreme, Korpsgeist und Schweineköpfe.

Von Joachim Käppner, Georg Mascolo, Ronen Steinke und Mike Szymanski

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