Flugunfall in Mecklenburg Ausnahmezustand in der Urlaubsregion

Mitarbeiter der Flugsicherheit der Bundeswehr helfen einem Kollegen aus dem Schutzanzug, der auf einem Feld Wrackteile untersucht hat.

(Foto: dpa)
  • In Mecklenburg-Vorpommern sind zwei Eurofighter nach einer Kollision in der Luft abgestürzt.
  • Sie kamen vom Flughafen Rostock-Laage, sie starten dort gewöhnlich 20 Mal am Tag.
  • Ein Pilot konnte sich mit Schleudersitz und Fallschirm retten, er wurde aus einem Baum befreit und verletzt in die Rostocker Uniklinik gebracht.
  • Der andere Pilot kam ums Leben. Die Trümmerteile fielen in Wälder und Äcker, neben einen Sportplatz und eine Kita.
Von Peter Burghardt, Nossentin

Er fährt jetzt im Radtrikot auf dem Mountainbike zu den Feldjägern, diese Urlaubsgegend ist plötzlich militärisches Sperrgebiet. Ein sonniger Dienstag, die Vögel zwitschern, grün leuchten die Wiesen. Er zückt sein Smartphone, zeigt ein Foto vom Tag zuvor. "Schau auf die Uhrzeit", sagt er. 14:05. Momente zuvor war einer der beiden Eurofighter in ein Kornfeld in der Nähe gekracht, schwarzer Rauch steigt auf dem Bild aus dem Getreide, der goldgelbe Acker liegt nur ein paar hundert Meter von seiner Terrasse entfernt. "Sonst wär die ganze Siedlung abrasiert worden", sagt er, "unsere Straße hatte richtig Glück. Wir wären alle tot."

Der Mann kommt aus Bayern, vor zehn Jahren hat er sich ein Ferienhaus in Nossentiner Hütte gekauft, inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte. "Ein Paradies", sagt er, friedlicher und idyllischer geht es kaum. Normalerweise. Dann rief seine Frau am ebenfalls sonnigen Montag: "Komm raus", da hinten sei eine Drohne abgestürzt. Es war keine Drohne - es war ein Eurofighter, der modernste und teuerste Kampfjet der Luftwaffe, eines der wichtigsten Flugzeuge der Nato. Der Bayer erkannte die Dreiecksflügel. Es waren sogar zwei Eurofighter, der andere zerschellte bei Jabel im Wald an der Landstraße.

Über dem beschaulichen Fleesensee waren zwei dieser Maschinen zusammengestoßen, die Ursache ist noch unklar. Sie kamen vom Flughafen Rostock-Laage, sie starten dort gewöhnlich 20 Mal am Tag. Ein Pilot konnte sich mit Schleudersitz und Fallschirm retten, er wurde aus einem Baum befreit und verletzt in die Rostocker Uniklinik gebracht. Es geht ihm laut eines Sprechers des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 "Steinhoff" den Umständen entsprechend gut. Der andere Pilot kam ums Leben. Die Trümmerteile fielen in Wälder und Äcker, neben einen Sportplatz und eine Kita, auf einen Friedhof, vor Gärten. Wie durch ein Wunder kam sonst niemand zu Schaden. Am Tag danach wird Bewohnern und Besuchern bewusst, was hätte passieren können. Sie fragen sich: Muss der Krieg unbedingt über einer der beliebtesten Freizeitregionen Deutschlands geprobt werden?

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Jeder in Jabel, Nossentin und Nossentiner Hütte spricht davon, wenn auch nicht jeder gern mit Reportern. Militärfahrzeuge, Absperrbänder und 300 Soldaten bilden die Kulisse. Die Flugschreiber hat die Bundeswehr inzwischen geborgen, nach weiteren Wrackstücken wird gefahndet. Es geht um die Erklärung für die Kollision - und darum, dass nichts in falsche Hände gerät. Die Eurofighter waren unbewaffnet, aber Treibstoff und Rauch sind gefährlich, die Luftwaffe warnt: Nichts berühren!

Der General Flugsicherheit, Brigadegeneral Peter Klement, der das offizielle Kürzel GenFlSichhBw und unter anderem die Aufgabe hat, Unfälle von militärischem Fluggerät zu untersuchen, hat die Leitung der Ermittlungen übernommen, die Polizei ist abgezogen. Vor allem geht es um eines der wertvollsten Technologiegeheimnisse der westlichen Allianz, den Eurofighter. Die Truppe hat ein Feldlager aufgebaut, es steht in einigem Kontrast zum Fleesensee mit seinen Anglerhütten, umgeben von Feldern und Forst. Schilder verweisen auf Spitzahorn, Stieleichen oder Blücher-Denkmal - bei Nossentin bekriegten sich Streitmächte Napoleons und der Preußen. Ein Stück weiter am Drewitzer See hatte Erich Honecker seine Jagdresidenz.

"Ganz gruselig. Unverantwortlich", schimpft die Wirtin eines nahen Gasthofs

Am Tag danach tritt der Schrecken erst so richtig hervor, so ist es ja meistens bei Katastrophen. Es war ein Unfall, der schwerste der Bundeswehr seit Jahren, aber es hätte eine Tragödie sein können, bei diesen Fluggeschwindigkeiten fehlten wohl nur Sekunden. "Ich dachte, der geht hier runter", sagt ein älterer Herr auf einer schattigen Gasthofveranda in Nossentin und hebt sein Bier an: "Und wenn der in den Kindergarten gefallen wäre?" Oder auf Malchow oder Waren? "Man darf sich alles das gar nicht vorstellen", sagt die Wirtin, nebenan kräht ein Hahn. "Schlimm. Ganz gruselig. Unverantwortlich."

Sie hörte den Knall, sah den Feuerball am blauen Himmel. "Wie ein Heißluftballon", dachte sie, wer denkt schon an zerfetzte Überschallflugzeuge der Luftwaffe? Wobei: "Die ganze Woche brettern die schon hier drüber", sie meint die Tiefflieger. Sie findet: "So kann man mit den Urlaubern, der Bevölkerung und dem Naturschutzgebiet nicht umgehen."

Die Bürgermeisterin von Nossentiner Hütte, 700 Einwohner, lange Hauptstraße, steht in ihrem Laden, "Agrarservice - Haus, Hof und Garten." Birgit Kurth hat kaum geschlafen und viel geredet. Soeben am Telefon mit Manuela Schwesig (SPD) der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Tags zuvor waren Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Landesinnenminister Lorenz Caffier (beide CDU) an den Unglücksstellen.

Die Politiker trauern mit den Angehörigen des Toten und loben die Besonnenheit der Bevölkerung. Die parteilose Birgit Kurth sagt: "Die Leute sind in Schockstarre. Natürlich demonstrieren die nicht gleich drauf los." Sie will nun mit anderen Bürgermeistern der Umgebung die Regierung und Bundeswehr dazu auffordern, die Manöver mit den Eurofightern über dieser Freizeitregion mit ihren Tausenden Bewohnern und vielen Gästen sein zu lassen: "Das geht nicht, diese Tiefflüge. Das passt einfach nicht in die Region."

Fürs Erste wurden die Übungen von Rostock aus eingestellt. Die einen meinen, dass es mindestens während der Saison so bleiben müsse. Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Henning Otte, sieht es anders: "Die Bundeswehr muss dort üben, wo sie im Bedarfsfall auch verteidigt."

Der bayerische Ferienhausbesitzer kennt solche Übungen aus seiner Heimat. Zur zweiten Absturzstelle kommt er mit seinem Fahrrad nicht durch. "Hier ist Schluss", sagt ein Feldjäger, man sucht noch nach Trümmern.

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