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Tag der Deutschen Einheit:Ein CDU-Landrat befürchtet Schlimmes für Sachsen

In Pirna sieht das Michael Geisler ganz anderes. Nun gelte es, mehr mit den Bürgern zu reden, nicht nur auf Bürgerversammlungen, sondern auch im kleinen Kreis. "Die Ochsentour machen", so nennt das der Landrat im Landkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge. Seinen Posten als Chef des CDU-Kreisverbands hat der 57-Jährige nach der Wahl hingeschmissen.

Geisler ist Pessimist, das ist seine Lebensphilosophie. Er geht vom Schlechtesten aus, nur dann kann er positiv überrascht werden. Ihm war klar, dass es für seine Partei knapp werden würde bei der Bundestagswahl. Aber dass über Nacht politische Gesetzmäßigkeiten in Sachsen außer Kraft gesetzt werden, damit hat selbst er nicht gerechnet. Seit der Wende waren die Christdemokraten hier stärkste Kraft. Unter ihrer Führung entwickelte sich Sachsen zu einem der wirtschaftsstärksten Bundesländer in Deutschland. Jetzt ist die AfD stärkste Kraft - und das obwohl der sächsische CDU-Landesverband bereits als rechts gilt. Hier, im Wahlkreis 158, holte Frauke Petry das Direktmandat und entthronte damit Klaus Brähmig, der 27 Jahre für die CDU im Bundestag saß. Was sagt eigentlich Ministerpräsident Stanislaw Tillich über das Desaster-Ergebnis? Er fordert einen Kurswechsel in der CDU und spricht in Interviews von seinem Wunsch, dass Deutschland Deutschland bleiben möge.

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Ratlos - Michael Geisler.

(Foto: Sandra Sperling)

Mit Blick auf seine Partei schwankt Landrat Geisler schon länger zwischen völligem Fatalismus und Zuversicht. "Ich habe ja auch schon mehrmals überlegt, die CDU zu verlassen", sagt er. Als Landrat habe er sich beim Zuzug von Flüchtlingen von der Bundesregierung allein gelassen gefühlt. Damals musste er sich in Bürgerversammlungen anbrüllen lassen. Seine Partei beschreibt der Landrat als "zuweilen arrogant". Besonders regt er sich über die Jungen auf, die zu sehr an die eigene Karriere denken und die Basisarbeit vernachlässigen.

Im Sommer 2019 wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt und Geisler glaubt, dass die AfD dann stärkste Kraft werden wird: Sogar die absolute Mehrheit könne die Rechtsaußenpartei schaffen. "Wenn wir uns jetzt nicht am Riemen reißen und neue Wege bestreiten." Zum Beispiel wieder die Ochsentour machen. Wichtig sei, wieder in die ländlichen Regionen zu gehen, die Ortsverbände zu aktivieren. "Es geht jetzt um alles, es geht um die Existenz der sächsischen CDU", sagt Geisler. Und schränkt ein: Zwei Jahre seien dann doch ziemlich kurz für so einen Umbruch. Vielleicht kann die CDU den Pessimisten Geisler noch positiv überraschen. Oder die AfD zerlegt sich selbst. So zumindest die Hoffnung von Michael Geisler.

Freiburg: Die Uni-Stadt ist jung, erfolgreich und ziemlich links

Um die Zukunft der eigenen Partei sorgt sich David Vaulont nicht. Der Jurist sitzt für die Grünen im Freiburger Gemeinderat und geht davon aus, dass Oberbürgermeister Salomon 2019 wiedergewählt wird. Auf kommunaler Ebene gibt es keinen Koalitionsvertrag, weshalb alle Parteien - auch die CDU - Kompromisse suchen. Die Badische Zeitung klagt mitunter über diesen "Konsens als Prinzip" und wünscht sich schon mal mehr Streit in der Sache, doch Vaulont findet, dass die Stadt mit Pragmatismus gut fährt. Er führt die hohe Unterstützung für die Grünen auch darauf zurück, wie gut vieles funktioniere.

Der 29-jährige Freiburger hat die Stadt nie verlassen. Die größte Herausforderung für Freiburg scheint der Umgang mit der eigenen Attraktivität. "Wir sind die jüngste deutsche Großstadt mit einem Altersschnitt von 39,8 Jahren", berichtet Vaulont. Die Universität zieht viele an und im Breisgau werden mehr Kinder geboren als dass Ältere sterben. Die Folgen? Ständig steigende Mieten und viele Debatten über Neubauten, Verdichtung und ein modernes Mobilitätskonzept.

David Vaulont ist stolz darauf, dass Freiburg anders und fortschrittlicher ist als viele Gegenden der Republik.

(Foto: Matthias Kolb)

Der Erfolg der AfD beschäftigt auch Vaulont. Es störe ihn nicht wirklich, wenn jemand Worte wie "linksgrün versifft" verwendet - das zeige leider nur, dass derjenige an einem ernsthaften Gespräch nicht interessiert sei. Vaulont glaubt weiter an Dialog und betont, dass er natürlich mit einem AfDler ein Bier trinken würde. Deren Beweggründe seien sehr unterschiedlich, vermutet der 29-Jährige. Er verweist auf eine Studie: "Die AfD-Wähler blicken am pessimistischsten in die Zukunft, 67 Prozent machen sich Sorgen". Gleichzeitig hat YouGov ermittelt, dass die Grünen-Wähler die größten Optimisten sind und auch deutlich zufriedener mit ihrem Lebensstandard als der Durchschnitt.

David Vaulont ist stolz darauf, dass Freiburg anders und fortschrittlicher ist als viele Gegenden der Republik. Er sagt: "Wir leben hier schon in einer Blase. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, in 45 Minuten ist man in den Bergen auf der Skipiste, und Frankreich ist nah. Manchmal sind wir weit weg von dem, was anderswo in Deutschland passiert."

Demonstranten rufen "Ganz Freiburg hasst die AfD"

Wie sehr gerade junge Freiburger die Rechtspopulisten ablehnen, zeigen nicht nur die vielen Anti-AfD-Sticker und Graffiti. Nach der Wahl rufen die Feministische Linke und die Antifaschistische Linke zur "Mahnwache für Solidarität und gegen Ausgrenzung" auf und etwa 1000 Leute kommen zum Platz vor der Alten Synagoge. Sie halten sich an den Händen und Redner rufen zum Schutz auf von all jenen, die von der "menschenverachtenden" Politik der AfD "eingeschüchtert, ausgegrenzt und diskriminiert" werden. Geflüchtete, Homosexuelle, Arbeitslose, Farbige, Muslime, Behinderte, Juden, Transsexuelle - mit allen erklären sie sich solidarisch.

Klarer Protest in Freiburg.

(Foto: Matthias Kolb)

Die anschließende Demo durch die Innenstadt verläuft friedlich, mit den üblichen "Siamo tutti antifascisti"-Rufen. Sollte ein AfD-Wähler die Demonstranten gesehen haben, wie sie "Freiheit entsteht durch kämpfende Bewegung, für mehr Staatszerlegung!" skandieren, dann wird er sich in seinen Vorurteilen bestätigt fühlen. Der häufigste Spruch an diesem Abend: "Ganz Freiburg hasst die AfD!"

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