Bundestagswahl 2017 Alles spricht für Gabriel - nur die Umfragewerte nicht

Politisch ist es zuletzt gut gelaufen für SPD-Chef Gabriel. Das Problem: Die Umfragewerte seiner SPD bleiben trotzdem miserabel.

(Foto: dpa)
  • Ende Januar will die SPD ihren Kanzlerkandidaten präsentieren.
  • An der Parteispitze gehen die meisten davon aus, dass Parteichef Sigmar Gabriel antreten wird.
  • Gabriel konnte in den vergangenen Monaten einige Erfolge verbuchen. In Umfragen liegt die SPD aber weiterhin nur bei 20 Prozent.
Von Christoph Hickmann, Berlin

Als die SPD im vergangenen Jahr verkündete, ihren Kanzlerkandidaten erst Anfang 2017 zu benennen, erntete sie Spott und Häme. Niemals würden die Genossen das durchhalten, lautete der allgemeine Tenor. Dessen Vertreter konnten sich darauf berufen, dass die Kandidaten der Jahre 2009 und 2013, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, am Ende beide nach einem Hoppladihopp-Verfahren auf die Bühne purzelten - obwohl die Parteispitze auch damals beteuert hatte, man werde sich an Zeitpläne und Verfahren halten. Doch diesmal haben die Genossen durchgehalten. Bis jetzt.

Ende Januar werde man einen Kandidaten präsentieren, so lautet diesmal die Losung, mit der die Parteiführung der K-Frage in den vergangenen Wochen und Monaten ausgewichen ist. Doch nun, Anfang Januar, steht die Entscheidung unmittelbar bevor. Oder ist sie sogar schon gefallen?

Diese Deutung ist in der SPD gerade ziemlich weit verbreitet. Eine große Mehrheit an der Parteispitze geht mittlerweile davon aus, dass der Parteivorsitzende nach langem Zögern doch selbst antreten will. Als Indizien führen die Vertreter dieser These unter anderem Sigmar Gabriels Auftritte aus den vergangenen Wochen und Monaten auf: Ende November gewährte er in einem Fernsehporträt Einblicke in sein Privatleben und sprach gemeinsam mit Ehefrau Anke vor der Kamera über die bevorstehende Geburt des zweiten Kindes. Vor wenigen Tagen nun meldete er sich nach kurzer gesundheitsbedingter Auszeit mit einem Papier zur inneren Sicherheit zurück im politischen Geschehen. Und für dieses Wochenende hat er dem Spiegel ein Interview gegeben. Würde all das jemand tun, der demnächst jemand anderem den Vortritt lassen will?

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Viele glauben an eine eine Kandidatur Gabriels - doch die Zweifel bleiben

Auf keinen Fall, sagen diejenigen, die fest mit Gabriel rechnen - und zählen darüber hinaus auf, dass es politisch für ihn zuletzt gut gelaufen sei: Sein gegen heftigen juristischen Gegenwind durchgezogenes Manöver zur Rettung der Arbeitsplätze bei Kaiser's Tengelmann glückte, die Beschäftigten feierten ihn. Und er hat seine Parteifreunde seit längerer Zeit nicht mehr mit einem seiner berüchtigten Aussetzer verstört. Stattdessen sprachen sich mehrere sozialdemokratische Ministerpräsidenten für ihn als Kandidaten aus. Vor allem aber, argumentieren die Vertreter der Gabriel-These: Wenn er wirklich nicht wollen würde - warum habe er dann nicht bereits im vergangenen Jahr eine der zahlreichen Ausfahrten genommen, die sich ihm angeboten hätten?

Doch trotz dieser Indizienkette gibt es bei einzelnen Genossen nach wie vor Zweifel. Das hat vor allem mit den Umfragewerten zu tun. Im Vergleich etwa mit Martin Schulz, dem möglichen nächsten Außenminister, fallen Gabriels Popularitätswerte eher mager aus. Regelmäßig ergeben Umfragen, dass ihm auch von den SPD-Anhängern viele misstrauen. Und obwohl die vergangenen Monate, wie gesagt, vergleichsweise gut für die Sozialdemokraten gelaufen sind, liegen sie nach jüngsten Daten von Infratest Dimap bei 20 Prozent, 17 Prozentpunkte hinter der Union, die mit 37 Prozentpunkten beinahe so stark ist wie SPD, Linke und Grüne zusammen. Das liege, wenden Gabriel-Unterstützer ein, nun wirklich nicht am Vorsitzenden, jedenfalls nicht allein. Es habe aber, entgegnen dann die Gabriel-Gegner, durchaus etwas mit ihm zu tun.

Trotz der miserablen Werte werden die maßgeblichen Genossen an der Parteispitze keinen Aufstand gegen Gabriel anzetteln. Zurückziehen könnte nur er selbst. Von der Idee allerdings, dem Europapolitiker Schulz die Kandidatur zu überlassen, schien Gabriel zuletzt nicht mehr übermäßig angetan zu sein - nachdem er das noch im vergangenen Jahr für eine charmante Variante gehalten hatte, zumindest zwischenzeitlich. Und Olaf Scholz, der Hamburger Bürgermeister, der sich nächste Woche bei der Eröffnung der Elbphilharmonie beklatschen lassen darf? Der hat im vergangenen Jahr mal gesagt: "Wenn wir einen Kandidaten aufstellen, den die Bürgerinnen und Bürger als Kanzler wollen, wirkt sich das bei Wahlen aus, das gibt schnell zehn Prozentpunkte obendrauf. Für die SPD sind 30 Prozent plus x zu schaffen." Niemand glaubte, dass er damit Gabriel meinte. Doch ein Kandidat Scholz wäre eine echte Überraschung.

Ende Januar ist Vorstandsklausur, schon am Dienstag trifft sich die engste SPD-Führung. Ob da wieder nicht über die Kandidatur gesprochen wird? Man habe verabredet, dass man über die Kanzlerkandidatur am 29. Januar entscheide, sagt Gabriel im aktuellen Spiegel. "Dabei bleibt es."

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