Politik:Dieser Mann tritt gegen Steinmeier an

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Politik: Gerhard Trabert engagiert sich für Obdachlose und Flüchtlinge.

Gerhard Trabert engagiert sich für Obdachlose und Flüchtlinge.

(Foto: Andreas Arnold/picture alliance/dpa)

Die Linke nominiert den Sozialmediziner Gerhard Trabert für das Amt des Bundespräsidenten. Die Partei will damit auf soziale Themen aufmerksam machen, und ein bisschen auch auf sich selbst.

Von Boris Herrmann, Berlin

Frank-Walter Steinmeier bekommt doch noch einen Gegenkandidaten. Die Linke nominiert den Sozialmediziner Gerhard Trabert für das Amt des Bundespräsidenten. Nach SZ-Informationen soll diese Personalie am Dienstag öffentlich vorgestellt werden.

Zwar hat Trabert bei der Wahl am 13. Februar keinerlei Aussichten auf eine Mehrheit. Eine zweite Amtszeit Steinmeiers gilt als gesichert, nachdem ihm sowohl die Parteien der Ampelkoalition als auch die Union ihre Unterstützung zugesagt haben. Aber mit der Kandidatur Traberts bekommt die Wahl des Bundespräsidenten immerhin den Hauch von einem demokratischen Wettstreit. Auch die AfD will nach Medienberichten noch einen eigenen Kandidaten aufstellen.

Der Arzt und Buchautor Gerhard Trabert, 65, ist Gründer des Vereins "Armut und Gesundheit in Deutschland", er hat eine Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main. In erster Linie sieht er sich aber als Sozialarbeiter. Seit vielen Jahren ist er im Raum Mainz mit seinem sogenannten "Obdachlosenmobil" unterwegs, in dem er wohnungslose Menschen kostenlos ärztlich versorgt. Er arbeitete als Arzt in Krisengebieten und Flüchtlingscamps auf nahezu allen Kontinenten, zuletzt war er unmittelbar nach dem Brand von Moria auf Lesbos im Einsatz. Außerdem engagiert er sich in der zivilen Seenotrettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer.

"Meine Kandidatur richtet sich nicht gegen jemanden, sondern für etwas"

Trabert macht gar keinen Hehl daraus, dass seine Kandidatur vor allem symbolischen Charakter hat, darin sieht er aber nichts Verwerfliches. "Natürlich werde ich nicht zum Staatsoberhaupt gewählt werden, aber ich sehe schon ein Stückweit die Chance, eine Diskussion anzuregen", sagt er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: "Ich möchte die Kandidatur nutzen, um auf die Armut und soziale Ungerechtigkeit in diesem Land hinzuweisen, und um als Fürsprecher von Menschen aufzutreten, die zu wenig gehört werden. Das zählt doch zu den ureigensten Aufgaben eines Bundespräsidenten."

Trabert will das nicht als Generalkritik an Frank-Walter Steinmeier verstanden wissen. "Meine Kandidatur richtet sich nicht gegen jemanden, sondern für etwas", sagt er. Allerdings ist Trabert durchaus der Ansicht, dass die soziale Frage in der bisherigen Amtszeit des Bundespräsidenten keine allzu große Rolle gespielt habe. "Da hätte er sich schon mal ein bisschen öfter zu Wort melden können", sagt Trabert.

Die Linke hat in der Vergangenheit regelmäßig eigene Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten nominiert. Vor fünf Jahren, bei der ersten Wahl Steinmeiers, war es der Armutsforscher Christoph Butterwegge. Auch die Antifaschistin Beate Klarsfeld, die Fernsehjournalistin und frühere Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen sowie der Schauspieler Peter Sodann haben sich auf dem Ticket der Linken schon um das höchste Amt im Staat beworben - alle natürlich vollkommen chancenlos. Damals wie heute ging es der Partei wohl vor allem um ein bisschen Aufmerksamkeit im politischen Diskurs. Nach ihren schweren Verlusten bei der Bundestagswahl im September, bei der sie beinahe aus dem Parlament geflogen wäre, ist die Linke gerade mehr denn je darum bemüht, mit ihren Kernthemen im Gespräch zu bleiben.

Die Kandidatur Traberts ist ein gemeinsamer Personalvorschlag der beiden Parteichefinnen Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow sowie der Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali und Dietmar Bartsch. Der Parteivorstand, der Fraktionsvorstand im Bundestag sowie die Partei- und Fraktionsspitzen der Länder sollen am Montag darüber beraten. Für Dienstag ist eine Pressekonferenz mit dem Präsidentschaftskandidaten geplant.

Enttäuscht dürfte sein, wer auf eine Gegenkandidatin zu Steinmeier gehofft hat

Gerhard Trabert sagt, er sei sehr überrascht gewesen, als vor knapp drei Wochen die Anfrage kam, ob er die Kandidatur übernehmen wolle. "Dann habe ich mir gesagt: Ich kann so eine Chance nicht ausschlagen, mich für sozial benachteiligte Menschen einzusetzen." Für seinen Einsatz als Arzt und Sozialarbeiter erhielt er unter anderem die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft sowie das Bundesverdienstkreuz.

Obwohl Trabert kein Parteimitglied ist, kennt man ihn in der Partei. Bei der Bundestagswahl im September trat er als Direktkandidat der Linken im Wahlkreis Mainz an. Von den 12,7 Prozent der Erststimmen, die er dabei erhielt, zeigte er sich "eher enttäuscht", obwohl die Linke von solch einem Ergebnis in weiten Teilen der Republik nur noch träumen kann.

Ein klein wenig enttäuscht dürften nun auch all jene sein, die auf eine Gegenkandidatin zu Steinmeier gehofft hatten. "Natürlich haben alle recht, die sagen, es wäre an der Zeit, auch mal eine Bundespräsidentin zu haben", sagt Trabert. "Bei meiner Kandidatur stehen allerdings Inhalte im Vordergrund, die meines Erachtens auch ein Mann verkörpern kann."

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