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Bergwerk Altaussee:Wie Hitlers Raubkunst vor der Vernichtung gerettet wurde

Kunstschatz Bergwerk Altaussee

Herbert Seiberl, Chef des Wiener Denkmalamts (links), wachte über die Kunstschätze in der Altausseer Saline.

(Foto: Bundesdenkmalamt Wien)

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs spielen sich im steirischen Salzkammergut dramatische Szenen ab: Ein fanatischer Nazi will einzigartige Kunstwerke zerstören, die im Bergwerk lagert.

April 1945. Im Führerbunker in Berlin spinnt sich Adolf Hitler seine Kriegswende zusammen. Die Stadt über ihm zerfällt im Bombenhagel zu Trümmern, von Stunde zu Stunde erobern die Alliierten mehr von seinem "Tausendjährigen Reich". Doch Hitler beugt sich über architektonische Modelle. Er träumt weiter, auch vom radikalen Umbau seiner Lieblingsstadt Linz in der österreichischen Heimat. Kernstück ist das geplante Führermuseum, sein Vermächtnis an die Welt - so wünscht es sich der Führer.

Das Projekt

Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Fern der umkämpften Reichshauptstadt beginnt derweil eine dramatische Auseinandersetzung um die Kunstwerke, die Hitler für sein gigantomanisches Museumsprojekt vorgesehen hat. Der Genter Altar der Van-Eyck-Brüder, Gemälde von Arcimboldo, Pieter Brueghel dem Älteren, von Dürer, da Vinci oder Rembrandt - Tausende Kunstwerke von Weltrang hat Hitler im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten zusammenraffen lassen.

Als der Bombenkrieg die großen Städte Nazi-Deutschlands bedroht, lässt Hitler die Kunstschätze 1943 ins Salzbergwerk im österreichischen Altaussee bringen. Dort sollen sie den Krieg unbeschadet überstehen, bei konstanten acht Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 75 Prozent, die übrigens noch heute in dem Stollen herrschen. Doch Gefahr droht den Kunstwerken am Ende des Zweiten Weltkriegs von anderer Seite.

Altaussee

Bilder im Bergwerk

Der letzte Kriegswinter im Salzkammergut ist hart und lang. Noch Ende April 1945 türmen sich die Schneemassen meterhoch. Gekämpft wird in der Gegend nicht, doch die Auflösungserscheinungen des Dritten Reichs sind auch hier spürbar. Etwa 20 Soldaten aus der Region sind nach ihrem Heimaturlaub einfach nicht mehr eingerückt und in die Berge geflüchtet, erzählt Franz Weißenbacher aus Altaussee, der in den letzten Kriegstagen in seiner Heimat eine Granatsplitterverletzung auskuriert. Das Lazarett im Ort ist überfüllt. Zahlreiche Menschen, oft ganze Familien hat es auf der Flucht vor dem Krieg in die Alpenregion verschlagen, "aus dem Rheinland, aus Berlin", sagt Weißenbacher.

Tummelplatz der Nazi-Größen

Auch eine Reihe von Nazi-Bonzen kommt mit Sack und Pack in die Abgeschiedenheit des Ausseerlands. Faschistenführer vom Balkan und der Wiener Gauleiter Baldur von Schirach beziehen hier Quartier. SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann macht in Altaussee mit seiner Familie Station, bevor er sich nach Argentinien absetzt. Auch Ernst Kaltenbrunner, skrupelloser Chef des Reichssicherheitshauptamts der SS, lässt es sich hier mit seiner Geliebten gut gehen, die kurz zuvor Zwillinge bekommen hat. "Der ganze Ort war pumpvoll", erinnert sich Weißenbacher, der damals 22 Jahre alt war.

Himmler, Gauleiter Eigruber im KZ-Mauthausen 1938

Zentrale Figur im Drama um die Kunstschätze: Der Linzer Gauleiter August Eigruber (rechts), 1938 mit Reichsführer-SS Heinricht Himmler im KZ Mauthausen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Nazi-Größen hoffen hier auf einen sanften Übergang in eine neue Zeit. Nicht aber August Eigruber. Der brutale Gauleiter von Oberdonau übt in der Endphase des NS-Regimes noch einen unerbittlichen Durchhalteterror aus. Deserteure oder kriegsmüde Zivilisten werden hingerichtet, entflohene Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen gejagt, Lagerinsassen aus Oberösterreich noch kurz vor der Befreiung des KZ getötet.

Auch die Kunstwerke in den Altausseer Salinen will der Nazi-Fanatiker Eigruber nicht dem Allierten überlassen. "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann werfe ich selbst Handgranaten in die belegten Räume, denn den Bolschewisten lasse ich diese Kunstschätze nicht in die Hände fallen", hatte er im August 1944 angekündigt.

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Mitte April 1945 macht der Gauleiter dann ernst. In Kisten mit der Aufschrift "Vorsicht Marmor - nicht stürzen" lässt Eigruber acht Fliegerbomben ins Bergwerk schaffen. Der Gauleiter stützt sich dabei wohl auf den Nero-Befehl Hitlers vom März, wonach alles, was sich der Feind nutzbar machen kann, vernichtet werden soll. Doch gilt das auch für genau die Kunstschätze, die dem Führer so sehr am Herzen liegen?

Unausführbare Befehle aus dem Führerbunker

Aus dem Führerbunker in Berlin dringen in diesen letzten Apriltagen widersprüchliche Befehle. Stammen sie überhaupt noch von Hitler selbst? In Linz oder Altaussee lässt sich das nicht bestimmen. Hektische Telefonate, Funksprüche zur Causa Kunstschatz, sie laufen letztlich auf die Order hinaus: Die Kunstwerke müssen erhalten werden, sie dürfen aber auf gar keinen Fall dem Feind in die Hände fallen. Ein Dilemma, ein unausführbares Unternehmen.

Gauleiter Eigruber lässt sich von Meldungen aus Berlin ohnehin nicht beeindrucken, er beharrt weiter auf der Sprengung der Kunstschätze. Wo heute Schüler und Touristen aus den Bussen steigen, um ihre Besichtigungstour durch die "Salzwelten" zu starten, lässt Eigruber Panzersoldaten aufstellen. Vor dem Eingang zur Saline sollen sie darüber wachen, dass niemand die Bomben herausschafft.

Mythos Jausenbrettl

Eines der wichtigsten Kunstwerke, das in den Altausseer Stollen gelagert wurde, war der Genter Altar der Brüder van Eyck. Für Hitler hatte er große symbolische Bedeutung. Denn nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste Deutschland das Werk an Belgien geben, als Kompensation für die Zerstörungen in dem neutralen Land - eine Schmach in den Augen des Führers. Nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg wurde das von Nazi-Deutschland geraubte Werk an Belgien zurückgegeben. Immer wieder kursiert allerdings die Geschichte, dass ein Flügel des Altars erst einmal nicht mehr auffindbar war: Die naiven Altausseer Bergleute hätten das wertvolle Stück über Monate hinweg genutzt, um darauf ihren Speck zu schneiden. Klingt spektakulär, ist aber eine Mär. Es gibt auf dem Kunstwerk keine Spuren, die darauf hinweisen würden.

Als Eigrubers Absichten im Bergwerk bekannt werden, herrscht Entsetzen. Der Leiter des Wiener Instituts für Denkmalpflege, Herbert Seiberl, der für die Gemälde, Zeichnungen und Plastiken im Bergwerk zuständig ist, protestiert offen gegen die Vernichtung des europäischen Kunsterbes - im aufgeheizten Endzeitklima des Dritten Reichs durchaus mutig.

Zusammen mit dem Berliner Chefrestaurator Karl Sieber beginnt er eine heimliche Kunstrettung. Mühevoll schleppen sie Werke Caravaggios, Michelangelos und anderer Künstler auf dem Rücken in tiefer gelegene Stollen oder schaffen sie aus dem Bergwerk heraus, schreibt der österreichische Journalist Konrad Kramar in seinem Buch über die Kunstrettung (Mission Michelangelo, St. Pölten - Salzburg - Wien 2013).

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