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Kämpfe um Bergkarabach:Gefechte mit Vorgeschichte

Konflikt in Berg-Karabach

Armenische Frauen haben mit ihren Kindern Zuflucht in einem Bunker in Stepanakert gesucht. Die Stadt ist Sitz der Regierung der umstrittenen Region Bergkarabach, die sogenannte Republik Arzach.

(Foto: Karo Sahakyan/dpa)

Den Kämpfen zwischen Armenien und Aserbaidschan um das Gebiet Bergkarabach gingen jahrzehntelange Spannungen voraus - ein Krieg könnte folgen.

Von Silke Bigalke, Moskau

Baku im Juli: In der Hauptstadt Aserbaidschans demonstrieren Zehntausende, sie rufen nach Krieg. An der Grenze zum Nachbarstaat Armenien hat es kurz zuvor Kämpfe gegeben. Mindestens 17 Menschen starben, die meisten von ihnen aserbaidschanische Soldaten. "Karabach gehört uns", rufen die Demonstrierenden; sie meinen das von Armenien kontrollierte Gebiet Bergkarabach im Westen des Landes.

Zum Hass auf die Armenier mischt sich in Baku Wut auf die eigene Regierung, das Gefühl, dass diese zu wenig unternimmt in dem jahrzehntealten Konflikt. Der ungewöhnlich heftige Protest dürfte dem aserbaidschanischen Präsidenten İlham Əliyev (Ilham Alijew) eine Warnung gewesen sein. Gut möglich, dass jene Tage die Eskalation im Konflikt um Bergkarabach beschleunigt haben, die seit Sonntag Dutzende Tote auf beiden Seiten gekostet hat, Soldaten wie Zivilisten.

Von 114 Toten allein in Bergkarabach sprachen armenische Behörden.

Die Republiken im Südkaukasus kämpfen um Gebiete, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehören, die aber seit Anfang der Neunzigerjahre hauptsächlich Armenier bewohnen und kontrollieren. Trotzt eines Waffenstillstandes von 1994 kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen den Nachbarn.

Seit einem Waffenstillstand 1994 ist der Konflikt um Bergkarabach nie wirklich zur Ruhe gekommen

Zwar beschuldigen sich auch dieses Mal beide Seiten gegenseitig, zuerst geschossen zu haben. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass Armenien weniger Interesse an einem Konflikt hat, der die Unabhängigkeit Bergkarabachs gefährdet. Aserbaidschan dagegen empfindet den Ist-Zustand als Kränkung. Vieles weist darauf hin, dass Baku gerade jetzt an einer Eskalation interessiert war. Bereits Tage vor den Gefechten gab es Berichte, dass Aserbaidschan Reservisten einberuft, Militärübungen abhält und sogar private Geländewagen beschlagnahmt. Die Konfrontation könnte aus mehrere Gründen heftiger ausfallen als die jüngste große Auseinandersetzung 2016. In dem viertägigen Krieg starben damals mehr als hundert Menschen.

In Baku kann Präsident Əliyev auf die Unterstützung durch die Türkei setzen

Die Regierung in Baku dürfte ermutigt haben, dass die Türkei sie aktiver unterstützt als zuvor. Nach den Zusammenstößen im Juli bezeichnete Präsident Recep Tayyip Erdoğan Armenien als Eindringling, das Verteidigungsministerium sagte Aserbaidschan militärische Hilfe und Ausrüstung zu. Am Sonntag wiederholte Erdoğan sein Versprechen, Baku "mit allen Mitteln und ganzem Herzen" zu unterstützen. Die Türkei ist die einzige ausländische Macht, die sich in dem Konflikt deutlich auf eine Seite stellt, nicht nur mit Worten. In den vergangenen Wochen haben türkische und aserbaidschanische Soldaten gemeinsam geübt. Offenbar kämpfen auch syrische Söldner auf aserbaidschanischer Seite, organisiert durch Ankara.

Der armenische Premier Nikol Paschinjan warf der Türkei vor, Armenien durch ihr "aggressives Verhalten" zu bedrohen. Paschinjan selbst könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass Aserbaidschan aggressiver auftritt als zuvor. In den neuen Premier hatte Baku die Hoffnung gesetzt, dass er zu Kompromissen bereit sei. Er löste in Eriwan die alte Elite ab, die selbst im Krieg um Bergkarabach gekämpft hatte, schien nicht vom Konflikt geprägt zu sein.

Die Hoffnung war schnell zerschlagen. "Arzach ist Armenien, Punkt!", stellte Paschinjan vergangenen Sommer bei einem Besuch in Bergkarabach klar, das die Armenier Arzach nennen. Er forderte die Vereinigung Armeniens und der Region, nahm eine noch eindeutigere Haltung ein als seine Vorgänger. Aus Aserbaidschans Sicht zerschlug sich die Aussicht auf eine Verhandlungslösung. Stattdessen ärgerten Baku neue "Provokationen". So soll die Nationalversammlung in Bergkarabach von Stepanakert ausgerechnet in das nahe Schuscha verlegt werden - einst kulturelles Zentrum für die Aserbaidschaner.

Auch Moskaus Haltung könnte Baku bestärken: Während sich Aserbaidschan türkischer Hilfe sicher sein kann, gilt das für Armenien in Bezug auf seine Schutzmacht Russland nicht. Der Kreml rief beide Seiten gleichermaßen auf, ihre Feindseligkeiten zu beenden. Jede Äußerung über militärische Unterstützung gieße nur "Öl ins Feuer", sagte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow. Alle Länder, "insbesondere Partnerländer wie die Türkei", sollten alles für eine friedliche Regelung unternehmen. Moskau hatte 1994 den Waffenstillstand vermittelt, mit Frankreich und den USA bemühte es sich in der OSZE um eine friedliche Lösung.

Für den Kreml steht die Loyalität Eriwans unter dem neuen Premier Paschinjan infrage

Russland hat zwar Truppen in Armenien stationiert. Die kleine Republik mit ihren drei Millionen Einwohnern ist zudem Teil eines von Moskau geführten Sicherheitsbündnisses und nimmt zuweilen an russischen Militärübungen teil. Doch Moskau zeigt wenig Interesse, sich militärisch einzumischen. Es verkauft Waffen an beide Länder, wobei Aserbaidschan kaufkräftiger ist. Außerdem ist man sich in Moskau nicht sicher, wie loyal der neue armenische Premier Paschinjan ist. Er hatte stets Armeniens Unabhängigkeit betont. Gegen ein Bündnis seiner beiden Nachbarn Aserbaidschan und Türkei könnte Armenien allein allerdings wenig ausrichten.

Am Sonntag rief zunächst Armenien den Kriegszustand aus, dann Aserbaidschan das Kriegsrecht für einige Regionen. Beide Regierungen melden militärische Erfolge, die von der Gegenseite sofort dementiert werden. Beide sprechen von Hunderten Toten unter den gegnerischen Truppen und von wesentlich geringeren Opferzahlen in den eigenen Reihen. Beide Staats- und Regierungschefs stehen unter Druck, Erfolge vorzuweisen, der neue Premier in Eriwan, vor allem aber der Langzeitmachthaber in Baku. Die Frage wird sein, ob İlham Əliyev kleinere Gebietsverschiebungen wie bei der aserbaidschanischen Offensive 2016 dieses Mal ausreichen.

© SZ vom 30.09.2020/cat
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