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Armenien:Eriwan erklärt den Kriegszustand

Armenien ruft Kriegszustand aus

Beide Seiten melden militärische Erfolge, die sich kaum überprüfen lassen. Dieses Bild übermittelt das armenische Verteidigungsministerium.

(Foto: AP/Armenian Defense Ministry/dpa)

Der Konflikt um Bergkarabach mit Aserbaidschan eskaliert, beide Seiten beklagen zivile Opfer.

Von Silke Bigalke, Moskau

Zwischen Armenien und Aserbaidschan sind am Sonntagmorgen erneut schwere Gefechte ausgebrochen. Die beiden Republiken im Südkaukasus streiten sich seit Jahrzehnten um die Region Bergkarabach, die auf aserbaidschanischem Gebiet liegt, aber von Armeniern bewohnt und kontrolliert wird. Eine Waffenruhe, die seit 1994 gilt, ist immer wieder gebrochen worden. Nun erreicht der Konflikt offenbar eine neue Qualität. Armenien rief am Sonntag den Kriegszustand aus. Beide Seiten beklagten am Sonntag auch zivile Opfer. Sie beschuldigten sich wie schon oft gegenseitig, zuerst angegriffen zu haben. Entlang der Kontaktlinie sollen Hubschrauber, Drohnen, Panzer und Artillerie an Kämpfen beteiligt sein.

"Der Feind hat den Angriff begonnen", schrieb Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan auf Facebook und rief die Armenier dazu auf, ihr "heiliges Heimatland" zu verteidigen. Das Verteidigungsministerium erklärte, Aserbaidschan habe am Sonntagmorgen Siedlungen in der Konfliktregion Bergkarabach, die die Armenier Arzach nennen, angegriffen. Auch die Hauptstadt Stepanakert soll beschossen worden sein, zehn Soldaten wurden den Berichten zufolge getötet. Laut dem Ombudsmann für Menschenrechte in der Region kamen zudem eine Frau und ein Kind ums Leben. Gleichzeitig meldeten beide Seiten militärische Erfolge, die sich kaum überprüfen lassen. Laut armenischer Seite ist es deren Truppen gelungen, zwei aserbaidschanische Hubschrauber abzuschießen und mehrere Panzer zu zerstören. Eriwan gibt Aserbaidschan "die volle Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Aggression", erklärte das armenische Außenministerium.

Moskau steht traditionell auf der Seite Armeniens, Ankara unterstützt Aserbaidschan

Baku weist das zurück, es seien weder aserbaidschanische Hubschrauber zerstört worden, noch hätten aserbaidschanische Truppen zivile Ziele angegriffen. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew sprach stattdessen von Verlusten unter der eigenen Zivilbevölkerung. "Unsere Sache ist gerecht und wir werden gewinnen", sagte er in einer Fernsehansprache. Auch die aserbaidschanische Seite stellt ihre Aktionen als Gegenangriff, also Selbstverteidigung, dar. Die eigene Armee habe eine große Anzahl an "militärischem Gerät und militärischen Einrichtungen" der Gegenseite zerstören können. "Heftige Kämpfe finden entlang der gesamten Länge der Front statt", so das Verteidigungsministerium.

Bergkarabach liegt mehr als 50 Kilometer von der armenischen Grenze entfernt auf aserbaidschanischem Territorium. Die Region hatte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zur eigenständigen Republik erklärt. Ein Krieg um das Gebiet forderte in den folgenden Jahren 30 000 Opfer. Das muslimisch geprägte Aserbaidschan möchte die Region zurückhaben. Armenien dagegen fordert Selbstbestimmung für die Enklave und ihre überwiegend christliche, armenische Bevölkerung. Bisher erkennt kein Staat der Welt die selbsternannte Republik an.

Der letzte größere Konflikt um Bergkarabach forderte 2016 mehr als einhundert Tote. Im Juli brachen erneut Kämpfe aus, beide Seiten meldeten insgesamt mindestens 17 Opfer. Doch damals beschossen sich armenische und aserbaidschanische Truppen nicht nahe des dicht bewaldeten Bergkarabach, sondern hunderte Kilometer entfernt im nördlichen Grenzgebiet - Zeichen für einen grundsätzlicheren Konflikt zwischen den Nachbarn.

Schon damals meldeten sich umgehend die Türkei und Russland zu Wort, beide verstehen sich als Schutzmächte in der Region. Moskau, das traditionell hinter dem christlich geprägten Armenien steht, aber in der Vergangenheit Waffen an beide Seiten lieferte, bot sich als Vermittler an. Auch jetzt forderte das russische Verteidigungsministerium, dass der Waffenstillstand eingehalten werde. Die Türkei hingegen stehe "wie eh und je" und "mit all ihren Möglichkeiten an der Seite ihrer aserbaidschanischen Geschwister", schrieb Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf Twitter.

Die Regierungen von Frankreich und Deutschland sowie die EU forderten eine sofortige Waffenruhe. Papst Franziskus rief die Konfliktparteien auf, durch "Taten des guten Willens und der Brüderlichkeit" eine friedliche Lösung zu finden. Außenminister Heiko Maas (SPD) forderte, "sämtliche Kampfhandlungen und insbesondere den Beschuss von Dörfern und Städten umgehend einzustellen".

© SZ vom 28.09.2020

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