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Baustopp bei Stuttgart 21:Entgleiste Gefühle

Die Bahn will den Baustopp bei Stuttgart 21 als Signal des guten Willens verstanden wissen, keinesfalls als Anfang vom Ende. Ziel ist es, Zeit zu gewinnen, und dem designierten Ministerpräsidenten Kretschmann eine Volksabstimmung auszureden.

Daniela Kuhr

Sonntagabend waren die Bilder vom Herbst wieder da. Eben noch hatten Tausende Stuttgarter ausgelassen den Wahlsieg von Grün-Rot gefeiert, da kippte die Stimmung plötzlich. Demonstranten machten sich auf zum Hauptbahnhof, und dort herrschte nur noch Wut. Wut auf die alte schwarz-gelbe Regierung. Wut auf die Polizei. Und vor allem: Wut auf die Deutsche Bahn, die den Stuttgarter Kopfbahnhof für viele Milliarden Euro in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umbauen will. Innerhalb weniger Minuten hatten die Demonstranten den kompletten Bauzaun rund um das abgesperrte Gelände umgeworfen. Es war der Moment, in dem Bahn-Chef Rüdiger Grube beschloss zu reagieren.

Bahn verhängt Baustopp für Stuttgart 21

Bahnchef Rüdiger Grube wollte keinen Krawall mehr, deshalb verkündete er einen vorläufigen Bau-und Vergabestopp. Kleinere Arbeiten am Gleisbett werden zwar fortgesetzt, aber alles was mit Aufsehen und Aufwand verbunden wäre, wird vorerst unterbleiben, um die Gemüter zu beruhigen und Zeit zu gewinnen.

(Foto: dpa)

Nein, er würde sich nicht in die Rolle desjenigen drängen lassen, der ohne Rücksicht auf Bürger und Umwelt ein milliardenschweres Bauprojekt über Jahre hinweg durchzieht. Er weiß, dass es nicht sinnvoll ist, wenn Bagger und Planierraupen auf Dauer nur dank eines massiven Polizeiaufgebots arbeiten können. Deshalb beriet er sich gleich am Montagmorgen mit dem gesamten Vorstand des Staatskonzerns. Und alle waren sich einig: Es darf nicht wieder von vorne losgehen mit dem Ärger. Die mehrwöchige Schlichtung unter dem CDU-Politiker Heiner Geißler darf nicht umsonst gewesen sein. Kurz: Die Bahn will keinen Krawall mehr.

Der Vorstand entschloss sich zu einem Schritt, der am Dienstag die gesamte Republik aufhorchen ließ: einen vorläufigen Bau- und Vergabestopp. Bis die neue Regierung im Amt sei, werde der Konzern "keine neuen Fakten schaffen - weder in baulicher Hinsicht noch bezüglich der Vergabe von Aufträgen", teilte Infrastrukturvorstand Volker Kefer mit.

Sollten die Proteste der Bürger am Ende also doch Erfolg haben? Knickt die Bahn tatsächlich ein? Nein, hieß es am Dienstag ganz klar aus der Konzernzentrale in Berlin. Es handele sich "definitiv nicht um einen Ausstieg auf Raten". Denn die Mitglieder des Vorstands waren sich noch in einem weiteren Punkt einig gewesen, und der macht die Sache so schwierig: Sie wollen den neuen Bahnhof. Und zwar nicht nur, weil die Bahn sich vertraglich mit Land, Bund, Stadt und Region dazu verpflichtet hat - sondern weil sie überzeugt ist, dass es sich um ein gutes Projekt handelt.

Kefer betonte daher, dass die Bahn sich an die geschlossenen Verträge weiterhin gebunden fühle. "Schließlich ist das Land Baden-Württemberg und nicht die jeweilige Landesregierung unser Vertragspartner." Die Bahn will den Baustopp also in erster Linie als Signal verstanden wissen, das guten Willen beweisen soll. Nicht aber als Anfang vom Ende von Stuttgart 21.

Zeit gewinnen für den Stresstest

Und deshalb werden gewisse Arbeiten, wie etwa im Gleisvorfeld, fortgesetzt. Solche kleineren Baumaßnahmen hatten die Gegner des Projekts auch während der Schlichtung im November akzeptiert. Alles, was mit Aufwand - und Aufsehen - verbunden und unumkehrbar wäre, soll jedoch vorerst unterbleiben. So stünde etwa die Verlegung von Rohren an, doch die Bahn verzichtet darauf - um nicht unnötig zu provozieren.

Wer die Kosten für diese Verzögerung trägt, ist offen. Vermutlich bleiben sie bei der Bahn hängen. Grube hatte immer gesagt, dass ihn jeder Tag, an dem nicht gebaut wird, "richtig teuer" zu stehen kommt. Die Strategie, die hinter dem Schritt vom Dienstag liegt, liegt auf der Hand: Noch arbeitet die Bahn an dem in der Schlichtung vorgeschlagenen Stresstest. Er soll zeigen, ob der neue Bahnhof auch in Spitzenzeiten 30 Prozent leistungskräftiger ist als der alte. Der Test findet unter Aufsicht eines unabhängigen Gutachterbüros statt und soll im Juni fertig werden.

Gelingt der Beweis nicht, wäre die Bahn zu einigen Nachbesserungen am Bau bereit, die bis zu 500 Millionen Euro kosten könnten. Die neue Regierung könnte die Nachbesserungen als ihren Erfolg darstellen. So würden alle ihr Gesicht wahren - und Stuttgart 21 kommt. Ob dieser Plan aufgeht, ist allerdings völlig offen. Denn dazu muss Grube erst den designierten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) überzeugen. Zumindest offiziell spricht der sich aber bislang für einen Volksentscheid aus.

© SZ vom 30.03.2011/olkl

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