Balkankriege 1912 und 1913 Das Pulverfass Balkan explodierte

Die gebildeten Bevölkerungsteile strebten zum Teil mehr Mitspracherechte der Slawen in Österreich-Ungarn an, um den bisherigen Dualismus von Österreichern und Ungarn durch den sogenannten Trialismus zu ersetzen. Das Habsburger-Reich fühlte sich schwach und suchte einen Befreiungsschlag. "Daher wuchs seit 1913 in Wien die Überzeugung, dass eine Abrechnung mit Belgrad unvermeidbar sei", sagt Kamberovic.

In den Balkankriegen stand Mazedonien im Mittelpunkt, das von Griechenland, Serbien und Bulgarien gleichermaßen beansprucht wurde - ein Konflikt, der die Weltkriege überdauert hat. Die nationalen, geschichtlichen und politischen Streitigkeiten des heute selbstständigen mazedonischen Staates mit seinen Nachbarn halten bis heute an. Die schweren Kriegsverbrechen serbischer Einheiten 1912/13 vor allem an Albanern schürten den Hass. Es kam zu Gräueln an Zivilisten, ethnischen Säuberungen wurden durchgeführt. Hunderttausende Muslime flohen in der Folge nach Kleinasien.

Mehr als 350 000 Soldaten waren in dem Krieg umgekommen, der sowohl mit Lanzen als auch mit modernen Waffen wie Maschinengewehren geführt worden war. Zeitungen im übrigen Europa druckten Fotos von Leichenbergen und berichteten von Massakern - doch die abschreckende Wirkung blieb aus.

Die bizarrsten Zitate von Kaiser Wilhelm II.

"Blut muss fließen, viel Blut"

Friedenssichernde Lehren wurden in den europäischen Hauptstädten nicht aus den Balkankriegen gezogen - schon gar nicht in Berlin. Dort herrschte Kaiser Wilhelm II. und umgab sich mit Ja-Sagern und Militaristen. Der Monarch frohlockte über den Ausbruch des Ersten Balkankrieges und hätte dann am liebsten selbst an der Seite Österreich-Ungarn eingegriffen. Die Sache müsse "mit Blut und Eisen gelöst werden", schwadronierte er am 4. Oktober 1912. "Aber in einer für uns günstigen Periode! Das ist jetzt". Ein paar Wochen später schrieb Wilhelm: "Das kann der Europ(äische) Krieg werden und für uns event(uel)l ein Existenzkampf mit 3 Großmächten."

Der Thronfolger wollte keinen Krieg - seine Ermordung löste ihn aus

Wilhelm ließ in London vorfühlen, ob sich Großbritannien neutral verhalten würde, falls sich Deutschland mit Frankreich und Russland im Krieg befände. Londons Antwort war klar: Nein, man würde eine Veränderung des Mächtegleichgewichts nicht hinnehmen. Auch Wien war nicht gewillt, in den Krieg zu ziehen. Das Militär drängte zwar auf einen Schlag gegen Serbien, doch der alte Kaiser wollte nicht. Und vor allem sein Thronfolger Franz Ferdinand stemmte sich deutlich gegen einen solchen Waffengang, weil ihm auch klar war, dass die Region zu einem Pulverfass geworden war.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Franz Ferdinand und seine Frau Sophie reisten in das acht Jahre zuvor vom Kaiser einverleibte Bosnien-Herzegowina. Am 28. Juni 1914 fuhren sie im offenen Wagen durch die Straßen der Haupstadt Sarajevo und wurden von einem jungen serbischen Nationalisten erschossen - ein Doppelmord, der den Kriegstreibern in Europas Hauptstädten gelegen kam. Das Pulverfass Balkan explodierte. Der Erste Weltkrieg brach aus.

An seinem Ende wurde die Idee Realität, alle Südslawen in einem einzigen Staat zu vereinigen. Das neu geschaffene Königreich Jugoslawien wurde von Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzt. Nach 1945 entstand es neu als sozialistischer Staat, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten mitunter in blutigen Kriegen in sieben Nachfolgestaaten zerfallen ist.

Inzwischen spricht in Belgrad, Split und Ljubljana niemand mehr von der Anfang des letzten Jahrhunderts blühenden Idee von "Brüderlichkeit" und "natürlicher Verwandtschaft" der Serben und Kroaten, Slowenen und anderen Bevölkerungsgruppen des Balkan. 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist der Traum von einem südslawischen Staat vorbei. Die in den Balkankriegen entstandene Feindschaft zwischen den Ethnien hat die Zeilen überdauert.

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