Aylan Kurdi:Die vergängliche Macht der furchtbaren Bilder

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Aylan Kurdi: Zeichnung von Aylan Kurdi an einer Wand in Sorocaba, Brazil.

Zeichnung von Aylan Kurdi an einer Wand in Sorocaba, Brazil.

(Foto: AFP)

2015 hat das Foto des ertrunkenen Dreijährigen Aylan Kurdi die Welt bewegt. Hat das Bild etwas verändert? Eine Studie gibt Antworten.

Von Markus C. Schulte von Drach

Manchmal können einzelne Bilder eine ungeheure Wirkung entfalten. So gelten etwa die Aufnahmen eines Mädchens, das vor Napalmbomben flieht, und Fotos des My-Lai-Massakers durch US-Soldaten während des Vietnamkrieges als Ursachen dafür, dass danach der Widerstand gegen den militärischen Einsatz der USA zunahm.

Auch das Foto eines Mannes mit Einkaufstüten, der sich während der Proteste auf dem Tiananmenplatz in Peking den Panzern in den Weg stellte, oder der Augenblick, als das zweite Flugzeug in das World Trade Center flog, gelten als ikonisch: Sie lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit besonders stark auf diese Ereignisse, bleiben in Erinnerung oder stehen sogar geradezu dafür.

Schwedische und amerikanische Forscher haben nun solche Effekte genauer untersucht. Als Beispiel griffen sie auf die Aufnahme von Aylan Kurdi zurück, einem dreijährigen syrisch-kurdischen Flüchtling, dessen Leiche an einen türkischen Strand gespült wurde. Anfang September 2015 erstmals veröffentlicht, wurde die Aufnahme in den sozialen Medien schnell von mehr als 20 Millionen Menschen gesehen, sie erschien auf etlichen Titelseiten weltweit.

Aber hat dieses Foto tatsächlich etwas verändert in Bezug auf die Wahrnehmung des syrischen Bürgerkriegs? Die Antwort ist den Wissenschaftlern zufolge klar: Der Effekt des Fotos war zumindest anfänglich enorm.

"Die syrische Krise", so schreiben sie, "bestand zum Zeitpunkt von Aylans Tod bereits seit vier Jahren. Quellen wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatten regelmäßig die wachsende Zahl der Toten veröffentlicht, die bei konservativer Schätzung bei 250 000 lag als das Foto veröffentlicht wurde." Die Reaktionen darauf waren aber eher gering.

Ein Foto bewirkt, was Tausende Tote nicht schaffen

Dann tauchte das Foto von Aylan auf. Um dessen Wirkung quantitativ zu überprüfen, verwendeten die Wissenschaftler "Google Trends". Mit dem Programm lässt sich die Häufigkeit von Suchbegriffen vergleichen, die Menschen während bestimmter Zeitfenster in Google eingegeben haben.

Wie Paul Slovic von der University of Oregon in Eugene und seine Kollegen aus Schweden im Fachmagazin PNAS berichten, stiegen die Zahlen für die Begriffe "Syria" und "Refugees" ab dem 2. September 2015 "dramatisch" an.

In den Wochen danach ging die Häufigkeit dieser Suchanfragen zwar wieder deutlich zurück - blieb aber bis in die Gegenwart höher als zuvor.

Hundertmal mehr Spenden

Als weitere Möglichkeit, die Reaktionen der Öffentlichkeit auf das Foto zu messen, nutzten die Forscher die Bereitschaft in Schweden, für syrische Flüchtlinge an das dortige Rote Kreuz zu spenden. Während zuvor noch relativ wenige tägliche Spenden eingegangen waren, sprang die Zahl innerhalb von Tagen auf einen Spitzenwert von fast 14 000.

Innerhalb der ersten Woche nach der Veröffentlichung des Fotos lag die Zahl der täglichen Spenden im Schnitt um mehr als das Hundertfache über dem der Woche zuvor. Das Geld, das einging, lag in der ersten Woche täglich im Schnitt um das 55-fache höher als in der Woche zuvor.

Allerdings ließ die Wirkung von Aylans Bild dann wieder nach. Nach fünf Wochen war die Zahl der täglichen Spenden wieder auf das vorherige Niveau gesunken, nach sechs Wochen floss wieder so viel - oder wenig - Geld wie zuvor.

Auch in Deutschland zeigte Aylans Foto Wirkung

Vergleicht man die Häufigkeit der Suche nach den Begriffen Syrien, Flüchtlinge und Aylan für Deutschland, ist ebenfalls ein Effekt des Fotos zu sehen. Allerdings waren die Suchanfragen zu Flüchtlingen in Deutschland bereits zuvor angestiegen.

Deutlich zu erkennen ist der Effekt des Fotos hier aber in Bezug auf den Begriff Syrien. Wie im weltweiten Vergleich gingen die Suchanfragen nach einigen Wochen wieder zurück, blieben aber auf einem höheren (Syrien) oder viel höheren Niveau (Flüchtlinge) als zuvor.

Die Entwicklung lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass das Interesse bereits dadurch verstärkt worden war, dass inzwischen in größerer Zahl Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

In Bezug auf die Spendenbereitschaft gibt es auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Hinweise auf einen Effekt des Fotos von Aylan. Insgesamt spendeten die Deutschen 2015 deutlich mehr als 2014 und 2016. Und bei den Online-Spenden für die Flüchtlingshilfe gab es am 3. September einen erkennbaren Sprung nach oben.

"Im Vergleich zum zweiten September haben sich die Online-Spenden an diesem Tag verdreifacht, am vierten September flachte es ein bisschen ab, blieb aber deutlich über dem Niveau des zweiten September", sagt Dieter Schütz vom DRK der SZ. "Es spricht einiges dafür, dass das Foto hier der Auslöser war."

Allerdings dürfe man die Aufnahme nicht isoliert betrachten, so Schütz. In der zweiten Jahreshälfte 2015 seien Flüchtlinge in Deutschland sowieso das Hauptthema gewesen. Den Menschen sei die Situation in Syrien durch die Asylsuchenden, die vor ihrer eigenen Haustür angekommen waren, bewusst geworden.

Aber auch Fotos und Berichte von den Flüchtlingen in der Ägäis, an der ungarischen Grenze, über die vielen Toten im Mittelmeer - alles das dürfte Schütz zufolge dazu beigetragen haben, dass die Hilfsbereitschaft "überwältigend groß" und Deutschland von einer "Willkommenskultur" geprägt war.

"2016 hat sich das aus verschiedenen Gründen geändert, angefangen mit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht bis zur Frage, ob Deutschland überfordert ist", sagt Schütz.

Welche Lehren sich aus der Studie ziehen lassen

"Grundsätzlich ist es so, dass emotionale Bilder immer die Spendenbereitschaft befördern", bestätigt er. Das gelte aber auch für die Aufmerksamkeit überhaupt, die Medien einem Thema widmen. "Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, wo am nächsten Tag die Journalisten vor Ort sind und die entsprechenden Bilder liefern, macht sich das unmittelbar in einer höheren Spendenbereitschaft bemerkbar." Bei der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 dagegen, von der kaum berichtet wurde, war sie extrem niedrig - trotz Tausender Todesopfer.

Für die Forscher aus den USA und Schweden illustrieren die Ergebnisse ihrer Studie jedenfalls eindeutig einen "ikonischen Opfer-Effekt" des Bildes von Aylan. Die Daten zeigten darüber hinaus aber, dass diese Form der Empathie schnell wieder vergehe. Ein Jahr nach dem Foto von Aylan und trotz der Veröffentlichung weiterer berührender Aufnahmen von Flüchtlingen und Tausender Toter im Mittelmeer scheine sich wenig verändert zu haben - vor allem in Bezug auf die Bereitschaft von Regierungen, Maßnahmen zu ergreifen, um das Massensterben in Syrien zu beenden, so Slovic und seine Kollegen.

"Eine der wichtigen Lehren aus der Geschichte von Aylan ist: wir können nicht davon ausgehen, dass die Statistiken zu massiven humanitären Krisen unsere Aufmerksamkeit erregen oder uns dazu bewegen, etwas zu unternehmen - egal, wie groß die Opferzahl ist", schreiben die Wissenschaftler. Bereits bei zwei Betroffenen beginne das Mitgefühl schwächer zu werden. "Kein Wunder, dass wir ein 'psychisches Abstumpfen' erleben, wenn die Zahlen in die Tausende gehen", heißt es in der Studie.

Vielleicht überfordert eine größere Zahl von Opfern einfach die Empathiefähigkeit und das Vorstellungsvermögen der Menschen, vermuten die Wissenschaftler. Das Foto von Aylan allein dagegen "weckte die Welt vorübergehend auf", führte dazu, dass die Menschen und ihre Regierungen begannen, die syrische Flüchtlingskrise in ihrem furchtbaren Ausmaß wahrzunehmen und motivierte sie für eine Weile, zu handeln.

Die Hilfsbereitschaft sinkt, wenn es kompliziert wird

Doch weitergehende politische Entscheidungen oder konkrete Maßnahmen, um das Töten in Syrien zu beenden, blieben aus und das Interesse und die Hilfsbereitschaft der Menschen gingen wieder zurück. Hilfsorganisationen überrascht das nicht. Auch das Sammeln von Spenden für Opfer von Kriegen oder Bürgerkriegen ist schwieriger als für Menschen, die von Naturkatastrophen betroffen sind.

"Weil die Leute sich fragen, was ihr Geld angesichts von politischen Verwicklungen bewirken kann", sagt Dieter Schütz vom DRK. "Gerade in Syrien ist die Lage ja völlig unübersichtlich." Obwohl etwa das DRK seit Jahren Menschen dort mit Zehntausenden Hilfspaketen unterstützt, sind manche Menschen offenbar unsicher, ob ihre Spende auch ankommt.

Was aber lässt sich aus ihren Erkenntnissen nun schließen, fragen sich die Wissenschaftler aus den USA und Schweden. Schicksale wie das von Aylan Kurdi helfen zu zeigen, dass es um Menschen geht, nicht um Zahlen. Ihre Wirkung biete eine Gelegenheit, auf der Grundlage der kurzfristig wirkenden Emotionen und längerfristig erstellten Analysen Entscheidungen zu treffen, für die sich die Menschen sonst vielleicht nicht interessieren würden.

Für Hilfsorganisationen eine Gratwanderung

Allerdings ist auch Vorsicht angebracht, denn Emotionen lassen sich missbrauchen. Und auch für Hilfsorganisationen ist es eine Gratwanderung, wenn sie mit Bildern von Opfern für Spenden werben wollen. "Ohne emotionale Bilder ist es schwierig", sagt Schütz. "Wir versuchen, nicht voyeuristisch zu sein. Und wenn Einzelschicksale beschrieben werden, muss immer auch darauf hingewiesen werden, dass es um Zehntausende weitere Menschen geht, nicht nur um die abgebildeten Personen."

Und sollte das Foto eines toten Kindes wie Aylan Kurdi nun gezeigt werden? "Wir würden auf unserer Homepage ein solches Foto nicht veröffentlichen, um damit die Spendebereitschaft zu erhöhen", sagt Schütz. "Aus unserer Sicht kann das die Würde des Betroffenen verletzen, auch wenn dieser tot ist. Ob die Medien es tun, müssen sie selbst entscheiden."

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