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Ferdinand von Schirach im Interview:"Die Sarrazin-Debatte holte etwas Gefährliches hervor"

Die Sarrazin-Debatte wirft die Integrationsbemühungen in Deutschland zurück, meint Ferdinand von Schirach. Es sei dumm und gefährlich, aus einzelnen Verbrechensfällen eine generelle Theorie abzuleiten.

Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, ist Anwalt in Berlin und verteidigte in bislang mehr als siebenhundert Strafrechtsfällen. Bekannt wurde er durch seine literarische Tätigkeit: Seine seit 2009 veröffentlichten Bücher "Verbrechen" und "Schuld" wurden Bestseller. Sein drittes Werk "Der Fall Collini" erschien vor wenigen Wochen bei Piper.

Strafrechtsanwalt und Bestsellerautor: Ferdinand von Schirach

Strafrechtsanwalt und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach: Sein Buch "Verbrechen" wird nun verfilmt.

(Foto: dpa)

SZ: Herr von Schirach, Ihr Großvater Baldur von Schirach war ein Nazi-Verbrecher. In Ihrem dritten Buch Der Fall Collini widmen Sie sich nun ausgerechnet ungesühnten NS-Verbrechen. Wie tief stecken Sie da emotional drin?

Ferdinand von Schirach: In dem Fall Collini geht es gerade nicht um meinen Großvater und seine Generation, sondern um die bundesdeutsche Nachkriegsjustiz und ihren Umgang mit den NS-Tätern. Es ist das Rechtssystem, in dem ich lebe und arbeite. Und es geht um unseren Staat, der damit eine zweite Schuld auf sich geladen hat.

SZ: Sie meinen die Verjährung von NS-Verbrechen, die in den sechziger Jahren fast unbemerkt eingeführt wurde?

Schirach: Ja, das ist ein Kern des Buches.

SZ: Sie sagten einmal den Satz: Ich habe mich immer fremd gefühlt. Wie meinten Sie das?

Schirach: Es ist das Gefühl, nicht dazuzugehören: Nicht zu der Welt, in der man aufwächst, nicht zu der Schule, in der man war, nicht in der Umgebung, in der man lebt.

SZ: Zwei mögliche Erklärungen liegen nahe: Da ist Ihr Adelstitel und da ist Ihr Großvater, der einstige "Reichsjugendführer".

Schirach: Das scheint mir eher eine merkwürdige Idee. Ich glaube, man kann sich nicht selbst erklären. Es langweilt mich auch, über mich selbst nachzudenken.

SZ: In Ihren Geschichten stehen immer wieder Menschen mit nichtdeutschem Hintergrund im Mittelpunkt ...

Schirach: ... das ist mit bisher nicht aufgefallen.

SZ: Da sind etwa der türkische Zuhälter, der brutal ermordet wird und der Libanese, der seinen Blutrausch kurz vor Weihnachten auslebt. Und Fabrizio Collini, ein Gastarbeiter der ersten Generation.

Schirach: In 30 Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe, sind in sechs die Täter Ausländer. Und die Partisanen, die von Deutschen im Zweiten Weltkrieg erschossen wurden, sind natürlich Ausländer. Deshalb ist Fabrizio Collini ein italienischer Gastarbeiter.

SZ: Hilft Ihnen dieses Gefühl der Fremdheit dabei, Ihre literarischen Figuren ausländischer Herkunft zu beschreiben?

Schirach: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wenn man sich als Kind fremd fühlt, wird man als Erwachsener distanziert. Und wenn man zu den Dingen und Menschen Distanz behält, ist es besser möglich, sie zu beobachten. Als Strafverteidiger sieht man Menschen oft intensiver und genauer als in anderen Berufen. Das hilft natürlich beim Schreiben.

SZ: Welche speziellen Beobachtungen haben Sie im vergangenen Jahr gemacht während der Kontroverse um Integrationsprobleme und den Islam, die von Thilo Sarrazin losgetreten wurde?

Schirach: Dass man so lange über ein so merkwürdiges Buch debattiert, fand ich beunruhigend. Diese Debatte holte etwas Gefährliches aus den Menschen hervor. Ich kann Ihnen ein anderes Beispiel nennen, wo etwas Ähnliches gerade zu beobachten ist.

SZ: Wir sind gespannt.

Schirach: Vor kurzem gab es bei Stern-TV ein Interview mit dem Polizisten, der dem Kindermörder Magnus Gäfgen Folter angedroht hatte. Danach wurden die Zuschauer befragt: 96 Prozent waren in diesem Fall für Folter. Später wurde der Polizist gefragt, ob er sich in einer ähnlichen Situation noch einmal so verhalten würde. Er antwortete allen Ernstes, ja, es sei eine "Grauzone". Man muss sich das vorstellen. Die Verfassung verbietet die Folter, es ist genau das Gegenteil einer Grauzone. Es hat Jahrhunderte gedauert, um ein Folterverbot durchzusetzen. Und plötzlich sind wir bereit, so etwas aufzugeben.

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