Auschwitz-Prozess in Lüneburg "Die SS-Männer entschieden, wer lebte oder starb"

Zuletzt hatte der Strafprozess gegen Oskar Gröning unterbrochen werden müssen - aus gesundheitlichen Gründen. Am Dienstag nahm er wieder im Gerichtssaal Platz.

(Foto: Philipp Schulze/AP)

Aus den überfüllten Viehwaggons wurden unterwegs die Leichen gekippt, im KZ wiesen die Aufseher dann nach links oder rechts: Vor Gericht in Lüneburg schildert eine jüdische Überlebende ihre Ankunft in Auschwitz. Der Angeklagte bleibt ungerührt.

Von Peter Burghardt, Lüneburg

Da ist Oskar Gröning wieder. Etwas schwerfällig sinkt der frühere SS-Mann, dem Beihilfe zum Massenmord in 300 000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vor 71 Jahren vorgeworfen wird, am Dienstagmorgen auf seinen Platz. Zuletzt hatte der Lüneburger Strafprozess unterbrochen werden müssen, der 93-jährige Angeklagte litt unter Infekt und Erschöpfung. Länger als drei Stunden dürfen die Sitzungen nicht mehr dauern, das hat ein ärztlicher Gutachter nach einer Untersuchung festgelegt. "Wie geht's Ihnen?", fragt nun Franz Kompisch, der wunderbar souveräne Vorsitzende des Schwurgerichts. "Nicht gut", antwortet Gröning. "Ich habe Kopfschmerzen und Schwindelgefühl." Aber es geht weiter, Gröning ist verhandlungsfähig.

Natürlich werden Alter und Gesundheit berücksichtigt. Der Greis muss anders als die meisten Nebenkläger, Juristen, Helfer und Zuschauer auch nicht aufstehen, wenn die Richter den Saal betreten. Ihn schützt das Gesetz eines Rechtsstaats, die Opfer schützte damals im Hitlerreich niemand. Wie oft seit Beginn der Verhandlung vor drei Wochen wird es sehr still im Raum der Ritterakademie am Rande der Altstadt, als jüdische Überlebende und Angehörige in den Zeugenstand treten. Sie berichten aus der Hölle, an einem schönen Tag im Mai 2015, nur wenige Meter von einem ehemaligen Schergen der Nazis getrennt.

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Kathleen Zahavi ist aus Toronto in dieses niedersächsische Kleinod und die grausige Vergangenheit gereist, aus einem anderen Leben, als kanadische Rentnerin und Großmutter von 86 Jahren. Als ungarisches Kind wurde sie mit ihrer Familie im Frühjahr 1944 von den deutschen Besatzern und deren einheimischen Handlangern erst ins Ghetto gepfercht und dann deportiert.

Die Staatsanwaltschaft betrachtet diesen Buchhalter des Terrors als mitschuldig

Um jene Ungarn-Aktion geht es in dem historischen Verfahren gegen Oskar Gröning. Der junge Bankkaufmann hatte sich der Waffen-SS angeschlossen - in Auschwitz kümmerte er sich um das Geld, die Wertsachen und manchmal auch um das Gepäck, das herbeigekarrte Juden an der Rampe abgeben mussten. Die Staatsanwaltschaft Hannover betrachtet diesen Buchhalter des Terrors für mitschuldig am hunderttausendfachen Tod.

"Wir kamen in der Abenddämmerung in Auschwitz an", erzählt Kathleen Zahavi, sie war 15 Jahre alt. Sie verließen überfüllte Viehwaggons, aus denen unterwegs Leichen und Eimer mit Exkrementen gekippt worden waren. Draußen brüllten Soldaten und kläfften Schäferhunde, "ich kann sie immer noch bellen hören". Aufseher wiesen nach links oder rechts, "die SS-Männer entschieden, wer lebte oder starb". Mehr als 100 ihrer Verwandten wurden ermordet. Als die junge Kathleen in der Baracke 11 in Lager C nach ihren Eltern fragte, zeigte jemand auf den Rauch aus Schornsteinen. "Das sind deine Eltern." Die Tochter entkam der Gaskammer, obwohl ihr der Mörderarzt Josef Mengele die Hand auf die Schulter legte und sie ebenfalls in den Tod schicken wollte. Ihre geliebte Schwester Illona erlag kurz vor der Befreiung in Bergen-Belsen dem Typhus.

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Oskar Gröning sitzt derweil starr zwischen seinen Anwälten, gekleidet in Hemd und Pullunder, ein Kopfhörer liefert ihm die Übersetzung und einen lauteren Ton. In der Pause plaudert er mit seinen Verteidigern, geistig scheint er fit zu sein. Wenn die Nebenkläger ihre fürchterlichen Erlebnisse schildern, wirkt er ungerührt. "Er hört da einfach irgendwie zu, wie ein Zuschauer, das könnte irgendwer sein", sagt Henriette Beck aus Neumarkt Sankt-Veit in Bayern. Ihre Halbschwester und deren Mutter starben in Auschwitz, ihr Vater litt darunter bis zu seinem Tod 1998.

Wer nicht aus Stein ist, könnte heulen in solchen Momenten

Zum Prozessauftakt im April hatte Gröning ganz zum Schluss seiner Aussage moralische Mitschuld eingeräumt, es klang wie abgelesen. "Herr Gröning, das ist nicht genug", ruft Kathleen Zahavi ins Mikrofon, ihre Stimme wird jetzt laut. "Sie haben sich freiwillig zu dieser Nazipartei gemeldet, Sie wussten, was in Auschwitz geschah. Ich hoffe, dass Sie die schrecklichen Bilder Ihr Leben lang begleiten." Sie hat Kinder und Enkel, ihr Sohn ist mitgereist, doch das Grauen und der Schmerz ließen sie nie los. "Sie konnten als freier Mensch alt werden, meine Eltern nicht. Sie konnten mich nicht an den Traualtar begleiten und Großvater und Großmutter werden. Ich kann Ihnen niemals vergeben. Es kann für uns keine Gerechtigkeit geben."

Augen, die die Hölle auf Erden sahen

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Wer nicht aus Stein ist, könnte heulen in solchen Momenten. Dennoch ist dieser so späte Vorstoß der Justiz für die Zeugen und Nachfahren eine kleine Befreiung. Der Auschwitz-Überlebende Imre Lebovitz, 86, aus Budapest würde sich solchen Mut auch in der Heimat wünschen. Doch in Ungarn erlebt er erschrocken neuen Antisemitismus. Sein deutscher Anwalt erklärt, dass die ungarische Beteiligung am Holocaust dort negiert werde, "das ist Geschichtsfälschung". Mehrere seiner Mandanten hätten deshalb nicht an dem Verfahren mitwirken wollen. "Viele Juden fühlen sich daheim nicht mehr sicher."

In Lüneburg sitzt immerhin noch ein Mitglied der unfassbaren Tötungsmaschinerie vor einem deutschen Gericht. "Ich hatte furchtbare Angst", gesteht der 1932 geborene Ivo Perl aus Buckhorst Hill bei London. Angst vor der Begegnung mit einem Täter, so alt der auch sein mag. Er hatte viele Nächte nicht geschlafen. "Was würde ich sehen, wenn ich Sie ansehe?" Er sieht Gröning an. " Ich sehe jemanden, der mir leidtut." Ivo Perl dankt dem Opferanwalt Thomas Walther und den übrigen Juristen: "Das, was Sie hier tun, macht uns das Leben ein bisschen erträglicher."