Auschwitz-Prozess in Lüneburg:SS-Mann rechnete mit Tod der Juden in Auschwitz

Auschwitz-Prozess in Lüneburg: Oskar Gröning am dritten Verhandlungstag des Lüneburger Auschwitz-Prozesses.

Oskar Gröning am dritten Verhandlungstag des Lüneburger Auschwitz-Prozesses.

(Foto: AP)
  • Oskar Gröning soll im KZ Auschwitz Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen geleistet haben. Deswegen steht er nun in Lüneburg vor Gericht.
  • Am dritten Verhandlungstag sagt der ehemalige SS-Scherge aus, er habe sich nicht vorstellen können, dass Häftlinge das Lager lebend verlassen.
  • In der Nähe des Gerichts kommt es zu einem Eklat durch Rechtsextreme.

Von Johann Osel

Kaum ein Häftling würde aus Auschwitz lebend herauskommen - das war dem damaligen SS-Mann Oskar Gröning, dem seit Dienstag in Lüneburg der Prozess gemacht wird, vollkommen klar. "Ich konnte mir das nicht vorstellen", sagte der 93-Jährige am Donnerstag laut Agenturberichten aus dem Gericht. Er antwortete auf entsprechende Fragen der Nebenklage, die Holocaust-Überlebende und deren Angehörige vertritt.

Oskar Gröning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vorgeworfen. Zum Prozessbeginn hatte er sich zu einer moralischen Mitschuld bekannt. Er gestand, im KZ geholfen zu haben, das Gepäck von Häftlingen wegzuschaffen und Geld einzusammeln, das er dann an die SS weitergab. Die Anklage wirft ihm vor, dem Regime so wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Töten unterstützt zu haben.

Am Dienstag hatte der Prozess gegen Gröning, den "Buchhalter von Auschwitz", begonnen. Es dürfte einer der letzten großen Auschwitz-Prozesse sein. Nach dem Krieg war Gröning in britische Gefangenschaft gekommen, dann lebte er mit Familie ein bürgerliches Leben in der Lüneburger Heide. Mitte der Achtzigerjahre offenbarte er sich. In einer Dokumentation des britischen Senders BBC berichtete er über seine Rolle in Auschwitz, als "Rädchen im Getriebe". Gegen ihn wurde bereits 1977 ermittelt, in den Achtzigerjahren wurde ein Verfahren mangels Beweisen eingestellt.

Sollte der Greis verurteilt und auch für haftfähig erklärt werden, erwartet ihn eine Strafe von mindestens drei Jahren. Für den Prozess sind bis Ende Juli 27 Verhandlungstage angesetzt. Das Interesse ausländischer Medien ist enorm. In Lüneburg übernehmen elf Anwälte die Nebenklage.

Deren Vertreter fokussierten sich am Donnerstag auf die Frage, ob Gröning wirklich nur ein "Buchhalter" war; oder ob er auch konkret bei der Selektion von Juden mitwirkte. Denn dann könne ihm auch eine Mittäterschaft an den Morden angelastet werden, hieß es. Gröning hatte ausgesagt, an der Rampe in Auschwitz in der fraglichen Zeit nur dreimal im Einsatz gewesen zu sein. An der Rampe wurde entschieden, wer als arbeitsfähig eingestuft und wer unmittelbar getötet wurde. Er selbst habe nicht über Leben und Tod entschieden, sagte Gröning bereits am Mittwoch, sondern nach der Ankunft der Züge eben das Gepäck der Häftlinge bewacht. Dabei habe er aber, obwohl in deren direkter Nähe, die Häftlinge niemals angesprochen.

Am Donnerstag sagten auch erstmals Überlebende des Vernichtungslagers aus. Ein aus Kanada angereister 86-jähriger Mann, damals 15 Jahre alt, berichtete von den Worten seines Vaters: "Wenn du überlebst, wirst du der Welt erzählen, was passiert ist." Gröning zeigte daraufhin keine sonderliche Regung. Ein weiterer Überlebender sagte, für ihn sei es nicht wichtig, ob Oskar Gröning am Ende ins Gefängnis komme. Die Welt müsse allerdings wissen, was passiert sei - denn noch immer gebe es viele Holocaust-Leugner.

Traurigerweise bestätigt: Wie eine regionale Tageszeitung berichtete, ist es nahe dem Gericht zu einem Eklat durch Rechtsextreme gekommen. So seien Flugblätter verteilt worden, die den Massenmord und die Gaskammern von Auschwitz leugnen. Die Polizei setzte laut dem Bericht einen 79-jährigen Mann fest und leitete ein Verfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung ein. Darüber hinaus wurden gut ein Dutzend Platzverweise erteilt - gegen mutmaßliche Neonazis, die Parolen skandiert haben sollen.

© SZ vom 24.04.2015/odg
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