AKW Saporischschja:Stabil kritisch

AKW Saporischschja: Vorbereiten dafür, dass Radioaktivität austritt: Vergangene Woche wurde in Saporischschja wieder der Notfall geübt.

Vorbereiten dafür, dass Radioaktivität austritt: Vergangene Woche wurde in Saporischschja wieder der Notfall geübt.

(Foto: Reuters)

Moskau und Kiew beschuldigen sich gegenseitig, Angriffe auf Europas größtes Atomkraftwerk vorzubereiten. Belege für die Vorwürfe fehlen bisher.

Von Florian Hassel, Belgrad

Russland und die Ukraine verschärfen ihre gegenseitigen Anschuldigungen zunehmend, die jeweils andere Seite wolle das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja beschießen, eine Explosion oder das absichtliche Austreten von Radioaktivität herbeiführen. Keine der Behauptungen lässt sich bisher unabhängig bestätigen.

Den Anfang machte am 23. Juni der ukrainische Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow. Er sagte der britischen Zeitschrift New Statesman, Moskau habe einen Kühlteich des AKWs Saporischschja vermint und Fahrzeuge mit Sprengstoff an oder in vier der sechs Kraftwerksblöcke gebracht. Ein Plan zur Sprengung am oder im Kraftwerk sei "entworfen und abgesegnet".

Präsident Wolodimir Selenskij führte am Dienstagabend aus, russische Truppen hätten "Objekte, die Sprengsätzen ähneln, auf dem Dach mehrerer Kraftwerksblöcke des Saporischschja-Kernkraftwerks platziert". Dem Generalstab der Ukraine zufolge will Russland nicht die Kraftwerksblöcke selbst beschädigen, "sondern den Eindruck eines Beschusses durch die ukrainische Seite erzeugen".

Die Inspektoren der Atomaufsicht haben nicht überall Zugang

Moskau zufolge wiederum ist es die Ukraine, die einen Angriff auf das Atomkraftwerk planen soll. Renat Kartschaa, ein Berater der russischen Atomenergiebehörde Rosatom, sagte am Dienstag: "Am 5. Juli, buchstäblich in der Nacht, in der Dunkelheit, wird die ukrainische Armee versuchen, das Saporischschja-Atomkraftwerk anzugreifen." Dafür werde Kiew "hochpräzise, langreichende Waffen" und Drohnen einsetzen, behauptete Kartschaa im russischen Fernsehen. Selenskij wies dies zurück.

Russische Truppen halten das Kraftwerk seit März 2022 besetzt. Die Region von Saporischschja wird zudem wahrscheinlich Schauplatz von Kämpfen, falls die ukrainische Armee eine Offensive zur Rückeroberung besetzter Gebiete ausweitet.

Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) hat längst Inspektoren in dem Kernkraftwerk stationiert. Am 30. Juni sagte IAEA-Direktor Rafael Grossi, "bis jetzt" hätten seine Inspektoren "keine Minen oder andere Sprengsätze beobachtet". Allerdings sei es nötig, weiter Zugang zu der Anlage zu haben.

AKW Saporischschja: Seit März vergangenen Jahres ist das größte Kernkraftwerk Europas von russischen Streitkräften besetzt.

Seit März vergangenen Jahres ist das größte Kernkraftwerk Europas von russischen Streitkräften besetzt.

(Foto: AP)

In seinem Tagesbericht von diesem Mittwoch erklärt Grossi, man habe weiterhin keine "sichtbaren Hinweise" auf Sprengsätze - und bekräftigt zugleich seine Forderung, den Inspektoren den Zugang zu allen Teilen des Kraftwerks zu ermöglichen, insbesondere den Dächern der Reaktoren 3 und 4. Öffentlich liegen bisher keine aktuellen Satellitenbilder der Dächer vor. Grossi schränkte zudem am 30. Juni ein, die IAEA habe früher tatsächlich Minen sowohl außerhalb des eigentlichen Kraftwerksgeländes als auch "an bestimmten Stellen im Inneren" bestätigen können.

Bisher soll die Kühlung der Meiler noch ausreichend sein

Das Washingtoner Institut für Kriegsstudien (ISW) hält einen "massiven radioaktiven Zwischenfall" am AKW Saporischschja für unwahrscheinlich. Russlands Behauptungen über angeblich geplante ukrainische Angriffe seien wohl Teil einer Desinformationskampagne, um die Ukraine von einer Gegenoffensive in der besetzten Saporischschja-Region abzuhalten und die Ukraine als unverantwortlichen Akteur erscheinen zu lassen.

Unterdessen ist die Lage am AKW stabil kritisch. Am Dienstag wurde vorübergehend eine erst kurz zuvor wiederhergestellte externe Stromleitung unterbrochen, sie liefert unter anderem Strom für die Kühlpumpen des AKWs. Allerdings gibt es noch eine weitere Stromleitung und Notstromgeneratoren, die mit Diesel betrieben werden können.

IAEA-Direktor Grossi zufolge ist auch nach der Sprengung des Kachowka-Staudammes am 6. Juni und dem Leerlaufen des Reservoirs die Wasserversorgung und Kühlung des Atomkraftwerkes gesichert. Der Kühlteich des Kraftwerks sei noch gut gefüllt, zudem sei eine Möglichkeit gefunden worden, ihn mit Grundwasser aufzufüllen, so dass der Spiegel dort nur einen Zentimeter täglich sinke. Eine Rekonstruktion der New York Times und am 28. Juni vom ukrainischen Investigativprojekts "Schemy" veröffentlichte angebliche Telefonmitschnitte legen nahe, dass der Kachowka-Staudamm von russischen Soldaten gesprengt wurde. Moskau behauptet hingegen, ukrainische Kräfte hätten den Damm zerstört.

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