Antisemitismusvorwurf "Obsession" der Deutschen für den Nahostkonflikt

Und da ist Judith Bernstein. Sie ist jüdisch, hat in Israel gelebt, mit ihrem Umzug nach München wurde sie zur scharfen Gegnerin der Besetzung des Westjordanlandes. Judith Bernstein hat die palästinensisch-israelischen Gruppen nach Deutschland gebracht, sie lädt mit zur Tagung ein. Sie unterstützt die Boykottbewegung BDS, weil alles andere nichts geholfen habe.

Judith Bernstein schickt, um ihre Haltung zu erklären, einen Brief, den sie an Sigmar Gabriel geschrieben hat: Deutschland solle endlich Sanktionen gegen Israel verhängen. Inzwischen würden "jüdische Gemeinden, die jede Kritik an der israelischen Politik als Antisemitismus abtun", als "Komplizen der israelischen Regierung wahrgenommen". Das "Einknicken deutscher Institutionen" schüre "noch eher den Antisemitismus".

Neue antisemitische Semantik

Bei solchen Argumentationen merkt Monika Schwarz-Friesel auf. Die Antisemitismusforscherin der TU Berlin untersucht seit zehn Jahren Schreiben an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an Israels Botschaft und hat eine "Israelisierung der antisemitischen Semantik" festgestellt. Der Brief an den Außenminister sei Beispiel dafür, "wie traditionelle antisemitische Argumente in der antizionistischen Szene benutzt werden: Die Juden sind selber schuld am Antisemitismus, würden sie sich anders verhalten, gäbe es keinen Antisemitismus mehr."

Solche Argumentationsweisen nähmen zu, "gerade in der Mitte der Gesellschaft", sagt Schwarz-Friesel. "Dabei kann man selbstverständlich die Politik der israelischen Regierung scharf kritisieren - ohne judeophobe Stereotype zu artikulieren. Warum aber benutzen heute gebildete Menschen Verbal-Antisemitismen, und sagen dann noch, sie täten es im Namen der Humanität?"

Judith Bernstein empfindet wiederum diese Einordnung als verletzend, "es geht mir auch um die Zukunft Israels", sagt sie, das würden ihre Kritiker aus der jüdischen Gemeinde verkennen.

Hat nun die Gemeinde gegen die Veranstaltung in Tutzing protestiert? Anruf bei Charlotte Knobloch, der Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München. Man habe von der Tagung "nur beiläufig" erfahren, sagt sie, und: "Unsachliche oder einseitige Kritik hat immer Folgen. Beim Thema Israel hat sich gezeigt, dass Einseitigkeit den israelbezogenen Antisemitismus befördert."

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Von anderen in der Gemeinde hört man auch Skepsis, ob man sich das Themas überhaupt annehmen sollte, eigentlich sei das ja gar nicht ihr Thema - wenn jemand die Politik in Israel kritisiere, habe das nichts mit der Kultusgemeinde in München zu tun. Andererseits: wenn dadurch der Antisemitismus in Deutschland gestärkt wird?

Anruf beim Akademiedirektor Udo Hahn in Tutzing. Der sagt: "Ich habe selber entschieden, die Tagung zu verschieben, da hat niemand Druck ausgeübt." Trotz aller Bemühungen sei am Ende eine "Schieflage" geblieben. Und dann sagt er noch: "Zwischen den verschiedenen Betroffenen und Interpretatoren des Nahostkonflikts Vermittler sein zu wollen", sei derzeit nicht erfolgversprechend.

Immerhin: Volker Beck hat einen Wochenendtermin weniger. Der grüne Bundestagsabgeordnete hätte in Tutzing gemeinsam mit Rudolf Dressler von der SPD und Ruprecht Polenz von der CDU in einer Diskussionsrunde gesessen. Ja, sagt er, das Programm erinnere auch ihn an einen "Feldgottesdienst der Israelkritiker", er hätte aber schon gerne diskutiert und gesagt, dass er den Gesprächsabbruch von Benjamin Netanjahu gegenüber Sigmar Gabriel so inakzeptabel findet wie die blinden Flecken vieler Palästina-Gruppen.

Dann sagt Beck noch, dass er sich wundere, mit welcher Obsession die Deutschen sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigten - "warum nicht mit dem gleichen Engagement mit der Hungerkrise am Horn von Afrika oder dem vergessenen Konflikt in der Westsahara?" Und ja, sagt Volker Beck, auch unter den Juden in Deutschland sei die Empfindlichkeit gewachsen: "Das Bedrohungsgefühl hat zugenommen, Israel gilt vielen als Lebensversicherung, und wer Israel kritisiert, geht an diese Lebensversicherung."

Moshe Zimmermann, der Historiker aus Jerusalem, hat einen Protestbrief verfasst: Man müsse vermuten, dass "sich unsere deutschen Gastgeber an die Haltung der offiziellen israelischen Politik angepasst haben, die die Befürworter des Friedens für illegitim hält". Die Akademie habe "gegenüber den Hardlinern nachgegeben". Der Münchner jüdische Blog "Schlamassel.muc" zeigt auf einem Foto nazihörige "Deutsche Christen" und zieht mal locker eine Parallele zur Tagung in Tutzing und ihren Veranstaltern.

"Ich denke, wir finden ein neues Konzept und einen neuen Termin", sagt Akademiedirektor Hahn. Man hört es ihm an: So richtig glaubt er das nicht mehr.

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