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IS-Führer al-Bagdadi getötet:Sie nannten ihn den "unsichtbaren Scheich"

Er erklärte sich selbst zum Kalifen im sogenannten Islamischen Staat. Nun ist Abu Bakr al-Bagdadi bei einer Aktion des US-Militärs getötet worden. Wer war dieser Mann, der verantwortlich war für den Terror und die Gräueltaten des IS?

Abu Bakr al-Bagdadi ist gerade einige Stunden mutmaßlich tot, als US-Präsident Donald Trump am Sonntag vor die Presse tritt: Die Tötung des Anführers des sogenannten "Islamischen Staats" sei eine größere Sache als der Angriff auf Osama bin Laden. Der lange gesuchte Anführer der Terrororganisation al-Qaida, die unter anderem die Anschläge auf die New Yorker World Trade Center geplant und durchgeführt hatte, wurde 2011 unter Trumps Vorgänger Barack Obama vom US-Militär getötet. Aber während man über Bin Laden damals viel zu wissen schien, führte al-Bagdadi eher ein Schattendasein. Wer war der Mann, der die Terrormiliz anführte, die wegen ihrer Brutalität sogar von al-Qaida gemieden wurde?

Einer der wenigen bekannten öffentlichen Auftritte al-Bagdadis liegt bereits mehr als fünf Jahre zurück. Der Islamische Staat - den viele, um die Eigenbezeichnung nicht zu übernehmen, Daesh nennen - ist gerade auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Terrormiliz ist erfolgreich in das Machtvakuum des syrischen Bürgerkrieges gestoßen und kontrolliert im Irak fast ein Drittel der Landesfläche. Wichtige Städte wurden erobert, Raqqa in Syrien und Mossul im Irak.

In der zweitgrößten Stadt des Irak wurde auch ein Video aufgenommen, das Mitte 2014 auftaucht. Al-Bagdadi ist darauf sehen, wie er in der Al-Nuri-Moschee das "IS-Kalifat" in Syrien und im Irak ausruft, das zu seiner Hochzeit eine Fläche der Größe Großbritanniens umfasst. Der damals auch von seinen Anhängern als "unsichtbarer Scheich" bezeichnete al-Bagdadi ernennt sich selbst zum Kalifen, fordert von allen Muslimen weltweit "Gehorsam" und ruft sie zum "Heiligen Krieg" auf.

Ab 2015 gerät Daesh immer mehr unter Druck, verliert erste Gebiete und bei Luftangriffen führende Kommandeure. Gleich mehrere Male erfolgt die Meldung, al-Bagdadi sei getötet worden. Vom "Kalifen" hört man in der Zeit tatsächlich wenig. Nach dem Video gibt es lange keinen Lebensbeweis, es tauchen lediglich Audioaufnahmen auf, die ihm zugeschrieben werden. Es ist auch nicht klar, welche Rolle er in der Organisation spielt: Ein Sprecher der US-geführten Koalition bezeichnet ihn 2017 als "unbedeutend".

Wenig sichere Informationen über al-Bagdadis Leben

Es gibt nur wenige gesicherte Informationen über sein Leben. Laut einer UN-Sanktionsliste kommt al-Bagdadi 1971 mit dem bürgerlichen Namen Ibrahim Awwad Ibrahim Ali al-Badri im irakischen Samarra zur Welt. Er selbst führt seine Abstammung auf die Familie des Propheten Mohammed zurück. Auf ihrer Terrorliste führen die USA eine Vielzahl von Alias auf. Unbestätigten Angaben zufolge erwirbt al-Bagdadi einen Doktortitel in islamischen Studien. Angeblich predigt er dann in sunnitischen Moscheen im Nordirak. Als sicher gilt, dass er nach dem Irak-Feldzug von US-Streitkräften gefangen genommen und in das riesige Gefangenenlager Bucca im Süden des Irak gesperrt wird. Einige IS-nahe Webseiten schreiben, die Festnahme sei 2004 gewesen. Al-Bagdadi sei zehn Monate in Haft gewesen - ob er sich in Haft oder bereits zuvor radikalisiert, ist nicht geklärt.

Wieder frei gründet er die islamistische Widerstandsgruppe Jaysh Ahli Sunna, die in den Provinzen Diyala und in den Regionen um die Städte Samarra und Bagdad kämpft. Dann schließt er sich dem Al-Qaida-Ableger im Irak unter Abu Musab al-Sarkawi an.

Bruch zwischen al-Qaida und al-Bagdadi

Nachdem al-Sarkawi bei einem US-Luftangriff getötet wird, baut al-Bagdadi seine Rolle in der Gruppe, die sich damals "Islamischer Staat im Irak" nenn, aus, und übernimmt 2010 schließlich die Kontrolle. Aus dieser Zeit stammt auch sein Kampfname al-Bagdadi, der Bagdader.

Al-Bagdadi setzt damals Selbstmordattentäter, Autobomben und andere bewaffnete Kämpfer ein, um der Gruppe mehr Geltung zu verschaffen. Obwohl die Organisation durch jahrelange US- und irakische Operationen geschwächt ist, kann sie sich nach und nach auch über die Grenze nach Syrien ausbreiten.

Schon damals lautet das Ziel, einen islamischen Staat zu bilden, in dem islamische Vorschriften und Regeln extrem konservativ und strikt ausgelegt werden. Dann kommt es zum Bruch: Al-Qaida lehnt die Radikalität al-Bagdadis ab, er will keine Kompromisse eingehen. Die Gruppe benennt sich um in "Islamischer Staat".

In dem "Kalifat", dass der IS im Irak und Syrien aufbaut, verüben die Terroristen zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Massentötungen, grausam inszenierte Hinrichtungen, Terroranschläge in der Region und auch in westlichen Staaten, beispielsweise am 13. November 2015 in Paris. Bei Angriffen auf die Konzerthalle Bataclan, mehrere Bars und Cafés im zehnten und elften Pariser Arrondissement sowie rund um das Stade de France in der Vorstadt Saint-Denis, wo ein Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfindet, werden 130 Menschen ermordet, mehr als 680 verletzt.

Gleich mehrere Male wird in den vergangenen Jahren gemeldet, al-Bagdadi sei verletzt oder getötet worden. Zum Beispiel verkündete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte 2017, dass al-Bagdadi definitiv tot sei. Ende April dieses Jahres erscheint dann jedoch ein Propaganda-Video, das offenbar den Daesh-Chef zeigt. Dort sitzt er im schwarzen Gewand, mit beiger Weste und grau-rotem Bart vor einer weißen Wand, neben ihm eine Waffe, halb bedeckt von bunten Blumenkissen. In dem Video spricht der Mann über die Terrorangriffe auf Sri Lanka, wo an Ostern 2019 mehr als 250 Menschen getötet wurden. Er bezeichnet die Tat als Racheaktion, nachdem Daesh im März die Schlacht um das syrische Baghus verloren hat.

Nun ist al-Bagdadi tatsächlich tot, US-Präsident Trump zufolge haben die US-Spezialkräfte noch vor Ort einen DNA-Test gemacht. In der Pressekonferenz sagt Trump, US-Soldaten seien mit Hubschraubern in den Nordwesten Syriens, nahe der Stadt Idlib, geflogen, wo sich al-Bagdadi aufhielt. Dort kam es bei einer Anlage zu einem Gefecht, bei dem viele IS-Kämpfer getötet wurden und al-Bagdadi in einen Tunnel flüchtete. Dort habe er sich schließlich in die Luft gesprengt, dabei starben auch drei Kinder. Das US-Militär erlitt keine Verluste, nur ein Hund sei verletzt worden. "Die Welt ist nun ein sichererer Ort", sagt Trump.

Der Tod Osama bin Ladens schwächte das Terrornetzwerk al-Qaida, sein Nachfolger Aiman al-Zawahiri galt als weniger charismatisch. Al-Qaida blieb trotzdem gefährlich und ist bis heute laut Experten im Nahen und Mittleren Osten einflussreich. Welche Auswirkungen al-Bagdadis Tod auf den IS hat, ist unklar. Auch deshalb, weil ungewiss ist, welche Rolle der "Kalif" selbst bei strategischen Entscheidungen überhaupt spielte. Sicher ist aber, dass Daesh mit al-Bagdadis Tod einen seiner letzten flüchtigen Kommandeure verliert.

(mit Material der AP)

© SZ.de/bix/mcs
IS-Führer Al-Baghdadi

Meinung
Terrorismus
:Der Führer ist tot, der IS lebt

Anders als Osama bin Laden hat Abu Bakr al-Bagdadi seine Anhänger nie durch Charisma fasziniert. Sein Führungsanspruch leitete sich aus der Idee vom Kalifat ab. Die Anziehungskraft dieser Idee wird bleiben.

Kommentar von Moritz Baumstieger

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