bedeckt München 19°

Frankreich:So mordeten die "neun Löwen"

Paris, Frankreich, 18.November 2015, nach den Terroranschlägen des IS

Ein Pariser Straßencafé am 18. November, fünf Tage nach den Anschlägen.

(Foto: Regina Schmeken)

Zehn Wochen nach den Anschlägen in Paris zeichnen die Ermittler ein klares Bild der drei Terror-Kommandos - auch dank des jüngsten IS-Propagandvideos.

Von Christian Wernicke, Paris

Der Kriegs-Präsident gibt sich unerschrocken. "Nichts wird uns einschüchtern", beteuert François Hollande am Montag. Wenige Stunden zuvor hatte der "Islamische Staat" (IS) ein neues Video ins Internet gestellt, in dem die Terrormiliz ihren "neun Löwen" von Paris huldigt: Jenen neun Mördern also, die am 13. November 2015 am Stadion, im Konzertsaal Bataclan und in den Straßen von Paris 130 Menschen töteten.

Das Video bestätigt, was der IS vorige Woche in Dabiq, seinem Propaganda-Magazin im Internet, verbreitet hat: Zwei der neun November-Attentäter stammten aus dem Irak. Bisher wusste die Pariser Staatsanwaltschaft über die beiden Männer, die sich am Abend während des Fußball-Länderspiels gegen Deutschland vor dem Stadion in die Luft sprengten, nur, dass ihre syrischen Pässe gefälscht waren.

Das IS-Video vom Montag offenbart keine Sensationen. Aber der 17-minütige Clip schenkt den Ermittlungen ein paar Bruchstücke zu Tätern und Tathergang. Klar bewiesen ist jetzt, wie verroht zwei von ihnen waren. Bilal Hadfi, mit 20 Jahren der Benjamin des Terrorkomplotts, und Samy Amimour, 28, aus der Pariser Banlieue, treten im Video als perverse Mörder auf: Der eine enthauptet vor laufender Kamera eine Geisel, der andere hält lächelnd den Kopf eines seiner Opfer in den Händen.

Abaaoud war der Kopf, Abdeslam der Logistiker

Gut zehn Wochen nach dem 13. November zeichnen die Ermittler ein klares Bild von den drei Terror-Kommandos. Zentraler Kopf in Paris war Abdelhamid Abaaoud, der 28-jährige Belgier aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Er war nicht nur Antreiber, er hielt noch während der Anschläge mit Mittätern über Telefon Kontakt. Als Abaaouds wichtigster Handlanger diente Salah Abdeslam, 26, ein Kumpel ebenfalls aus Molenbeek. Beide saßen einst wegen kleinerer Straftaten zusammen im Knast.

Abdeslam, bis heute auf der Flucht, war der Logistiker der drei Kommandos: Er mietete Autos und Hotelzimmer, mixte Sprengstoff, verdingte sich als Chauffeur. Sehr wahrscheinlich war Abdeslam auch der letzte jener "acht Brüder mit Sprenggürteln", von denen der IS in seinem ersten "Communiqué" nach den Anschlägen schwadroniert hatte. Tatsächlich sind in der Terrornacht nur sieben Täter ums Leben gekommen. Die Polizei vermutet, Abdeslam habe sich im XVIII. Pariser Arrondissement in die Luft sprengen wollen: Genau hier stellte er am Abend einen Kleinwagen ab, genau hier hatte das IS-Communiqué (fälschlicherweise) einen Kamikaze-Anschlag vermeldet. Entweder funktionierte der Sprenggürtel nicht - oder Abdeslam versagten die Nerven.

Geklärt ist hingegen, wie die sieben anderen Selbstmordattentäter vom 13. November vorgingen:

Das Stadion-Kommando

Die ersten Täter von Paris waren die beiden unbekannten Iraker: Die zwei Männer, die der IS jetzt bei ihren Kriegernamen "Ali al-Iraqi" und "Ukasha al-Iraqi" nennt, zünden um 21.20 und um 21.30 Uhr ihre Sprenggürtel. Bilal Hadfi, der dritte Stadion-Attentäter, versucht, ohne Karte ins Stadion zu kommen, vergeblich. Um 21.50 Uhr sprengt er sich vor einer McDonald's-Filiale in die Luft. Wie durch ein Wunder fällt den drei Terroristen nur ein Passant zum Opfer.

Das Straßen-Kommando

Um 21.25 Uhr, fünf Minuten nach der ersten Explosion am Stadion, beginnt das Blutbad in den Straßen von Paris. Abdelhamid Abaaoud sitzt am Steuer des schwarzen Seats, der durch die Gassen des X. und XI. Arrondissement rast und nacheinander an drei Orten stoppt: Brahim Abdeslam, der ältere Bruder von Logistiker Salah, und der 25-jährige Belgier Chakib Akrouh springen aus dem Fahrzeug und eröffnen mit Kalaschnikows das Feuer auf die Menschen, die an diesem milden Freitagabend draußen vor den Bistros sitzen. Auch Abaaoud, später auf Videoaufnahmen stets an seinen orangefarbenen Schuhen zu erkennen, schießt. Die drei Terroristen töten 39 Menschen. Brahim Abdeslam lässt sich gegen 21.40 Uhr vor dem Bistro "Comptoir Voltaire" absetzen. Er geht hinein, zündet seinen Sprenggürtel. Doch nur ein Teil der Ladung explodiert. Abdeslam stirbt, mehrere Gäste des Lokals werden verletzt.

Die anderen beiden Terroristen entkommen. Sie verbergen sich vier Nächte lang am Rande einer Autobahn im Gestrüpp. Dann besorgt ihnen Abaaouds Cousine Hasna Aït Boulahcen eine Wohnung im Pariser Vorort Saint-Denis. Nach einem Tipp hört die Polizei das Telefon der Cousine ab, am Morgen des 18. November stürmen Spezialkräfte das Lager. Akrouh sprengt sich in die Luft und tötet dabei auch Abaaoud und Boulahcen. Im Januar gibt die Staatsanwaltschaft preis: Die beiden hatten für den Folgetag Selbstmordattacken in einem Einkaufszentrum und auf eine Polizeiwache geplant.

Das Bataclan-Kommando

Eine Minute nach dem Selbstmord von Brahim Abdeslam schlagen drei weitere Terroristen an einem dritten Ort zu: dem Konzertsaal Bataclan. Um 21.42 Uhr senden sie eine SMS an ein bis heute nicht identifiziertes Handy in Belgien: "Wir fangen an." Samy Amimour, 28, und Ismaël Omar Mostefaï, 29, stammen aus der Pariser Banlieue, Foued Mohamed-Aggad, 23, wiederum aus einer Vorstadt von Straßburg. Zusammen haben sie in Syrien trainiert. Im Bataclan töten sie, ehe sie alle drei sterben, 90 Menschen.

Die Ermittler wissen, dass die Attacken am 13. November von Belgien aus koordiniert wurden. Zwischen den Attentätern und zwei unbekannten Hintermännern in Brüssel gingen SMS hin und her. Vermutlich gab es noch einen Koordinator in Paris, denn die Hintermänner in Belgien standen wiederum mit einem Unbekannten in Kontakt, der erst zwei Tage nach der Bluttat aus Paris floh. Allen voran US-Geheimdienste glauben, dass der wahre Organisator der Attentate ein Franzose namens Salim Benghalem ist. Auch dieser 35-jährige "Gotteskrieger" stammt aus der Banlieue der Hauptstadt. Der frühere Kleinkriminelle ging bereits 2012 nach Syrien. Auch mit den Kouachi-Brüdern, den Charlie-Hebdo-Attentätern, stand er in Kontakt.

© SZ vom 26.01.2016/pamu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB