Räumung von Lützerath:Sitzblockade und Schnellbeton

Räumung von Lützerath: Ein Traktor planiert im Braunkohlegebiet Garzweiler II einen Weg nach Lützerath, Polizisten sichern die Trasse, Aktivisten neben brennenden Barrikaden sehen zu.

Ein Traktor planiert im Braunkohlegebiet Garzweiler II einen Weg nach Lützerath, Polizisten sichern die Trasse, Aktivisten neben brennenden Barrikaden sehen zu.

(Foto: Henning Kaiser/DPA)

RWE bereitet mit schwerem Gerät die Räumung des Dorfs Lützerath im Braunkohlegebiet Garzweiler II vor - gegen den Widerstand von Aktivisten.

Von Jana Stegemann, Lützerath

15 Tage lang saß Wolfgang Metzeler-Kick im November in Haft, weil er sich in München am Stachus festgeklebt und den Verkehr blockiert hatte. Als er das Gefängnis in Stadelheim verließ, gab der 48-jährige Klimaaktivist der Gruppe "Letzte Generation" es den bayerischen Beamten sogar schriftlich, dass er nach Lützerath in Nordrhein-Westfalen gehen würde.

Seit dem frühen Montagmorgen klebt die linke Hand von Metzeler-Kick mit Sekundenkleber auf der Zufahrtsstraße vor dem seit Jahren umkämpften Erkelenzer Ort Lützerath, etwa 40 Kilometer von Düsseldorf, am Braunkohletagebau Garzweiler II. Gegen den Regen schützt er sich mit einer goldfarbenen Rettungsdecke, die im Wind raschelt. "Ich kann nicht einfach zusehen, wie Lützerath abgebaggert wird und die Menschheit sich selbst ausrottet", sagt der Ingenieur für technischen Umweltschutz. "Es ist fossiler Wahnsinn, was hier stattfindet. Dass es legal ist, uns selbst umzubringen, kann ich nicht akzeptieren."

Handgemenge zwischen Polizei und Besetzern

Deutschland steigt spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aus, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten, das die Erderwärmung begrenzen und die Klimakrise verlangsamen soll. In NRW will der Energiekonzern RWE sogar schon 2030 aus der Kohleförderung aussteigen. Aber das Dorf Lützerath im Tagebau Garzweiler II darf noch für die Kohlegewinnung abgebaggert werden. Das ist Teil eines Deals zwischen dem Bund, der schwarz-grünen NRW-Landesregierung und dem Tagebaubetreiber RWE. Dagegen haben Klimaaktivisten seit Monaten die sechs Häuser des Ortes besetzt und ein Protestcamp mit bis zu 30 Baumhäusern erbaut. Die Grundstücke und Häuser gehören längst RWE; die einstigen Bewohner wurden von dem Unternehmen ausbezahlt und sind weggezogen. Laut RWE wird die Braunkohle unter Lützerath benötigt, "um inmitten der Energiekrise eine sichere Versorgung der Kraftwerke zu gewährleisten".

Minuten später versuchen Polizisten, die Barrikaden der Klimaaktivisten zu durchbrechen - und scheitern zunächst. Brennende Autoreifen und Teerpappe, aufgeschichtete Äste und Holzlatten sowie Türmchen aus Backsteinen versperren den Einsatzkräften den Weg. Die Aktivistinnen und Aktivisten in weißen Ganzkörperanzügen, skandieren "ACAT" (all cops are targets). Einige werfen Steine, Flaschen und Böller auf die Polizistinnen und Polizisten; gegen sie wird eine Strafanzeige gestellt. Später kommt es auch zu Handgemengen zwischen Polizei und Besetzern.

Eigentlich sollte am Montagmorgen in Lützerath ein öffentliches Aktionstraining der Klimaaktivisten stattfinden. Dort wollten sie unter anderem Sitzblockaden auf Straßen und das Durchfließen von Polizeiketten proben. Statt dessen stehen nun fünf Aktivisten in weißen Ganzkörperanzügen hinter brennenden Autoreifen und wärmen sich die Hände. Ihre Übung war kurzfristig abgesagt worden, denn RWE hat am Montag unter Polizeischutz mit den Vorbereitungen für die Räumung von Lützerath begonnen.

Die Räumung soll schneller gehen als die des Hambacher Forsts

Mit schwerem Gerät sind Arbeiter an der Abbruchkante des Tagebaus bis an den Ort herangefahren, haben Wege planiert. Zusätzlich zur Polizei umstellten Dutzende RWE-Security-Mitarbeiter die Arbeiten. Die Polizei habe angekündigt, "dass sie Barrikaden räumen wird, die wir aufgebaut haben, um das Dorf zu schützen", sagte Florian Özcan, Sprecher der Initiative "Lützerath lebt". Dagegen würden sich die bis zu 300 Demonstranten, die Lützerath aktuell besetzen, wehren.

Es wird jetzt ernst. Die drei Zufahrtstraßen sind großräumig gesperrt; nur noch zu Fuß und mit dem Fahrrad ist Lützerath erreichbar. Vom 10. Januar an gilt für den Ort und das umliegende Gebiet ein Betretungsverbot. Am Tag darauf könnte die Räumung dann tatsächlich beginnen. Anschließend soll die Braunkohle unter dem Dorf abgebaggert werden. Anders als die Räumung des besetzten Hambacher Waldes zwischen Köln und Aachen im Jahr 2018, die zum größten und mit 50 Millionen Euro teuersten Polizeieinsatz in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen wurde, soll es in Lützerath schneller gehen.

Es ist kurz nach zwölf Uhr, als Wolfgang Metzeler-Kick seine festgeklebte Hand von der Straße entfernt. "Sie übernimmt", sagt er und deutet auf ein dreibeiniges Holzgestell. An einem Seil zieht sich gerade eine andere Klimaaktivistin mehrere Meter in die Spitze des Tripods hoch; von unten wird ihr eine große Wasserflasche nachgeschickt. Ein paar Meter weiter wird "Ruck-zuck-Beton" in einer Plastikwanne angerührt, um damit Barrikaden im Straßenteer zu verankern.

Ohne Widerstand wollen die Klimaaktivisten Lützerath nicht aufgeben. Aber am Abend sind die ersten Barrikaden auf der Zufahrtsstraße, das hölzerne Eingangstor und eine Brücke geräumt. Und Höhenretter der Polizei haben die Menschen aus den Tripods geholt.

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