Afghanistan:Zwei Versionen einer Geschichte

Afghanistan: Im Haus der Familie Ahmadi starben nach deren Angaben beim US-Drohnenangriff zehn Menschen, darunter sieben Kinder.

Im Haus der Familie Ahmadi starben nach deren Angaben beim US-Drohnenangriff zehn Menschen, darunter sieben Kinder.

(Foto: Khwaja Tawfiq Sediqi/AP)

Eine vorläufige Analyse des US-Militärs legt nahe, dass eines der Drohnenopfer von Kabul Kontakt mit IS-Terroristen hatte. Fraglich ist aber, ob alles getan wurde, um Zivilisten zu schonen.

Von Paul-Anton Krüger

War Zemari Ahmadi ein Terrorist? Oder ein Unschuldiger? Der Afghane, Mitarbeiter einer US-Hilfsorganisation, war der Fahrer eines weißen Toyotas, der am vorvergangenen Sonntag Ziel eines US-Drohnenangriffs wurde. Stunden vor dem Ende der Evakuierungsflüge aus Afghanistan hatte das US-Militär einen weiteren Selbstmordanschlag auf den Flughafen von Kabul befürchtet. Mit einer Hellfire-Rakete traf es den Wagen im Hof eines Anwesens drei Kilometer vom Hamid Karzai International Airport.

Nach Angaben der Familie starben dabei zehn Menschen, unter ihnen sieben Kinder. Zemari Ahmadi habe keinerlei Verbindungen zum afghanischen Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehabt, beteuern seine Angehörigen. US-Generalstabschef Mark Milley dagegen bekräftigte am Freitag nochmals, dass der Drohnenangriff gerechtfertigt gewesen sei. Es hätten Geheimdiensterkenntnisse hoher Qualität vorgelegen, dass IS-Terroristen ein spezifisches Auto an einem spezifischen Ort mit Sprengstoff beladen hätten. Mindestens einer der Getöteten sei ein IS-Mann gewesen.

Wie die New York Times und der Nachrichtensender CNN übereinstimmend unter Berufung auf eine laufende Untersuchung des Pentagon berichten, hatte das US-Militär das Fahrzeug über Stunden hinweg aus der Luft beobachtet und zudem Kommunikation von IS-Terroristen abgefangen. Die Bilder von einer Kamera der Drohne vom Typ RQ-9 Reaper zeigten demnach, dass das Fahrzeug an einem Haus hielt, das der IS-Ableger, der sich selbst "Provinz Khorasan" nennt, als Versteck benutzte.

Anschließend führte der Fahrer mehrmals Anweisungen aus, die er aus dem IS-Haus erhielt. Das weiße Auto fuhr durch Kabul, setzte Mitfahrer ab, nahm andere auf. An einem anderen Ort luden Männer später dann verpackte schwere Gegenstände ein - die Analysten vermuteten einen Sprengsatz oder Sprengstoff-Westen, wie sie wenige Tage zuvor IS-Terroristen bei einem Anschlag mit mehr als 180 Toten gezündet hatten. Und es kam dem Flughafen dabei immer näher. Als es in den Hof eines Anwesens in der Nähe des Flughafens einbog, entschied sich das US-Militär zum Angriff.

"Möglich bis wahrscheinlich"

Ebenfalls zu erkennen sei auf dem Video, dass es tatsächlich, wie vom US-Militär behauptet, eine Sekundärexplosion gegeben habe, die durch Sprengstoff in dem Auto zu erklären sein könnte. Einen sicheren Beleg dafür allerdings gibt es nicht. In der vorläufigen Analyse des Pentagons heißt es, dies sei "möglich bis wahrscheinlich", wie die New York Times zitiert.

Der Drohnenkommandeur habe sich auch zu dem Angriff entschlossen, weil er Zivilisten habe schonen wollen: die Menschenmengen, die sich am Flughafen und auf den Zufahrtsstraßen drängten - laut New York Times hatte der Drohnenpilot aber nur wenige Sekunden lang die Szenerie in dem Hof beobachtet.

Offenbar zu kurz, um zu erkennen, dass es etliche zivile Opfer geben würde. Auf den Aufnahmen der Drohnenkamera sei zu sehen, wie mehrere Menschen in den Hof gehen. Doch da war die Rakete schon abgefeuert und traf weniger als eine Minute später das Auto.

© SZ
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