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Afghanistan-Einsatz:Scheinbar unzumutbare Wahrheiten

Nun, da die Wahrheit ans Licht gekommen ist, rächt sich dieser Selbstbetrug umso stärker - ein Selbstbetrug, der weit in die Entstehungsgeschichte des Einsatzes zurückreicht, bis zur rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Seit 2001 wird die eigentliche Natur des afghanischen Abenteuers verschwiegen oder verniedlicht. Nein, in Afghanistan wird ein Krieg geführt, aber niemand möchte die Wahrheit der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit zumuten. Sie gilt als unzumutbar, weil sie keinen Applaus verspricht und weil sie nicht mehrheitsfähig ist.

Guttenberg, Afghanistan, Kundus, ddp

Minister Guttenberg mit dem Gouverneur der Provinz Kundus, Enginer Mohmad Omar (2.v. links): Die ganze Wahrheit verspricht keinen Applaus

(Foto: Foto: ddp)

Was für den Rest der Welt eine sicherheitspolitische Binse ist, ist für die deutsche Politik ein Problem. Jetzt ist das Thema in all seiner Widersprüchlichkeit offenbar geworden. Jetzt hat die Bundeskanzlerin einen Erklärungsnotstand, weil sie darlegen muss, warum sie drei Monate mit Hilfe einer Nato-Untersuchung Zeit schinden ließ, wo sie doch eigentlich die Wahrheit hätte wissen müssen. Gäbe sie Unkenntnis vor, ist das nicht minder gravierend. Die Kanzlerin muss sich um die Details dieses Luftschlags gekümmert haben. Es gab kein wichtigeres militärisches Thema.

Die SPD und ihr Fraktionsvorsitzender Steinmeier haben ebenfalls ein Problem, da der ehemalige Außenminister das eigentliche Ziel des Angriffs gekannt haben oder sich dafür interessiert haben müsste.

Nicht zuletzt hat die Öffentlichkeit ein Problem, weil sie sich selbst belogen hat. Für den Einsatz in Afghanistan gibt es viele gute Gründe. Nun ist es an der Zeit, die volle Dimension dieser Verpflichtung zu akzeptieren: Warum engagiert sich Deutschland in diesem Land? Welche militärischen Mittel will es in diesem Krieg einsetzen? Welche Konsequenzen kann all das haben - bis hin zum Bombardement auf der Sandbank von Kundus. Es ist Zeit, den Selbstbetrug zu beenden.

© sueddeutsche.de/cmat

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