Äthiopien:Ein Konflikt, der nur Verlierer kennt

Women hold national flag during a rally to support the National Defense Force at the Meskel Square in Addis Ababa

Solidarität mit den Regierungstruppen: Demonstrantinnen in der Hauptstadt Addis Abeba.

(Foto: Tiksa Negeri/Reuters)

Im äthiopischen Bürgerkrieg rüsten beide Seiten auf. Es kommt immer noch zu wenig humanitäre Hilfe an.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Es scheint in den vergangenen Tagen relativ ruhig gewesen zu sein an den vielen Fronten im äthiopischen Bürgerkrieg. Man kann dies als gutes Zeichen deuten dafür, dass die Konfliktparteien innehalten, Verhandlungsoptionen abwägen und humanitäre Hilfe zulassen. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass sich die Truppen sammeln, Verstärkung eintrifft und alles wieder von vorn losgeht.

Am Dienstag hatte Abiy Ahmed alle Äthiopier dazu aufgerufen, sich zum Dienst am Vaterland zu melden. "Jetzt ist die Zeit für alle fähigen Äthiopier im richtigen Alter, der Armee, den Spezialkräften und Milizen beizutreten und ihren Patriotismus zu zeigen", teilte das Büro des Ministerpräsidenten mit. Die Armee hat in den vergangenen Wochen eine Erhöhung ihres Budgets um eine knappe Milliarde Dollar beantragt, aus Iran sind Drohnen zur Verstärkung eingetroffen. Sie sollen die Wende bringen im Konflikt zwischen der Zentralregierung von Abiy Ahmed und der Region Tigray im Norden des Landes.

Die Tigray stellen nur etwa sechs Prozent aller Äthiopier, waren aber durch die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) jahrzehntelang die dominierende Volksgruppe in Politik und Wirtschaft. Im Jahr 2018 kam in Abiy Ahmed erstmals ein Vertreter der Oromo, der stärksten Volksgruppe, an die Macht; seitdem gärte der Konflikt mit den Tigray, die nicht von der Macht lassen wollten und die Zentralregierung sabotierten und angriffen. Abiy sah nach Ansicht vieler Analysten zuletzt nur noch den Krieg als Lösung, mit dem Ziel, die TPLF endgültig zu vernichten.

Danach sieht es derzeit nicht aus. Die TPLF ist auf dem Vormarsch, sie nutzt einen von Abiy ausgerufenen einseitigen Waffenstillstand, um weitere Gebiete zu erobern. Der Waffenstillstand sei ohnehin nie eingehalten worden, rechtfertigt sich die TPLF: Viele Milizen auf der Seite von Abiy hätten weitergekämpft, Teile von Tigray weiterbesetzt.

Abiy wirft der internationalen Gemeinschaft vor, sich "taub zu stellen"

Abiy warf der internationalen Gemeinschaft hingegen vor, sich "taub zu stellen" gegenüber dem Vormarsch der TPLF. Für Abiy und seine Verbündeten ist sie eine "terroristische Organisation". In den vielen Jahrzehnten an der Macht hatte die TPLF zwar für stabiles Wirtschaftswachstum gesorgt, aber auch einen brutalen Polizeistaat etabliert. Im aktuellen Bürgerkrieg nahm die TPLF in der internationalen Wahrnehmung anfangs eher die Opferrolle ein, was viele Äthiopier empörte, die selbst unter dem Regime aus Tigray gelitten hatten. Auf der anderen Seite war es vor allem die Zivilbevölkerung in Tigray, die von Angehörigen von Abiys Koalition brutal misshandelt wurde. Am Mittwoch stellte Amnesty International in einem Bericht fest: "Es ist klar, dass Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt als eine Kriegswaffe benutzt wurden."

Mittlerweile wird aber auch die Rolle der TPLF kritischer gesehen; die USA forderten die Führer der Tigray auf, ihren Vormarsch einzustellen, der keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. In der Region Afar sollen bei Angriffen der TPLF zwölf Bewohner eines Dorfes getötet worden seien. Die TPLF will aber weitermarschieren, am Mittwoch verkündete sie eine Allianz mit der Befreiungsfront von Oromia (OLA), einer Rebellengruppe aus der Heimat von Abiy. Es ist eine seltsame Allianz, da die Oromo wie viele andere Volksgruppen lange unter der Dominanz der TPLF gelitten haben. "Ich hoffe, dass die TPLF ihre Lektion gelernt hat", sagte OLA-Anführer Kumsa Diriba. "Die einzige Lösung ist, diese Regierung militärisch zu stürzen." Ob das gelingt, ist fraglich, die Stärke der OLA wird lediglich auf 5000 Kämpfer geschätzt.

Derzeit denkt keine der beiden Seiten ans Aufgeben; beide hoffen darauf, dass dem Gegner die Kraft und Mittel ausgehen. Die Tigray sind weiter weitgehend von Nachschub und humanitärer Hilfe abgeschnitten. Aber auch für Abiy wird der Krieg immer teurer, der Konflikt droht auch in eine Wirtschaftskrise überzugehen, die Inflation liegt bei 25 Prozent, die Devisen werden knapp und die internationalen Anleihen immer teurer. Es gibt mal wieder nur Verlierer.

© SZ/toz
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