Äthiopien:Truppen aus Tigray nehmen heilige Stadt ein

Die rostroten Tuffsteinkirchen von Lalibela zählen zum Weltkulturerbe der Unesco.

Die rostroten Tuffsteinkirchen von Lalibela zählen zum Weltkulturerbe der Unesco.

(Foto: Flora Bagenal/Reuters)

Die Felsenkirchen im nordäthiopischen Lalibela sind Weltkulturerbe und Wallfahrtsort - jetzt ist der Bürgerkrieg dort angekommen. Die Stadt bangt um ihren Kulturschatz.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Die elf Felsenkirchen von Lalibela, aus Stein gehauen, sind einzigartig in der Welt. Sie zählen zum Unesco-Weltkulturerbe und zu den größten Touristenattraktionen Äthiopiens, zum Osterfest kommen jedes Jahr Zehntausende Touristen und orthodoxe Gläubige in die Bergregion im Norden Äthiopiens. Lalibela ist ein magischer Ort - und nun auch Kriegsgebiet.

Am Donnerstag wurde die heilige Stadt von Truppen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) eingenommen. "Dies ist Weltkulturerbe, wir müssen sicherstellen, dass die Schätze erhalten bleiben", sagte der stellvertretende Bürgermeister Mandefro Tadesse der BBC. Ein Sprecher des US-Außenministeriums rief die TPLF ebenfalls dazu auf, die Felsenkirchen unangetastet zu lassen: Die Truppen aus Tigray müssten sich "unverzüglich aus den Regionen Amhara und Afar zurückziehen".

Der Bürgerkrieg in Äthiopien begann bereits im Dezember vergangenen Jahres, damals kündigte Friedensnobelpreisträger und Ministerpräsident Abiy Ahmed eine zeitlich begrenzte Operation zur "Wiederherstellung von Recht und Ordnung" in Tigray an. Die widerspenstige Region hatte zuvor eigenständige Wahlen abgehalten, Kämpfer der TPLF sollen ein Depot der Bundesarmee angegriffen haben. Abiy gelang es recht schnell, große Teile von Tigray unter seine Kontrolle zu bringen, zusammen mit Truppen aus dem Nachbarland Eritrea und Milizen aus der Region Amhara, in der auch Lalibela liegt.

Seit Ende Juni hat sich das Blatt aber gewendet. Die Kämpfer der TPLF sind wieder auf dem Vormarsch, haben die Regionalhauptstadt Mekelle zurückerobert und breiten sich nun in den Nachbarprovinzen Afar und Amhara aus. Anfangs sprach die TPLF-Führung nur davon, die eigene Bevölkerung vor den angreifenden Truppen zu schützen, denen Massaker und Massenvergewaltigungen vorgeworfen werden. Mittlerweile scheint die TPLF aber so viel Gelände wie nur möglich erobern zu wollen, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Ein strategischer Wert der Stadt Lalibela ist nicht ersichtlich, es geht wohl mehr um die Symbolik, wieder müssen Tausende Menschen fliehen, wieder gibt es zu wenig Hilfe.

Ein Waffenstillstand ist nicht in Sicht

Seit Beginn des Konflikts wird Ministerpräsident Abiy vorgeworfen, seine Versprechen, genug Hilfe nach Tigray zu lassen, nicht zu halten. Hilfskonvois in die Region, in der Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sind, werden immer wieder festgehalten, geraten manchmal sogar unter Beschuss. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jeden Tag etwa 100 Lastwagen nach Mekelle kommen müssten, um die Versorgung einigermaßen zu garantieren. In den vergangenen sechs Wochen waren es insgesamt aber nur 220. Das sei viel zu wenig, sagte ein UN-Sprecher: "Wir sehen, dass Lastwagen geplündert oder aufgehalten werden." Manche der Transporter, die nun in Tigray ankommen, hatten sich schon vor mehreren Wochen auf den Weg gemacht.

Ein Baby in Tigray wird von seiner Mutter mit Notfallnahrung gefüttert. An Hilfsgütern wie diesem herrscht extreme Knappheit.

Ein Baby in Tigray wird von seiner Mutter mit Notfallnahrung gefüttert. An Hilfsgütern wie diesem herrscht extreme Knappheit.

(Foto: AP)

Die USA und die UN haben in den vergangenen Tagen immer wieder alle Konfliktparteien zu einem Waffenstillstand aufgerufen. Bislang gibt es wenig Anzeichen dafür, dass dies gelingen könnte. Die Afrikanische Union, die ihren Hauptsitz in der äthiopischen Hauptstadt hat, tut bisher so, als ginge sie das Ganze nichts an.

Nun will zumindest der sudanesische Ministerpräsident Abdalla Hamdok einen Vermittlungsversuch starten. Doch es ist fraglich, ob er als Vermittler eine gute Wahl ist, die beiden Nachbarländer Sudan und Äthiopien sind in Konflikte um den neuen Großstaudamm am Nil und umstrittene Gebiete verwickelt. Andere Vermittler haben sich aber auch noch nicht vorgedrängt.

© SZ/skle
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