Äthiopien:Vorstoß zur Küste

Äthiopien: Über den Hafen von Berbera in Somaliland will Äthiopien nun Handel auf dem Seeweg betreiben.

Über den Hafen von Berbera in Somaliland will Äthiopien nun Handel auf dem Seeweg betreiben.

(Foto: Ed Ram/AFP)

Äthiopien fehlt ein Hafen, findet Premier Abiy - und schließt einen Deal mit Somaliland, das Zugang zum Golf von Aden hat. Doch die Region gehört offiziell zu Somalia. Mogadischu ist in Rage. Provoziert der Hafenstreit einen weiteren Krieg?

Von Arne Perras

Wenn Länder keine eigene Küste haben, setzt ihnen zwar nicht der steigende Meeresspiegel zu. Aber ansonsten bringt die Lage große Nachteile mit sich. Am Welthandel teilzuhaben, ist kostspielig und kompliziert, solche Staaten brauchen verlässliche Routen, die sie mit den Ozeanen verbinden. Wer keinen Zugang zum Meer hat, ist deshalb in hohem Maße abhängig von anderen Ländern, muss die Nutzung eines ausländischen Hafens regeln. Im Englischen heißen solche Binnenstaaten treffend "land-locked countries", sie sind umringt von der Landmasse ihrer Nachbarn. Regierungen von Binnenstaaten fühlen sich oft beengt oder gar eingekesselt. Das kann Spannungen auslösen oder - im schlimmsten Fall - zum Krieg führen.

Ein solches Szenario bedroht gerade die fragile Balance am Horn von Afrika, wo der bevölkerungsreichste Binnenstaat der Welt liegt: das gebirgige Äthiopien. In diesem Vielvölkerstaat leben 125 Millionen Menschen, und ihr Premier Abiy Ahmed hat in den vergangenen Monaten lautstark darüber geklagt, dass sein Land keinen einzigen Hafen besitze. Bis 1991 konnte Äthiopien den Seezugang über das angegliederte Eritrea nutzen, doch mit der Unabhängigkeit des Küstengebietes verlor Äthiopien einen kontrollierbaren Weg ans Rote Meer. So massiv prangerte Abiy den Hafenmangel nun an, dass die Nachbarn bereits fürchteten, er könnte sich mit militärischen Mitteln den ersehnten Zugang verschaffen.

In der Nachbarschaft: Dschihadisten, ein Diktator, machthungrige Generäle

Ein weiterer Krieg würde das Leid in der Region noch vergrößern. Ethnische Spannungen in Äthiopien, aufständische Dschihadisten in Somalia, ein eiserner Diktator in Eritrea und zwei machthungrige Generäle, die den Sudan aufreiben - die Liste der Gewaltherde im Nordosten Afrikas ist lang. Und erst vor einem Jahr ist es gelungen, Kämpfe um die abtrünnige äthiopische Provinz Tigray zu beenden. Der Krieg hatte zwei Jahre gedauert und Hunderttausende Menschen das Leben gekostet.

Viel wurde gerätselt, auf welchen Hafen es Abiy abgesehen hatte, er blieb vage. Seit 1991 wickelt Äthiopien seinen internationalen Warentransport vorwiegend über den Kleinstaat Dschibuti ab, wo mehrere ausländische Mächte eigene Militärbasen betreiben, darunter die USA, Frankreich und China. Doch in Addis Abeba klagt man über hohe Gebühren und fürchtet, dass die Kapazitäten von Dschibuti bald nicht mehr reichen könnten.

Manche dachten, Abiy wolle womöglich mit Gewalt auf den nahen Hafen Assab in Eritrea ausweichen, den Äthiopien vor 1991 genutzt hatte; eine längerfristige Möglichkeit wäre, eine Eisenbahn bis nach Lamu in Kenia zu bauen und Äthiopien dort ans Meer anzubinden; doch Abiy präsentierte zum neuen Jahr eine andere Lösung: In Addis Abeba hat seine Regierung ein Abkommen mit dem Nachbarn Somaliland geschlossen, das Äthiopien einen Zugang zum Roten Meer sichert, und zwar über den Hafen Berbera. Auch eine Militärbasis am Golf von Aden darf Äthiopien demnach errichten. Äthiopien nennt diesen Schritt "historisch", feiert einen Durchbruch.

Somalia betrachtet den Deal zwischen Somaliland und Äthiopien als feindlichen Akt

Als Gegenleistung soll Somaliland Anteile an der Fluglinie Ethiopian Airlines erhalten. Weit bedeutsamer für Somaliland dürfte allerdings sein, dass es mit dem äthiopischen Hafendeal seinem Ziel ein gutes Stück näherkommt, internationale Anerkennung als souveräner Staat zu finden. Und das wiederum bringt die Regierung des brüchigen Staates Somalia in Rage, dessen Regierung in Mogadischu sitzt. Sie pocht auf die Unverletzlichkeit seiner Grenzen und möchte Somaliland gerne zurückholen in den Staatsverband.

Das Problem ist allerdings, dass Somalia, trotz mancher Fortschritte, immer noch weitgehend einer Staatsruine gleicht, die sich noch dazu radikaler Islamisten erwehren muss. Das aufstrebende Somaliland, das im Norden an Dschibuti grenzt, hat sich zu einem vergleichsweise stabilen Erfolgsmodell entwickelt. Nur fehlt ihm, ähnlich wie Taiwan, die internationale Anerkennung.

Äthiopien: Muse Bihi Abdi, Präsident von Somaliland (r.), und Äthiopiens Premier Abiy Ahmed unterzeichnen in Addis Abeba das Abkommen, mit dem Äthiopien Zugang zum Meer bekommt.

Muse Bihi Abdi, Präsident von Somaliland (r.), und Äthiopiens Premier Abiy Ahmed unterzeichnen in Addis Abeba das Abkommen, mit dem Äthiopien Zugang zum Meer bekommt.

(Foto: Tiksa Negeri/Reuters)

Somalia betrachtet den Deal zwischen Somaliland und Äthiopien als feindlichen Akt. Es protestiert heftig. "Somalia werde nicht tatenlos zusehen, wie seine Souveränität beeinträchtigt wird", zitierte die Nachrichtenagentur AP in Mogadischu den Präsidenten Hassan Sheikh Mohamud. Seine Regierung fordert eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates und auch der Afrikanischen Union. Es stuft Äthiopiens Vorstoß als Aggression ein. Damit steigt das Risiko, dass es zwischen Äthiopien und Somalia zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt.

Schon die alten Herrscher Abessiniens wollten ihre Macht bis an die Küsten ausdehnen

Viel wird über die Motive Abiys in der Hafenfrage diskutiert, die über ökonomische Zwänge hinausgehen. Historisch ist das Thema aufgeladen, schon die alten Herrscher Abessiniens träumten davon, ihre Macht bis an die Küsten auszudehnen. Ras Alula Aba Nega, abessinischer Feldherr im 19. Jahrhundert, sah im Roten Meer eine "natürliche Grenze".

Kaiser Haile Selassie gelang es schließlich, die Kontrolle über die eritreischen Küstengebiete zu gewinnen, als das Gebiet - einst italienische Kolonie und kurzzeitig britisches Protektorat - nach dem Zweiten Weltkrieg in eine äthiopische Föderation eingebunden wurde. Später annektierte der Monarch die Küstenregion, was einen zähen Freiheitskampf auslöste. 1993 wurde Eritrea unabhängig. Und Äthiopiens Aussichten, einen Platz an der See zu beherrschen, schwanden.

Die Sehnsucht nach dem Meer ist in manchen Kreisen groß geblieben. Und Abiy ist ein Politiker, der sie aus Kalkül am Leben erhält. Manche glauben, er wolle vor allem Befindlichkeiten äthiopischer Eliten bedienen, indem er nationalistische Töne anstimmt. Abiy muss seine Position festigen, ist er doch gleich mit mehreren Rebellionen ethnischer Gruppen konfrontiert.

Der Premier wirbt für seine Vision vom einigen starken Äthiopien

Der Premier versucht, Popularität zurückzugewinnen, er wirbt für seine Vision von einem einigen starken Äthiopien. Der Mega-Staudamm, den Äthiopien am Blauen Nil gebaut hat, ist dafür das augenfälligste Symbol. Ein Hafen unter äthiopischer Kontrolle wäre ein weiteres Signal, dass Äthiopien seine Rolle als Vormacht festigen will.

Mit Blick auf den ersehnten Hafen klagte er im Herbst, seine Landsleute könnten nicht auf Dauer in einem "geografischen Gefängnis" leben, "ohne Fairness und Gerechtigkeit". Und er säte Unsicherheit. "Wir wissen nicht, was in Zukunft geschehen wird, wenn Äthiopiens Forderung nach einem Meereszugang heute nicht friedlich erfüllt wird." Es fiel den Nachbarn schwer, aus diesen Worten keine Drohung herauszulesen. So hatte Abiy "eine gefährliche Atmosphäre geschaffen", wie der britische Analyst Alex de Waal in der BBC warnte; der Premier rückte einen weiteren Krieg in den Bereich des Denkbaren.

Jetzt, nach dem Deal mit Somaliland, wird deutlich, an welcher Front der Konflikt eskalieren könnte. Somalia will seine international anerkannten Grenzen verteidigen und kein Territorium abtreten, obgleich Somaliland - einst eine britische Kolonie - schon seit 1991 die Unabhängigkeit für sich beansprucht.

"Äthiopien wird seine Interessen niemals durch Krieg sichern", beschwichtigte Abiy noch vor einigen Wochen. Doch die Provokation Somalias in der Hafenfrage könnte neue Kämpfe irgendwann unvermeidlich machen, sollte es nicht gelingen, die Verwerfungen noch durch intensive Verhandlungen zu entschärfen.

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