Ärger über Helsinki-Gipfel Trump interessiert nur Trump

Dass dem US-Präsidenten die Demokratie egal ist und Kritik für ihn einer Majestätsbeleidigung gleichkommt, ist bekannt. Der unterwürfige Auftritt mit Putin macht deutlich, wie schwach Trump ist - und wie leicht er zu manipulieren ist.

Kommentar von Matthias Kolb

Natürlich hat Donald Trump schnell mitbekommen, wie sein Auftritt an der Seite von Wladimir Putin wahrgenommen wurde. Wenn sogar der Fox News-Moderator Neil Cavuto das Verhalten des US-Präsidenten bei der Pressekonferenz als "widerlich" bezeichnet, dann muss Trump sich erklären. Also verschickte er über Twitter eine Art Rechtfertigung: Natürlich habe er "GROSSES Vertrauen" in jene Mitarbeiter der Geheimdienste, die er vor den Augen der Welt bloßgestellt und im Vergleich zu Putin als weniger glaubwürdig bezeichnet hatte. Im gleichen Tweet rief er dazu auf, eine "strahlende Zukunft" aufzubauen und sich nicht länger auf die Vergangenheit zu konzentrieren.

Diese Aussage ist ebenso verheerend wie entlarvend. Denn bei jener "Vergangenheit", die Trump hinter sich lassen will, geht es um den Kernbestand einer jeden Demokratie: um das Vertrauen in Wahlen. Erdrückend ist die Beweislast, dass Russland mit Wissen Putins sich 2016 eingemischt hat, um der Demokratin Hillary Clinton zu schaden - das haben neben den US-Geheimdiensten auch die Republikaner im entsprechenden Senatsausschuss bestätigt. Das macht es umso skandalöser, wenn Trump in der Pressekonferenz erklärt, dass er Putins Beteuerung "Wir waren es nicht" glaube, weil der Kremlchef dies "extrem stark und kraftvoll" vorgetragen habe.

"Putin dürfte klar sein, dass er hier gewonnen hat"

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Sein Instinkt bewahrte Trump noch davor, die Frage "Wem vertrauen Sie mehr?" konkret zu beantworten, doch sein tiefes Misstrauen gegenüber FBI, CIA und Sonderermittler Robert Mueller trat offen zutage. Nie zuvor hat ein US-Präsident die eigenen Agenten und Sicherheitsbehörden derart beleidigt. Es ist ein eklatantes Zeichen von Schwäche, dass Trump weiterhin wie ein Präsidentschaftskandidat agiert - und nicht wie ein Präsident.

Als Präsident sollte er Mueller ermitteln lassen. Er sollte die US-Bundesstaaten unterstützen, damit ihre Systeme bei der nächsten Wahl sicher vor Hackern sind - egal ob diese aus Russland, China oder einem anderen Land stammen. Zur Erinnerung: Die Kongresswahl findet im November statt, und Experten warnen vor neuen Attacken. Was in den USA los wäre, wenn die Republikaner die Mehrheit im Kongress verlieren sollten und Manipulationen bekannt würden, will man sich nicht vorstellen.

Doch so etwas interessiert diesen US-Präsidenten nicht. Er kann nicht aus seiner Haut: Das Einzige, was ihn interessiert, ist Donald Trump. Folglich ist jeder Hinweis auf mögliche Unregelmäßigkeiten sofort eine Majestätsbeleidigung, die seinen historischen Wahlsieg schmälern soll. Am zufriedensten wirkte Trump auch in Helsinki, als er über die E-Mails von Hillary Clinton, verschwundene "Server" und seine "tolle Kampagne" schwadronieren konnte.

Mit Schmeicheleien hat Putin viel erreicht

Öffentliche Kritik an der völkerrechtswidrigen Annektion der Krim hat Trump nicht geäußert, obwohl diese eben erst beim Nato-Gipfel harsch verurteilt wurde. Gewiss: Die schlimmsten Befürchtungen der Europäer sind nicht eingetreten, weil Trump zumindest in der Pressekonferenz Putin hier keine Zugeständnisse gemacht oder sich offen gegen die Linie der Verbündeten gestellt hat. Aber der öffentliche Eindruck Trumps lässt befürchten, dass der Ex-KGB-Agent Putin den Amerikaner genau zu manipulieren versteht.

Putin sei "sehr geschickt darin, dem US-Präsidenten zu schmeicheln", gab ein Mitarbeiter des Weißen Hauses erst kürzlich zu Protokoll. Der Russe lobe in Telefonaten stets die boomende US-Wirtschaft und wie professionell Trump bei seinen Auftritten wirke, schildert es die anonyme Quelle der US-Nachrichtenseite Axios. Wie viel sich damit erreichen lässt, hat die Welt gestern in Helsinki beobachten dürfen.

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