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75 Jahre Zweiter Weltkrieg:"Putin ist viel klüger, als viele Politiker im Westen denken"

Zweiter Weltkrieg Wie vor Danzig der Zweite Weltkrieg begann Bilder
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Überfall auf Polen

Wie vor Danzig der Zweite Weltkrieg begann

Am 1. September 1939 überfällt Hitler-Deutschland Polen. Bereits in den ersten Stunden zeigen sich wesentliche Elemente der NS-Kriegsführung: Militärtechnik, Lüge und Brutalität. Aufnahmen vom Kriegsausbruch.

Bartoszewski würdigt die Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland: Die Deutschen hätten die Verbrechen anerkannt, die sie an der polnischen Bevölkerung verübt wurden. Anerkennung der Schuld und die Bereitschaft zur Versöhnung seien Bedingung der Normalität. "Die Anerkennung der Schuld hat mehrmals stattgefunden. Man kann das abschließen, aber nicht vergessen."

Kritisch denkt der Zeitzeuge über Russland und die Reflektion über die Rolle der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges. Bartoszewski nennt den Hitler-Stalin-Pakt, in dem die Diktatoren Polen unter sich aufteilten.

"Die Deutschen leugnen ihre Verbrechen nicht, die Russen weichen auf unterschiedlichste Weise aus. Das ist die Dialektik Mephistos. Allerdings: Die Russen als ganzes Volk tragen keine Schuld. Hitler war gewählt, Lenin war nicht gewählt, Stalin war nicht gewählt. Wir unterscheiden: das arme russische Volk auf dem Niveau, auf dem es damals war, und die Deutschen, ein Kulturvolk."

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt 1939

Als Hitler und Stalin gemeinsame Sache machten

Nach dem Krieg hatte Bartoszewski sieben Jahre in stalinistischen Gefängnissen in Polen verbracht, als seine Heimat unter dem Einfluss Moskaus stand. Polen habe Angst vor imperialem Denken, egal, wessen Denken das sei. "Wir haben Angst aus alter Erfahrung, nicht aus negativer Voreingenommenheit", sagt er und verweist auf die schwelende Krise in der Ukraine.

"Uns ängstigt das Denken in der Kategorie 'Wir haben Sonderrechte im nahen Ausland'. Die Krim ist für Russland 'nahes Ausland', Weißrussland ist 'nahes Ausland', Litauen, Estland, Lettland sind 'nahes Ausland'."

Bartoszewski warnt davor, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu unterschätzen. Deutsche und Polen sollten nicht naiv sein.

"Putin ist viel klüger, als viele Politiker im Westen denken. Putin ist ein Spieler der alten KGB-Schule. Er ist kein Stalinist, aber er ist im korporativen Denken erzogen, und er ist sehr sachkundig in deutschen und in polnischen Angelegenheiten."

Władysław Bartoszewski ist nach wie vor in der Politik tätig. Seit einigen Jahren ist der inzwischen 92-Jährige als Staatssekretär im Amt des nun scheidenden polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk zuständig für die deutsch-polnischen Beziehungen. Zuvor hatte er als Botschafter in Wien und zweimal als Außenminister fungiert.

Bartoszewski erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz. Für seinen Einsatz bei der Judenrettung während des Zweiten Weltkriegs wurde er in Israel als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.

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