27. September 2016, 19:49 Anschläge in Dresden "Werden Sie ihn finden, schaffen Sie es?"

Der zehnjährige Sohn des Imams der Fatih-Moschee in Dresden stellt nach den Sprengstoffanschlägen die entscheidende Frage. Die Behörden versuchen, ihm Hoffnung zu machen.

Von Cornelius Pollmer

Das ganze Elend dieser Dresdner Nacht liegt in der Frage eines Kindes. Das Kind heißt Ibrahim Ismail Turan, es ist zehn Jahre alt und sitzt am Dienstag an einem schlichten Holztisch in der schlichten Fatih-Moschee an der etwas weniger schlichten Hühndorfer Straße. Der Vater des Kindes ist Imam in dieser Moschee, die Familie wohnt im selben Gebäudekomplex. Und so erzählt das Kind, bevor es seine Frage stellt, zunächst, wie das war am Abend zuvor.

Ibrahim Ismail Turan sagt, seine Mutter und sein Bruder seien bereits zu Bett gegangen, er habe noch ferngesehen. Dann sei plötzlich etwas von draußen zu hören gewesen, auch habe er ein Leuchten vor dem Fenster gesehen "und dann habe ich wieder was gehört, so bumm!" Ibrahim sagt, er sei zur Tür gerannt, die habe offen gestanden. Draußen brannte es, drinnen auch ein bisschen. Ibrahim sagt, er habe geschrien, erst nach seiner Mutter, dann nach seinem Vater, der noch in der Moschee nebenan war. Die Mutter kam, der Vater auch. Ibrahim sagt, er habe nun, am Tag danach, ein bisschen Angst. Aber sein Vater habe ihm versprochen, dass Gott die Familie beschütze.

"Werden Sie ihn finden, schaffen Sie es?"

Gegenüber von Ibrahim sitzt seine Mutter, immer wieder greift sie sich an die Augen, um wegzuwischen, was sonst kullern würde. Neben dem Tisch stehen zwei Beamte der Polizei. Draußen läuft über die Nachrichtenticker schon die Information, dass bei den beiden Sprengstoffanschlägen niemand verletzt worden sei. Es heißt, die Polizei suche nach Tätern. Und es wird an diesem Dienstag auch noch heißen, dass sich jetzt bitte trotzdem alle freuen sollen und können auf den großen Zirkus, der in die Stadt kommt, zum Tag der Deutschen Einheit, der in diesem Jahr zentral in Dresden gefeiert werden soll.

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Auf dem Tisch vor Ibrahim steht eine Tasse Kräutertee, er trinkt sie in wenigen Zügen aus, dann atmet er tief ein. Ibrahim schaut zu den Beamten, es ist ein banger Blick, trotz des Versprechens seines Vaters. Ibrahim stellt nun also die Frage, die ihn drängt und die ihm und seiner Familie besser erspart geblieben wäre: "Werden Sie ihn finden, schaffen Sie es?"

Als Antwort haben die freundlichen Beamten nur ihre Hoffnung anzubieten, und selbst wenn man die Frage mitnimmt, zur Pressekonferenz in die Schießgasse, weiß man dort nicht so richtig, wie man sie beantworten soll. Der Termin im Einsatzzentrum der Dresdner Polizei war schon vor Tagen anberaumt worden, die Einsatzleitung wollte das Sicherheitskonzept zum Tag der Deutschen Einheit erläutern und die eigene Leistung schon einmal vermessen: 3800 Meter Hamburger Gitter, 2600 Einsatzkräfte und 1400 Betonsteine, die Anschläge mit fahrenden Autos verhindern sollen und noch vor ihrer Bewährungsprobe den traurig präzisen Spitznamen "Nizza-Sperre" erhalten haben.

Nun sitzt die Dresdner Polizei in Person ihres Präsidenten Horst Kretzschmar in diesem Einsatzzentrum und liest mit zitternden Händen vom Blatt, was die Ermittler über die beiden Anschläge der Nacht bislang wissen und zu kommunizieren bereit sind. Neben dem Anschlag auf die Moschee hat es ja noch einen auf das Kongresszentrum in der Nähe des Landtags gegeben. Verrußungen an der Moschee, eine eingedrückte Tür - die Tatumstände sprechen für einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Gesplittertes Glas auf der Freiterrasse des Kongresszentrums - das spreche für einen Zusammenhang zum Tag der Deutschen Einheit.

Statt Zahlen der Zuversicht zu verkünden, muss Kretzschmar nun also verknüpfen, was kaum zu verbinden ist: Er soll die Anschläge der vergangenen Nacht erklären und gleichzeitig, warum die Polizei trotzdem mit sicheren Feierlichkeiten zum 3. Oktober rechnet. Kretzschmar sagt, viele Maßnahmen würden nun vorgezogen, zudem gebe es Objektschutz für alle fünf islamischen Einrichtungen in Dresden.

Fragen gibt es trotzdem: Warum hat die Polizei erst kurz nach acht Uhr am Dienstagmorgen die Öffentlichkeit informiert? Diese Entscheidung sei aus ermittlungstaktischen Gründen getroffen worden, sagt Kretzschmar, . Warum sei die Moschee nach der Tat so schlecht gesichert gewesen. Stimmt es, dass dort am Morgen noch Menschen hätten ein- und ausgehen und damit potenziell Spuren verwischen können? Kretzschmar sagt: "Der Tatort wurde unmittelbar nach der Explosion abgesperrt, davon habe ich mich persönlich überzeugt."

Merkwürdige Parallele zum Oktoberfestattentat

Hat die Parallele zum Oktoberfestattentat etwas zu bedeuten, das nach allem verfügbaren Wissen einen rechtsextremen Hintergrund hatte und sich auf den Tag genau vor 36 Jahren ereignete? Schließlich ging der zweite, das Kongresszentrum betreffende Notruf 22.19 Uhr bei der Polizei ein, auf die Minute zum Zeitpunkt des Anschlags damals. Kretzschmar sagt, da wolle er noch nicht spekulieren.

Die Polizei ermittelt und sagt - zusammen mit Politik aus Stadt und Land - man dürfe sich jetzt nicht einschüchtern lassen. Ländermeile und Blaulichtmeile, Pavillons, Tanz und Diskussionen - das Festprogramm für Montag steht. Und es soll von der Angst nicht umgeworfen werden. Das ist die Abwehrreaktion der Institutionen.

Und auch Ibrahim Ismail Turan hat sich seine Abwehrreaktion schon überlegt. Am Dienstag flitzt er über den Hof der Moschee, er telefoniert, vermittelt Gespräche an seinen Vater, übersetzt für ihn wie auch die Mutter und vergisst zwischen all der Hektik nicht einmal, die Beamten höflich zu fragen, ob sie etwas trinken möchten. Und als er von seiner Angst erzählt hat, ist ihm wichtig, noch einen Satz nachzulegen: Spätestens übermorgen würde er dann schon ganz gerne mal wieder in die Schule gehen.

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