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100 Jahre Oktoberrevolution in Russland:Lenin - ruhelos am Roten Platz

Wladimir Iljitsch Lenin

Streit um den einbalsamierten Leichnam Lenins.

(Foto: dpa)

100 Jahre nach der Oktoberrevolution wird Lenins Leichnam in seinem Moskauer Mausoleum immer noch zur Schau gestellt. Eine Bestattung kostet angeblich zu viel - die wahren Gründe dürften vielfältiger sein.

Von Frank Nienhuysen

Morgens um zehn beginnt es, ohne Handy, ohne Kamera, ohne Rucksack. Revolutionsführer Wladimir Illjitsch Lenin ist seit 93 Jahren tot, aber man kann ihn immer noch besichtigen. Schritt für Schritt an ihm vorbei, schön ruhig, nicht rennen, nicht schnattern, nicht kichern, auch nicht stehen bleiben.

Das Lenin-Mausoleum am Roten Platz ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Moskaus, es wurde schon gemunkelt, dass auch die Tourismusbranche ein Wörtchen in die Debatte einbringt, die seit Jahrzehnten andauert und doch kaum weiterkommt: ob Lenin nicht doch endlich beerdigt werden sollte.

Unter Michail Gorbatschow gab es Vorstöße, die verworfen wurden, unter Boris Jelzin entflammte die Diskussion über eine Bestattung des einbalsamierten Leichnams aufs Neue, aber damals waren die Kommunisten und mit ihnen der Widerstand besonders stark. Natürlich hat sich das Thema unter Wladimir Putin nicht in Luft aufgelöst, im Gegenteil: Der 100. Jahrestag der russischen Revolution führte es erst recht noch mal in Erinnerung.

Umfragen bestätigen immer wieder, dass die meisten Russen eine Umbettung Lenins befürworten. Also brachte im April die Liberaldemokratische Partei zusammen mit einigen Abgeordneten der Regierungspartei Einiges Russland einen Gesetzentwurf zur Beerdigung ins Parlament ein.

Sehr schnell aber zogen Letztere ihre Unterschrift zurück, seit September ist der Antrag schon wieder Geschichte: Die Regierung lehnte ihn ab, offiziell, weil eine Bestattung mit zusätzlichen Haushaltskosten verbunden sei. Im Entwurf sei nicht die Rede davon, wie diese denn beschaffen werden sollten.

Die Kirche will keine "alte Wunden aufreißen"

Aber natürlich weiß ohnehin jeder, dass auch die aufwendige Konservierung des einbalsamierten Leichnams den Staat viel Geld kostet: nach Angaben der Liberaldemokraten jährlich eine Viertelmillion Euro. So oder so - politisch ist die Beisetzung einfach nicht gewollt.

Immerhin noch ein Drittel der Bevölkerung will Lenin im Mausoleum belassen, und das würde Kommunistenchef Gennadij Sjuganow wohl locker reichen, um Zehntausende Menschen zum Protest auf die Straße zu bringen, sollte die Regierung eine Beerdigung in Sankt Petersburg beschließen. Er warnte sogar vor "Massenunruhen".

Also lässt man es lieber sein. Die einflussreiche russisch-orthodoxe Kirche hat sich mehrmals für eine Bestattung Lenins ausgesprochen, zeigt sich aber ob des Risikos pragmatisch.

Der hochrangige Metropolit Ilarion sagte, "derzeit hat niemand ein Interesse daran, alte Wunden aufzureißen, die Gesellschaft aufzuwühlen und eine Spaltung zu provozieren". Lenins Beisetzung dürfte sich also bis auf Weiteres verzögern.

© SZ vom 02.11.2017/mcs/odg
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