Telefonische Zeitansage:Beim nächsten Ton ist es ...

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Telefonische Zeitansage: Damals, als die Telefone noch Wählscheiben hatten, stand vermutlich auch die automatische Zeitansage hoch im Kurs.

Damals, als die Telefone noch Wählscheiben hatten, stand vermutlich auch die automatische Zeitansage hoch im Kurs.

(Foto: Jan-Philipp Strobel/picture alliance/dpa)

Frankreichs Telefongesellschaft hat die automatische Zeitansage eingestellt, nach 89 Jahren Dauerdienst. Braucht ja eh keiner - oder geht der Welt etwas verloren?

Von Moritz Geier

Es muss ein herzzerreißendes Piiiiep gewesen sein, dieser letzte Ton, auf den keine weitere Zeitansage mehr folgen sollte, und diejenigen, die es gehört haben, werden sich glücklich schätzen, dabei gewesen zu sein. Wobei: War überhaupt jemand dabei?

In Frankreich, das sind die harten Fakten dieser Grabrede, hat die staatliche Telefongesellschaft in der Nacht auf Freitag die automatische Zeitansage eingestellt. Pünktlich um Mitternacht war es vorbei mit einer 89 Jahre währenden Ära, in welcher der Dienst - zuletzt gegen eine Gebühr von 1,50 Euro - stets nach dem vierten Piepton die sekundengenaue Uhrzeit durchgab. Und wie immer, wenn eine vor sehr langer Zeit mal als Errungenschaft gefeierte technische Entwicklung nach jahrzehntelangem Vor-sich-hin-Rattern plötzlich nicht mehr da ist, stellt sich am Ende die Frage: Was geht der Welt dadurch verloren?

Nichts, das wäre hier natürlich die einfache Antwort. Seitdem der Mensch ausgerüstet ist mit Funkuhren, Internet, Smartphones und Co., hat ja gewissermaßen selbst die simple einem Mitmenschen gestellte Frage, wie viel Uhr es denn sei, etwas Dinosaurierhaftes angenommen - ist das eigene Handy doch immer griffbereit. In den USA, wo der technische Fortschritt die Lebenswelt der Menschen immer ein paar Jahre früher verändert als anderswo, hat das Unternehmen AT&T seine Zeitansage schon 2007 eingestellt. Und die Zeit ist, wie sich bald herausstellte, auch danach nicht stehen geblieben.

Große Beliebtheit, besonders zur Zeitumstellung

Andererseits: Vielleicht geht da ja doch mehr verloren als das, was Nostalgiker betrauern. Die 1933 gestartete französische Zeitansage des Pariser Observatoriums war dem Sender BFMTV zufolge die weltweit erste automatisch sprechende Zeitansage. Und was für ein Erfolg! Am Starttag gingen 140 000 Anrufe ein, nur 20 000 konnten von der damaligen Technik beantwortet werden. Von 1991 an war die Ansage an eine Atomuhr im Observatorium gekoppelt. In Deutschland ist ein vergleichbarer Service bis heute zu erreichen. Zum Festnetztarif zum Beispiel unter der Hamburger Nummer 040 42 89 90 (Frauenstimme: Beim nächsten Ton ist es 13.44 Uhr und 30 Sekunden. Ticktick. Piep.) oder für 20 Cent bei der Telekom unter 0180 4100100 (Frauenstimme: Beim nächsten Ton ist es 14 Uhr 33 Minuten und 0 Sekunden. Piep.)

Wie viele Menschen diese Dienstleistung wohl noch nutzen? Und wer diese Menschen sind? Die Telekom konnte das auf SZ-Nachfrage kurzfristig nicht beantworten, auf seiner Website schreibt das Unternehmen aber, die Zeitansage sei "vermutlich zeitweise die meistgewählte Telefonnummer Deutschlands" gewesen und erfreue sich besonders zur Zeitumstellung "noch heute großer Beliebtheit". Alle Angaben ohne Gewähr.

Gewähr ist heutzutage ja ohnehin nur noch ganz selten gegeben. Worauf kann sich der Mensch schon verlassen? Vielleicht ist das ja das Geheimnis der Zeitansage. Dass da ein Dienst verlässlich atomgenaue Klarheit liefert, Übersichtlichkeit in unübersichtlichen Zeiten, die Uhrzeit als einen jener grundlegendsten Fakten, die alternative Fakten noch nicht herausgefordert haben. Wenn man also genau hinhört, dann kann man in dem Piepen auch etwas Tröstliches vernehmen.

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