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William und Kate in Deutschland:Botschafter des Neuanfangs

Die britischen Royals besuchen Berlin und die größte Plattenbausiedlung Europas. William und Kate verzichten dabei auf Schnapspralinen - und wollen ein neues deutsch-britisches Verhältnis begründen.

Von Verena Mayer, Berlin

Der Deutschlandbesuch der britischen Royals ist erst wenige Stunden alt, als es William und Kate schon in eine Gegend verschlägt, in die selbst Berliner nicht oft kommen: eine Plattenbausiedlung im Bezirk Marzahn. Und zwar nicht irgendeine, sondern die größte Europas: Hochhäuser, schnurgerade Straßenfluchten und dazwischen ein kleines, bunt bemaltes Gebäude, das Haus Bolle, in dem Kinder spielen und lernen, die sonst vielleicht auf der Straße landen würden. Kinder, die Flüchtlinge sind oder drogensüchtige Eltern haben, Kinder, die mit sieben Jahren einen Schlüssel um den Hals tragen.

Bis dahin lief am Mittwoch in der Hauptstadt alles ab, wie es für solche Besuche üblich ist. Landung in Tegel, Begrüßung am roten Teppich, Empfang bei Angela Merkel im Kanzleramt, Rundgang am Holocaust-Mahnmal, kurzes Gespräch mit dem 96 Jahre alten Überlebenden Leon Schwarzbaum, Rundgang am Brandenburger Tor. Dort stehen die sonst schwer zu beeindruckenden Berliner seit Stunden an, viele haben Blumen dabei, Frauen mit Hüten und einen Mann in britischer Uniform, und viele junge Leute. Jackpot also. Denn William und Kate, so sagt es der britische Botschafter Sebastian Wood, sollen den Anfang eines "neuen Verhältnisses" zwischen der Königsfamilie und Deutschland machen. Junge Leute sollen auf andere junge Leute treffen und so zeigen, dass man in Europa trotz Brexit schon irgendwie zusammenfindet. Die unbekümmerten Brexit-Botschafter, sozusagen.

Kate trägt also ein europafahnenblaues Kleid, als sie mit William im Haus Bolle eintrifft. Die Kinder haben Bilder von der Hochzeit des Paars an die Wände geklebt und die Namen der Prinzenkinder auswendig gelernt. Die allerdings sind an diesem knallheißen Nachmittag nicht mehr dabei, ihren Auftritt hatten sie am Flughafen, sensationell müde und genervt am Rockzipfel ihrer Mutter. Kate hält nun Blumen in der einen Hand, mit der anderen umarmt sie jedes Kind, das sich umarmen lassen will. Dann redet das Paar mit Teresa Enke. Die Witwe des Fußballtorwarts Robert Enke setzt sich seit dessen Suizid dafür ein, dass über Depression gesprochen wird.

Irgendwann lässt Kate den Blick über die Hochhausfronten schweifen. Gut fünf Kilometer Luftlinie entfernt waren britische Royals schon einmal unterwegs, genauer gesagt Kates Schwiegervater: 1995 war Prinz Charles in Deutschland und wollte ebenfalls eine sozialistische Plattenbausiedlung sehen. Tausende Menschen versammelten sich damals auf den Straßen, als der Thronfolger erst bei Moni's Frisiersalon deutsche Dauerwellen betrachtete und dann eine Familie besuchte, um mit ihnen über ihren Alltag in der ehemaligen DDR zu reden. Auf Fotos von damals sieht man, wie der Prinz in engen Wohnzimmern sitzt und sich von den Bewohnern Rotkäppchensekt und Schnapspralinen servieren lässt. Das will die neue Generation nicht, sie fährt schnell weiter in die Villa des Britischen Botschafters, zur Garden Party.

kate william
© SZ vom 20.07.2017/max

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