Werbeprospekte:Aufschnitt-Porno, mach's gut

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Werbeprospekte: Gratiszeitungen, die nicht mal mehr in den Briefkasten passen: In Zukunft eher unwahrscheinlich.

Gratiszeitungen, die nicht mal mehr in den Briefkasten passen: In Zukunft eher unwahrscheinlich.

(Foto: Weingartner/imago images/Chromorange)

Supermarkt-Prospekte sind eine ästhetische Provokation und umweltschädlich. Höchste Zeit, dass sie verschwinden. Andererseits verabschiedet sich mit ihnen auch ein Ritual.

Von Kerstin Lottritz und Violetta Simon

Jedes Jahr landen mehr als 28 Milliarden Prospekte ungefragt im Briefkasten. Eine Verschwendung von Ressourcen ist das, die Unmengen an Abfall erzeugt und dem Klima schadet, klagen Umweltschützer. Nach der Baumarktkette Obi kündigte am Mittwoch die Supermarktkette Rewe an: "Zum 1. Juli 2023 wird der Druck und die Verteilung der Prospekte eingestellt." Mit ihnen verschwinden jedoch auch liebenswerte Alltags-Absurditäten.

Supermarkt-Hopping

Die dünnblättrigen Prospekte sind es, die einem Orientierung im Chaos der Familienorganisation bieten. Wer mit Haushaltsgeld maßvoll umgehen will oder muss, rennt nicht einfach in den nächsten Supermarkt und wirft alles, was gefällt, intuitiv in den Einkaufswagen. Zuvor werden die Prospekte von Aldi, Lidl, Edeka und Rewe säuberlich in direkter Konkurrenz zueinander auf dem Küchentisch ausgebreitet. So offenbart sich auf den ersten Blick: Ah, Auberginen und Hackfleisch im Angebot! Dann gibt es am Sonntag also Moussaka, am Montag Spaghetti Bolognese, und so weiter. Es entsteht ein Essensplan - und die Tour für einen Supermarkt-Hopping-Samstag.

Bastelstunde

Kontemplative Beschäftigung tut der Seele gut. Keinesfalls sollte man daher die handwerkliche Auseinandersetzung mit einem Prospekt aus echtem Papier unterschätzen. Das Falzen und Ausreißen einzelner Seiten ist für viele ein willkommenes Ritual, um in der Hektik des Alltags runterzukommen. Eine nahezu meditative Wirkung kann das Einkreisen verlockender Superschnäppchen auf das Gemüt haben. Für Fortgeschrittene empfiehlt sich die spielerische Annäherung mit einer Bastelschere: Beim Ausschneiden von Weintrauben und Kirschtomaten kann man entspannen. Oder besser gesagt: konnte. Bald sind Prospekte Geschichte. Die Alternative ist leider kostenpflichtig: ein Mandala-Malbuch.

Fleischeslust

Wie soll man sich einstimmen auf einen Grillabend, wenn man vorab nicht mehr die mit Photoshop freigestellten und in Marinade schwimmenden Rippchen zu Gesicht bekommt? Wer kommt schon von selbst darauf, am Sonntag mal wieder die Familie zum Krustenbratenessen zu versammeln? Auch wenn die Präsentation von Lyoner und Salami eher unter Aufschnitt-Porno im Neonlicht läuft: Im Grunde zeigen die teils ungeschönten, teils nachbearbeiteten Fotos nur, was man für sein Geld bekommt. Wer Fleisch essen will, sollte auch die Bereitschaft zum Gruseln mitbringen. Und den Anblick von rohem Putenschnitzel ertragen.

Postgeheimnis

Schon klar, Prospekte, die es trotz "Keine Werbung"-Aufkleber in den Briefkasten geschafft haben, sind selten ein Grund zur Freude. Und der Trick, sich als Beilage getarnt in der Tageszeitung in die Wohnung zu schummeln, ist mies. Trotzdem: In jedem Menschenleben gibt es mindestens eine Phase (erste eigene Wohnung, Auswandern, Ummelden vergessen), in der man bei fünf von sechs Briefkasten-Visiten nur Leere vorfindet. Da kann so ein Flyer, der die Betrachterin mit allen Neon-Farbtönen anschreit, durchaus tröstlich sein: endlich Post!

Nostalgie

Die abgebildete Welt in Prospekten ist der Realität immer ein bisschen hinterher. Auf manche wirkt das beruhigend - ähnlich wie Filme mit Doris Day und Cary Grant. Der Flyer jener Supermarktkette, bei der sie Lebensmittel lieben, zeigt die Dame des Hauses am Topf. Beim Baumarkt-Profi wird der Whirlpool von Mama, Papa, Kind besetzt. Und der Discounter, der sich nach eigener Aussage lohnt, stellt den abgebildeten Herrn, aber hallo, an einen Dampfreiniger - nie jedoch an einen Staubsauger. Man muss ja nicht gleich übertreiben.

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