Vorsichtige Reformen "Ich wünschte, meine Führerscheinnummer könnte die 0001 sein"

  • Frauen in Saudi-Arabien feiern das Ende des Autofahr-Verbots, das das Königshaus in Aussicht gestellt hat.
  • Die Regelung galt jahrelang als Symbol für die Rückständigkeit des Regimes.
  • Expertinnen glauben, dass sich nun auch in anderen Bereichen der Gesellschaft etwas verändern wird.
Von Dunja Ramadan und Oliver Klasen

"Der Regen fängt mit einem einzigen Tropfen an", sagt Manal al-Scharif. Demnach ist die Autofahrt, die sie vor sechs Jahren unternahm, der Tropfen. Starkregen mag daraus noch keiner geworden sein, aber doch ein leichtes Nieseln.

Al-Scharif war die erste Frau, die sich traute, in Saudi-Arabien öffentlich Auto zu fahren und sich dabei zu filmen. Das Video wurde Hunderttausende Male angeklickt und machte al-Scharif zur Vorkämpferin für Frauenrechte in dem ultrakonservativen und repressiven Staat.

Frauenrechte und Gleichberechtigung Saudi-Arabien: Freie Fahrt für ein bisschen freiere Bürgerinnen
Frauenrechte

Saudi-Arabien: Freie Fahrt für ein bisschen freiere Bürgerinnen

Nichts symbolisierte die gesellschaftliche Rückständigkeit Saudi-Arabiens stärker als das Fahrverbot für Frauen. Der demografische Wandel trägt dazu bei, dass das Königshaus nun mit den Traditionen bricht.   Von Paul-Anton Krüger

An diesem Dienstag hat das saudi-arabische Königshaus verkündet, dass Frauen künftig Auto fahren dürfen. Auch wenn sich das Regime schon länger an einer vorsichtigen gesellschaftlichen Öffnung versucht, gleicht die Entscheidung einer Sensation.

Frauen in Saudi-Arabien feiern das Ende des Verbots: "Herzlichen Glückwunsch an die Frauen dieses Landes. Kein Recht geht verloren, solange man dafür kämpft", twitterte Hatoon Ajwad al-Fassi, saudische Aktivistin und Professorin an der King Saud Universität. Ensaf Haider, die Ehefrau des von den Machthabern wegen "Beleidigung des Islam" inhaftierten Raif Badawi, schreibt von einem "neuen liberalen Saudi-Arabien", auf das sie jetzt warte. Auf Twitter gab es auch eine Reihe von Posts, die die Entscheidung humoristisch kommentierten.

Die Parlamentsabgeordnete Latifa al-Shaalan äußerte sich im TV-Sender Al-Arabiya unter Tränen: "Das ist ein historischer Tag und ich kann keine Worte finden, die meine Gefühle und die von Tausenden saudischen Frauen, aber auch Männern, beschreiben". Bei internationalen Begegnungen habe es "immer diese eine peinliche Frage" nach dem Fahrverbot gegeben. "Alle Argumente, mit denen wir unser Land nach außen verteidigen konnten, waren hinfällig, weil wir von dieser Regelung selbst nicht überzeugt waren", erklärt die Politikerin.

Tatsächlich war das Fahrverbot das Symbol für die Rückständigkeit des Königreichs. Al-Shaalan glaubt, dass sich infolge der Lockerung viel verändern wird, vor allem für die Beschäftigung von Frauen im privaten Sektor. Viele hätten bisher die Hälfte ihres Gehalts für einen privaten Fahrer ausgeben müssen. Das werde nun wegfallen und ermutige die Frauen, sich Arbeit zu suchen.

Manal al-Scharif musste für ihre kurze Autofahrt ins Gefängnis und wurde nur freigelassen, weil ihr Vater damals persönlich beim König vorstellig wurde. Sie erhielt Morddrohungen, musste aus Saudi-Arabien ausreisen und ihren Sohn zurücklassen. Inzwischen lebt sie in Australien. Kürzlich veröffentlichte sie ihr Buch mit dem Titel "Losfahren", in dem sie erzählt, wie sie sich von einer salafistisch geprägten Jugendlichen zu einer selbstbewussten, weltoffenen Informatikerin wandelte und schließlich die Entscheidung traf, offen gegen das System zu rebellieren.