Süddeutsche Zeitung

Vorsichtige Reformen:"Ich wünschte, meine Führerscheinnummer könnte die 0001 sein"

  • Frauen in Saudi-Arabien feiern das Ende des Autofahr-Verbots, das das Königshaus in Aussicht gestellt hat.
  • Die Regelung galt jahrelang als Symbol für die Rückständigkeit des Regimes.
  • Expertinnen glauben, dass sich nun auch in anderen Bereichen der Gesellschaft etwas verändern wird.

Von Dunja Ramadan und Oliver Klasen

"Der Regen fängt mit einem einzigen Tropfen an", sagt Manal al-Scharif. Demnach ist die Autofahrt, die sie vor sechs Jahren unternahm, der Tropfen. Starkregen mag daraus noch keiner geworden sein, aber doch ein leichtes Nieseln.

Al-Scharif war die erste Frau, die sich traute, in Saudi-Arabien öffentlich Auto zu fahren und sich dabei zu filmen. Das Video wurde Hunderttausende Male angeklickt und machte al-Scharif zur Vorkämpferin für Frauenrechte in dem ultrakonservativen und repressiven Staat.

An diesem Dienstag hat das saudi-arabische Königshaus verkündet, dass Frauen künftig Auto fahren dürfen. Auch wenn sich das Regime schon länger an einer vorsichtigen gesellschaftlichen Öffnung versucht, gleicht die Entscheidung einer Sensation.

Frauen in Saudi-Arabien feiern das Ende des Verbots: "Herzlichen Glückwunsch an die Frauen dieses Landes. Kein Recht geht verloren, solange man dafür kämpft", twitterte Hatoon Ajwad al-Fassi, saudische Aktivistin und Professorin an der King Saud Universität. Ensaf Haider, die Ehefrau des von den Machthabern wegen "Beleidigung des Islam" inhaftierten Raif Badawi, schreibt von einem "neuen liberalen Saudi-Arabien", auf das sie jetzt warte. Auf Twitter gab es auch eine Reihe von Posts, die die Entscheidung humoristisch kommentierten.

Die Parlamentsabgeordnete Latifa al-Shaalan äußerte sich im TV-Sender Al-Arabiya unter Tränen: "Das ist ein historischer Tag und ich kann keine Worte finden, die meine Gefühle und die von Tausenden saudischen Frauen, aber auch Männern, beschreiben". Bei internationalen Begegnungen habe es "immer diese eine peinliche Frage" nach dem Fahrverbot gegeben. "Alle Argumente, mit denen wir unser Land nach außen verteidigen konnten, waren hinfällig, weil wir von dieser Regelung selbst nicht überzeugt waren", erklärt die Politikerin.

Tatsächlich war das Fahrverbot das Symbol für die Rückständigkeit des Königreichs. Al-Shaalan glaubt, dass sich infolge der Lockerung viel verändern wird, vor allem für die Beschäftigung von Frauen im privaten Sektor. Viele hätten bisher die Hälfte ihres Gehalts für einen privaten Fahrer ausgeben müssen. Das werde nun wegfallen und ermutige die Frauen, sich Arbeit zu suchen.

Manal al-Scharif musste für ihre kurze Autofahrt ins Gefängnis und wurde nur freigelassen, weil ihr Vater damals persönlich beim König vorstellig wurde. Sie erhielt Morddrohungen, musste aus Saudi-Arabien ausreisen und ihren Sohn zurücklassen. Inzwischen lebt sie in Australien. Kürzlich veröffentlichte sie ihr Buch mit dem Titel "Losfahren", in dem sie erzählt, wie sie sich von einer salafistisch geprägten Jugendlichen zu einer selbstbewussten, weltoffenen Informatikerin wandelte und schließlich die Entscheidung traf, offen gegen das System zu rebellieren.

Vorsichtige Öffnung beim Nationalfeiertag

Der Kampf für mehr Frauenrechte in Saudi-Arabien muss nach al-Scharifs Ansicht fortgesetzt werden. Man müsse genau beobachten, wie die Abschaffung des Fahrverbots eingeführt und umgesetzt werde. "Wir fordern nichts weniger als die vollständige Gleichberechtigung der Frauen", sagt al-Scharif. Damit spielt sie darauf an, dass Frauen für einige alltägliche Vorgänge noch immer die Zustimmung ihres Ehemannes brauchen. In jüngster Zeit wurde das Vormundschaftsrecht immerhin abgemildert. Frauen dürfen jetzt selbständig einen Arzt aussuchen, studieren oder eine Firma gründen.

Auch darüber hinaus gab es einige Lockerungen: Erst am vergangenen Wochenende begingen Männer wie Frauen den Nationalfeiertag erstmals gemeinsam tanzend auf der Straße. Frauen wurde außerdem Zutritt zu einem Sportstadion gewährt, wo sie - in einem für Familien reservierten Abschnitt - die Feierlichkeiten verfolgen konnten. Im Juli hatte das Bildungsministerium außerdem die Teilnahme von Mädchen am Sportunterricht staatlicher Schulen erlaubt.

"In der Vergangenheit haben wir oft einen Schritt in die richtige Richtung gemacht und zwei zurück. Das ist nun vorbei, nun geht es nur noch vorwärts", kommentiert die Politikerin al-Shaalani die Reformen. Einige Experten werfen den Machthabern in Riad vor, mit diesen Maßnahmen vom scharfen Vorgehen der Regierung gegen Kritiker ablenken zu wollen. Im September waren mehr als 20 Menschen festgenommen worden, unter ihnen einflussreiche Kleriker und Aktivisten.

Auch die 28-jährige Aktivistin Loujaine Hathloul saß im Gefängnis, weil sie Auto gefahren ist. 2014 wurde sie von saudischen Behörden verhaftet, weil sie die Grenze zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien am Steuer eines Wagens überqueren wollte. Sie verbrachte zwei Monate in Haft. Erst im Juni dieses Jahres wurde sie am Flughafen der saudischen Hafenstadt Damman erneut festgenommen. Offenbar wegen ihres Engagements in sozialen Medien. Als jetzt die Nachricht vom Ende des Fahrverbots öffentlich wurde, schrieb sie auf Twitter nur "Alhamdulilah", also: "Gott sei Dank".

Führerscheinnummer 0001

Aziza Alyousef, die an mehreren Frauenrechtskampagnien beteiligt war, sagte, ihr Dank gelte "allen Frauen in Saudi-Arabien, die seit den Neunzigerjahren auf ihre Rechte gepocht haben". Sie wolle sich nun so schnell wie möglich um eine Fahrerlaubnis bemühen. "Ich wünschte, meine Führerscheinnummer könnte die 0001 sein", sagte die Aktivistin.

Führerscheine für Fahrerinnen, so hat es die Regierung angekündigt, sollen ab Mitte 2018 ausgestellt werden, wenn die Details des Gesetzes ausgearbeitet sind. Doch so lange wollten einige Frauen nicht warten. Bereits wenige Stunden, nachdem die Entscheidung bekanntgegeben wurde, war in Online-Videos zu sehen, wie Frauen ihre Autos durch die Nacht lenkten.

(Mit Material der Nachrichtenagenturen)

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