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Vergewaltigungsprozess gegen Filmproduzenten:Weinstein-Jury uneins über schwerstwiegende Anklagepunkte

Jury Deliberations Continue In Harvey Weinstein Rape And Assault Trial

Drei Tage ohne Urteil: Harvey Weinstein beim Verlassen des New Yorker Gerichts am Freitagnachmittag.

(Foto: AFP)
  • Seit Dienstag beraten sieben Männer und fünf Frauen über die Schuld von Harvey Weinstein.
  • Am Freitagnachmittag geraten die Jury-Besprechungen in eine Sackgasse: Beim Richter lassen die Gremiumsmitglieder nachfragen, ob es möglich sei, nicht in allen Anklagepunkten zu einem einstimmigen Ergebnis zu kommen.
  • Strittig sind offenbar die beiden schwerstwiegenden Anklagepunkte: Hier geht es nicht um einzelne Straftaten, sondern ein kriminelles Verhaltensmuster. Und eine Frau, deren Vorwürfe eigentlich verjährt wären.

Bereits kurz vor der Mittagspause am Freitag war zu erahnen, dass die Jury im Fall Harvey Weinstein einen kritischen Punkt in ihren bisherigen Beratungen erreicht hatte. Um 12.40 Uhr schrillte im Gerichtssaal jene Glocke, die signalisiert, dass das zwölfköpfige Gremium eine Frage hat - oder zu einem Urteil gekommen ist. Die Aufregung der mehr als 50 Journalisten im Saal erwies sich jedoch zunächst als unbegründet: Die Jury bitte um eine zehnminütige Pause an der frischen Luft, verkündete Richter James Burke. Nicht nur von Weinstein-Anwalt Damon Cheronis schien in diesem Moment die Anspannung abzufallen, sein "Kein Einspruch!" sorgte für Lacher im Saal.

Nach der mittäglichen Unterbrechung hatte Burke dann jedoch gleich die nächste Anfrage der Jury vorliegen - und diese machte deutlich, wie schwer sich die sieben Männer und fünf Frauen offenkundig mit der Entscheidungsfindung tun. Seit Dienstag beraten sie in einem Nebenraum des Gerichtssaals im 15. Stock des New York State Supreme Courts - am frühen Freitagnachmittag schienen ihre Verhandlungen dann in eine Sackgasse geraten zu sein. Schriftlich ließen die Jurymitglieder nachfragen, ob es auch möglich sei, nur in einigen der fünf Anklagepunkte zu einem einstimmigen Urteil zu kommen und in den anderen kein einstimmiges Votum zu präsentieren.

Harvey Weinstein, dem mehr als 80 Frauen sexuelles Fehlverhalten vorwerfen, muss sich vor der Strafkammer in Manhattan wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und "predatory sexual assault" verantworten. Im Kern geht es im Verfahren um zwei Frauen: Miriam "Mimi" Haleyi, einer ehemaligen Produktionsassistentin der Weinstein Company, soll der Filmproduzent 2006 in seinem Appartement Oralverkehr aufgezwungen haben. Außerdem wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor, 2013 die heutige Friseurin Jessica Mann in einem Hotel vergewaltigt zu haben.

Warum der Fall Sciorra plötzlich so wichtig ist

Den Anklagepunkt des "predatory sexual assault", der sich kaum adäquat ins Deutsche übersetzen lässt, führt die Anklage gleich zweimal auf: Hierbei geht es nicht um eine einzelne Straftat, sondern um ein "raubtierhaftes" Verhaltensmuster gegenüber Frauen. Für "predatory sexual assault" sieht der Staat New York die Höchststrafe vor: Lebenslänglich - was bei einem Ersttäter wie Weinstein zehn bis 20 Jahre Haft bedeuten würde. Sollte die Jury den Angeklagten in diesen beiden Punkten verurteilen, würden die anderen Anklagepunkte, die jeweils eine geringere Strafe vorsehen, nicht mehr zum Tragen kommen.

Doch genau hier scheint Uneinigkeit im Gremium zu herrschen. Denn bei diesen beiden Anklagepunkten geht es nicht mehr allein um die Glaubwürdigkeit von Haleyi beziehungsweise Mann, sondern zusätzlich jeweils um eine weitere Frau: die Sopranos-Darstellerin Annabella Sciorra. Auch sie beschuldigt Weinstein einer Vergewaltigung. Weil dieser mutmaßliche Übergriff bereits Anfang der 90er-Jahre stattgefunden haben soll, gilt er eigentlich als verjährt - allerdings darf er berücksichtigt werden, um dem Angeklagten ein kriminelles Verhaltensmuster nachzuweisen.

Alle Nachfragen, die die Jury seit Dienstag an das Gericht gestellt hatte, bezogen sich auf den Fall Sciorra. Die mittlerweile 59-Jährige hatte als erste Belastungszeugin vor mehr als vier Wochen ausgesagt. Am Freitagmorgen war auf Bitten der Jury noch einmal ein entscheiden­der Teil der Aussage der Schauspielerin von den beiden Gerichtsstenografen vorgelesen worden: das Kreuzverhör durch Weinstein-Anwältin Donna Rotunno. Die auf die Verteidigung von Sexualstraftaten spezialisierte Juristin hatte Sciorra über mehrere Stunden hart befragt und unter anderem angezweifelt, ob die Schauspielerin Weinstein nach dem Vorfall tatsächlich gemieden habe. Sciorra hatte die mutmaßliche Vergewaltigung nicht bei der Polizei angezeigt aber angegeben, dem Produzenten danach soweit wie möglich aus dem Weg gegangen zu sein.

Das US-Strafrecht schreibt ein einstimmiges Jury-Urteil in sämtlichen Anklagepunkten vor. Werden sich die Gremiumsmitglieder auch nach intensiven Beratungen nicht einig, wird eine sogenannte hung jury verkündet - der komplette Prozess gilt dann als gescheitert.

Die Jury muss weiter beraten - der Ausgang ist völlig offen

Richter Burke entließ die Jurymitglieder am Freitagnachmittag zunächst nicht aus der Verantwortung, weiter zu diskutieren. Es sei nicht ungewöhnlich, dass eine Jury im Laufe der Beratungen glaube, nie zu einem einstimmigen Urteil zu kommen, sagte Burke - in vielen Fällen gelinge das nach weiteren Beratungen dann aber doch. Für die sieben Männer und fünf Frauen bedeutet das: Sie müssen am Montag um 9.30 Uhr erneut antreten, um über die Schuld von Harvey Weinstein zu beraten.

Der Ausgang des ersten großen Prozesses der Metoo-Ära ist auch nach Freitag ungewiss. Hung jury, Freispruch oder Schuldspruch - alles ist noch möglich. Denn selbst wenn die Jury übereinkommen sollte, Weinstein in den beiden schwerwiegendsten Anklagepunkten nicht schuldig zu sprechen, würde das in der komplexen Urteilsmatrix zunächst nur eines bedeuten: dass nun wieder die verbliebenen Anklagepunkte relevant werden. Zur Erinnerung: Sie lauten auf Vergewaltigung (Jessica Mann) und sexuelle Nötigung (Mimi Haleyi).

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