USA:Rätselhafte Flucht aus dem Gefängnis

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USA: Wanted: White und White. Der Häftling (Casey) und die Justizbeamtin (Vicky) tragen zwar denselben Nachnamen, sind aber nicht verwandt oder verschwägert.

Wanted: White und White. Der Häftling (Casey) und die Justizbeamtin (Vicky) tragen zwar denselben Nachnamen, sind aber nicht verwandt oder verschwägert.

(Foto: Lauderdale County Sheriff's Office)

Ein Häftling aus Alabama verschwindet während der Fahrt zu einem Psychiater, bei dem er aber gar keinen Termin hatte. Und mit ihm die Justizbeamtin, die ihn dorthin begleiten wollte. Jetzt fragt sich der Sheriff: Machen sie gemeinsame Sache?

Von Alexander Menden

Am vergangenen Freitag wurde um elf Uhr Ortszeit der Dienstwagen der Justizbeamtin Vicky White ausfindig gemacht. Er stand auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Lauderdale County im US-Bundesstaat Alabama. Von der stellvertretenden Leiterin der Strafvollzugsbehörde des Lauderdale County Sheriff's Office fehlte jede Spur. Und auch Casey White war verschwunden, der Häftling, den sie anderthalb Stunden zuvor aus seiner Zelle im Lauderdale County Jail abgeholt hatte.

Einige Stunden nach der Entdeckung des leeren Fahrzeugs schrieben die Behörden im Südosten der Vereinigten Staaten die 53-jährige Beamtin und den 38-jährigen Gewaltverbrecher, die trotz des gemeinsamen Nachnamens weder verwandt noch verschwägert sind, zur Fahndung aus. Nun stellt sich die Frage: Hat der 2,06 Meter große Häftling Vicky White überwältigt und entführt - oder hat sie ihm womöglich bei der Flucht geholfen, entweder unter Zwang oder freiwillig?

Der örtliche Sheriff Rick Singleton erklärte laut dem US-Nachrichtensender CNN, Casey White habe "nichts zu verlieren". Was Vicky White angehe, so wisse man nicht, ob sie ihm geholfen habe oder nicht: "Und wir werden uns damit auch erst befassen, wenn wir den unumstößlichen Beweis haben, dass das passiert ist. Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass sie gegen ihren Willen entführt wurde, bis wir das Gegenteil beweisen können." Alle Kolleginnen und Kollegen, alle Angestellten im Sheriff-Büro und Richter hätten jedenfalls stets "den allergrößten Respekt vor ihr" gehabt.

Klar ist bisher nur, dass Vicky White den Häftling um 9.30 Uhr am Freitagmorgen abgeholt hatte - angeblich, um ihn zu einer psychiatrischen Untersuchung ins Bezirksgericht zu bringen. Die beiden kamen jedoch nie im Gerichtsgebäude an, und die Behörden stellten später fest, dass für Casey White an diesem Tag gar keine Untersuchung oder Anhörung angesetzt war.

75 Jahre Haft wegen Einbruchs, Autodiebstahls und dergleichen

Vicky White hatte zudem gesagt, sie fühle sich nicht wohl und werde einen Arzt aufsuchen, nachdem sie Casey White abgeliefert habe. Doch in der Praxis ihres Hausarztes wusste man davon nichts. Am Freitagnachmittag versuchten besorgte Beamte des Gefängnisses, Vicky White, die verwitwet und kinderlos ist, zu kontaktieren. Ihr Telefon leitete jedoch alle Anrufe direkt an die Mailbox weiter. Kurz darauf stellte sich dann heraus, dass Casey White nie ins Gefängnis zurückgebracht worden war.

Casey White verbüßt eine 75-jährige Haftstrafe für eine Reihe von Verbrechen im Jahr 2015, darunter Einbruch, Autodiebstahl und eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Zudem war er in zwei Fällen des sogenannten schweren Mordes angeklagt. Laut Sheriff Singleton hatte Casey White bereits im Jahr 2020 eine Flucht aus dem Gefängnis samt Geiselnahme geplant. Dies sei damals aber von Gefängnisbeamten vereitelt worden.

10 000 Dollar Belohnung

Nach dem damaligen Ausbruchsversuch war eine Regel eingeführt worden, wonach Casey White bei Transporten stets von zwei vereidigten Beamten begleitet werden musste. Diese Vorschrift kannte Vicki White, die in der vergangenen Woche nach 20 Dienstjahren bei der Behörde einen Antrag auf Versetzung in den Ruhestand eingereicht hatte. Indem sie den Häftling allein und auf eigene Faust aus der Haftanstalt holte, verstieß sie also anscheinend wissentlich dagegen.

Da die Beamtin mit einer Neun-Millimeter-Handfeuerwaffe ausgerüstet war, als die beiden verschwanden, gehen die Behörden davon aus, dass Casey White nun bewaffnet ist. Daher sei seine Begleiterin wahrscheinlich in Gefahr, unabhängig von den genauen Umständen ihres Verschwindens. Der US Marshals Service, der direkt dem Justizministerium unterstellt ist, hat sich der Suche nach den beiden angeschlossen. Für Informationen, die zur Ergreifung Casey Whites und der Feststellung des Aufenthaltsorts von Vicki White führen, ist eine Belohnung von bis zu 10 000 Dollar ausgesetzt.

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