Technik Das iPhone warnt, und keiner weiß warum

Ein IT-Branchenkenner vermutet, Apple wolle mit der Sache wahrscheinlich den "Health-Aspekt" seiner Produkte betonen.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Die neue Version der Wetter-App auf den Apple-Smartphones warnt seit dem Update vor "ungesunder Luft". Nur, wieso? Nicht einmal das Umweltbundesamt hat eine Erklärung.

Von Martin Zips

Großmutter hätte gesagt: "Junge, du kannst dich aber auch verrückt machen." Aber manchmal sind es eben die Mitmenschen, die einen verrückt machen. "Die Hölle", so heißt es bei Sartre völlig zu recht, "das sind die anderen." Und da die anderen heute vor allem digital unterwegs sind, sollte man sagen: Die Hölle steckt in diesem Fall im Smartphone.

Andererseits: Tolle Sache, so ein Gerät, das einem morgens anzeigt, ob es abends vielleicht regnet. Man möchte ja gesund bleiben - und da ist es wichtig, wettergemäße Kleidung einzupacken. Wenn man allerdings eines dieser Handys besitzt, auf dessen Rückseite ein angebissener Apfel zu sehen ist, fühlt man sich dieser Tage: vergiftet wie Schneewittchen. Denn in der Apple-Wetter-App steht seit dem Update auf das neue Betriebssystem iOS 12 bei vielen deutschen Städten: "Ungesunde Luftqualität" oder "Ungesunde Luft für empfindliche Gruppen". Und zwar permanent und ganz weit oben, gleich neben der aktuellen Temperatur. Wie kommt es dazu?

Von Apple: Keine Auskunft, trotz mehrfacher Nachfragen, fünf Tage lang, nicht eine einzige offizielle Reaktion. Immerhin: "Sie sind nicht der Erste, der danach fragt", sagt ein Mensch am Telefon im Konzern, der die Anweisung hat, auf keinen Fall durchzustellen. Dicke Luft.

Für Hypochonder: die absolute Hölle

Blöd aber: Während man telefoniert und recherchiert, atmet man, das ist in der Wetter-App zu sehen, immerzu sehr, sehr schlechte Luft ein. Hat Apple vielleicht einen Deal mit der deutschen Automobilindustrie geschlossen? Nach dem Motto: Ein bisschen Feinstaub-Angst per Smartphone schüren, dann verkauft sich der Neuwagen gleich noch viel besser?

Für Hypochonder jedenfalls: die absolute Hölle. Es gibt ja Menschen, die sich eh schon ständig krank fühlen, die möchten nicht noch immerzu an Auspuffrohre, Japaner mit Mundschutz und die grausigen Fotos auf den Zigarettenpackungen erinnert werden. Merkwürdig, dass es für Städte wie Peking, Los Angeles oder Mexiko-City in der App niemals Luftwarnungen gibt. Und wenn, dann deutlich weiter unten versteckt. Aber zum Beispiel in München, da kann man offensichtlich schon froh sein, dass man überhaupt noch lebt.

In vielen Rathäusern jedenfalls findet man die Wetter-App gar nicht gut und spricht von Hysterie und Panikmache. Ein IT-Branchenkenner wiederum vermutet, Apple wolle mit der Sache wahrscheinlich den "Health-Aspekt" seiner Produkte betonen. Ein bisschen vorgegaukelte Fürsorge quasi, in Zeiten emotionaler Kälte.

Das Umweltbundesamt rief bei Apple an

Auch das US-Unternehmen "The Weather Channel", von dem Apple seine Daten angeblich bezieht, ist in der Angelegenheit nicht erreichbar. Dabei hätte man so viele Fragen: Wie genau wird die Luftqualität gemessen? Über einen Sensor? Via Satellit? Wie wird sie berechnet? Und wenn tatsächlich "ungesunde Luft für empfindliche Gruppen" herrscht, gilt das dann wirklich immer für die gesamte Stadt?

Ein Anruf bei Ute Dauert, Leiterin des Fachbereichs "Beurteilung der Luftqualität" beim Umweltbundesamt. Sie sagt, man habe bereits auf vielen Wegen versucht, von Apple Auskunft über die Daten zu bekommen. "Keine Antwort." Gleichzeitig erhalte man Anrufe von besorgten Bürgern, die sich - wegen der App - Sorgen um ihre Gesundheit machen. "Wir finden es unglaublich misslich, dass Apple seine Quellen einfach nicht preisgibt. Schließlich kann auch Angst Menschen krank machen." Jetzt müsse man mal schauen, "wie man das höher eskalieren lassen kann".

Keine guten Zeiten für Hypochonder also. Ihnen hilft höchstens der Ratschlag des Dichters Frank Wedekind: "Was folgst du empfindlich der grausigen Spur?/Erfreu dich doch kindlich der reichen Natur."