Unfall in der Adria Frau über Bord

Die Britin Kay (M), die nach einem Sturz von dem Kreuzfahrtschiff 'Norwegian Star' zehn Stunden lang im Wasser überlebte, wird von Helfern von einem kroatischen Marineschiff geleitet.

(Foto: dpa)

Eine Stewardess stürzt vom Kreuzfahrtschiff - und wird nach zehn Stunden gerettet. In der Geschichte der Menschen, die über Bord gingen, gibt es einige spektakuläre Fälle. Einer landete gar auf einer Kaimauer.

Von Martin Zips

Wie lange kann ein Mensch im Meer überleben? 22 Stunden soll es gedauert haben, bis im Juli ein aus unbekannten Gründen vor Kuba über Bord gegangener philippinischer Kreuzfahrtschiff-Arbeiter gerettet wurde. Und im Jahr 2007 überlebten zehn an Treibholz geklammerte Fischer vor Indonesien zwei lange Tage.

Bei Kay Longstaff, 46, die von der kroatischen Kriegsmarine nun bei guter Gesundheit aus dem Adriatischen Meer gezogen wurde, soll es bis zur Rettung zehn Stunden gedauert haben. Die Britin soll am Samstagabend kurz nach Mitternacht auf dem Weg von Pula nach Venedig über Bord des Kreuzfahrtschiffes Norwegian Star gegangen sein. "Allem Anschein nach war sie betrunken", mutmaßt die Daily Mail. Doch weiß man's? Die Auswertung von Überwachungskameras und GPS-Daten jedenfalls half den Kroaten, die Vermisste zu finden - 1300 Meter von der Unglücksstelle, 100 Kilometer von der Küste entfernt.

Das Verschwinden von Schiffspassagieren gehört zur Seefahrtsgeschichte wie Sextant und Kompass. Mit am mysteriösesten dürfte der bis heute ungeklärte Tod von Rudolf Diesel im September 1913 im Ärmelkanal sein. Diesels revolutionärer Motor war am Vorabend des Ersten Weltkriegs auch für das Militär interessant. Immer wieder wird daher gemutmaßt, der deutsche Ingenieur sei vielleicht von einem kaiserlichen Agenten vom Schiff gestoßen worden, damit er nur nichts an die Engländer verrät.

Die Angst vor dem Sturz ins Wasser beschäftigt die maritime Menschheit seit jeher

"Das Internationale Übereinkommen von 1974 zum Schutz des menschlichen Lebens auf See regelt, was zu tun ist, sobald jemand über Bord gegangen ist", erklärt Christian Stipeldey von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger - Die Seenotretter" (DGzRS). Dass es seine Gesellschaft überhaupt gibt, das hat mit dem Untergang der Johanne 1854 vor Spiekeroog zu tun. Damals waren 77 Menschen ertrunken, als die Bark mit 216 deutschen Auswanderern in Seenot geriet - und kein Retter half. Heute bewahrt allein die DGzRS jährlich bis zu 100 Menschen vor dem Tod. Und Helfen macht auch Helfer glücklich: Den britischen Seemann Matthew Webb etwa beflügelte seine Rettung zweier Menschen derart, dass er eine Art Sensationsdarsteller wurde und als Erster ohne Hilfsmittel von Dover nach Calais kraulte (bevor er mit 35 Jahren an den Niagara-Fällen ertrank). Die Geschichte der hauptberuflichen Stewardess Longstaff jedenfalls scheint ein gutes Ende genommen zu haben. Durch lautes Singen und Yoga-Übungen habe sie die Nacht in der 20 Grad warmen Adria überlebt, so das Boulevardblatt Sun. Bei der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger erklärt man: "Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren!"

Die Angst vor dem Sturz ins Salzwasser beschäftigt die maritime Menschheit seit jeher. In der römischen Mythologie etwa ist es der brave Steuermann des Aeneas, der drei Tage auf hoher See treibt, bevor er endlich in Lukanien an Land geht (und dort dummerweise von Einheimischen erschlagen wird). Auch die See-Ungeheuer-Forscher in Jules Vernes "20 000 Meilen unter dem Meer" werden vom Schiff gespült, bevor sie auf Nemos U-Boot Nautilus vor allem philosophisch sehr tief tauchen.

Und auch der Reporter Egon Erwin Kisch machte als "Mann über Bord" Schlagzeilen. Nur ein bisschen anders. 1934, als er zum Antikriegskongress nach Australien reiste, stürzte er aus sechs Metern Schiffshöhe - auf die Kaimauer von Melbourne. Die australischen Behörden hatten ihn nicht ins Land lassen wollen, sie hielten ihn für einen Kommunisten. Also brach sich Kisch das Bein. Er durfte bleiben.

Es war einmal ein Traumschiff

Verheerende Klimabilanz, Billigflaggen, Massentourismus: Kreuzfahrten haben ein Imageproblem. Dabei hatte einst alles so klein und unschuldig angefangen. Von Monika Maier-Albang mehr...