Geschichte der Kreuzfahrten Es war einmal ein Traumschiff

Verheerende Klimabilanz, Billigflaggen, Massentourismus: Kreuzfahrten haben ein Imageproblem. Dabei hatte einst alles so klein und unschuldig angefangen.

Von Monika Maier-Albang

Was den Gästen der Quaker City wohl durch den Kopf gehen würde, stünden sie jetzt, eine Zeitmaschine würde es möglich machen, an Bord der Symphony of the Seas? Jenem aktuell größten der immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffe, die heute die Ozeane durchpflügen. 16 Stockwerke, Platz für 9000 Menschen an Bord, auf Deck ein Fun-Park mit Kletterareal, Zip-Line, Flachbildfernseher über jedem Kinderbett. Wie wunderbar?! Wie dekadent?! An Bord der USS Quaker City, einem 70 Meter langen Raddampfer, der zuvor im Amerikanischen Bürgerkrieg gedient hatte, lag der musikalischen Umrahmung das Plymouther Gesangbuch zugrunde. Wir wissen das, weil der amerikanische Schriftsteller Mark Twain diese 1867 vom Prediger Henry Ward Beecher organisierte "Pleasure Excursion" begleitete. Ansonsten, schreibt Twain in seinem zwei Jahre später erschienenen Reisetagebuch "The Innocents Abroad", war die Freizeitgestaltung auf der Vergnügungsreise überschaubar: "Es wurde etwas gelesen und viel geraucht und gehäkelt."

Lange galt die Kreuzfahrt mit dem Ozeandampfer als eines der mondänsten Vergnügen überhaupt. Werbeplakat für die Orient-Australien-Passage von 1909.

(Foto: Bridgeman)

Man muss diese Frühzeit der Kreuzfahrt nicht verklären. An Bord des Dampfers befanden sich einige wenige Auserwählte. Und das ist wohl auch der größte Unterschied zur Jetztzeit, in der das Erlebnis, mit dem Schiff die Welt bereisen zu können, der Allgemeinheit offensteht. Mit 27 Millionen Passagieren rechnet der internationale Kreuzfahrtverband Clia in diesem Jahr - das wären so viele wie noch nie. Fast die Hälfte, 13 Millionen Gäste im Jahr 2017, sind kreuzfahrtverrückte Amerikaner. Aus Deutschland gingen zwei Millionen an Bord, und auch die Asiaten haben mittlerweile das Schippern übers Meer lieben gelernt.

Wer auf die Quaker City gelassen wurde, hatte nicht nur genug Geld, sich eine solche Reise leisten zu können. Er verfügte vor allem über die nötige freie Zeit - fünf Monate war die Reisegesellschaft unterwegs: ein Luxus der Oberschicht. Die Tour, organisiert von der britischen Reederei Peninsular and Oriental Steam Navigation Company (P&O), brachte touristische Pilger von New York aus bis nach Jerusalem, das man über Jaffa erreichte. Twain beobachtet seine Weggefährten an Bord nicht ohne Ironie. "Mit Stolz", so schreibt er, habe er feststellen dürfen, "daß sich unter unseren Reiseteilnehmern drei Pfarrer, acht Doktoren, sechzehn oder achtzehn Damen, verschiedene Militär- und Marinehäuptlinge mit klingenden Titeln und eine reiche Ausbeute an Professoren verschiedener Art befanden." Vermutlich hätten die Quaker-Leute, die man sich im Mantel im Liegestuhl vorstellen darf, wo ihnen vom Steward Bouillon gereicht wird, angesichts der leicht bekleideten Gäste in den Liegestühlen und Einkaufspassagen eines heutigen Kreuzfahrt-Riesen die Nase gerümpft und sich gefragt: "Was will der Plebs hier?"

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Schließlich galt das Herumlaufen in Badekleidung bis in die 1960er-Jahre hinein als unschicklich. Für die Herren war noch in den 50er-Jahren Jackett und Krawatte angesagt, die Damen nahmen leichte, gern helle Baumwollsachen mit auf die Kreuzfahrt. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Gäste, selbst wenn es in tropische Gewässer ging, lange Roben und hochgeschlossene Blusen zu tragen.

Das Volk an Bord mag zwar heute weniger elitär sein, dafür ist es allemal reiseerfahrener als Twains Pilgertouristen. Sein Dampfer brachte die "Arglosen im Ausland" über England und Griechenland nach Konstantinopel. Ägypten, natürlich. Dann: "Das Heilige Land!" Die Route der Quaker City sollte später der Mittelmeerklassiker werden. Die ersten Kreuzfahrt-Touristen folgten der Tradition der Grand Tour, die seit Jahrhunderten vermögende Europäer in diese Weltregion führte.

Vergnüglich waren diese Reisen oft nur dem Namen nach. An Bord war es stickig und eng, Klimaanlagen in Kabinen und Gemeinschaftsräumen waren erst in den 1960er-Jahren üblich. Mit elektrischen Ventilatoren und Fächerwedeln aus Segeltuch, die in den Speisesälen hingen, versuchte man, Abhilfe zu schaffen - was mal besser, mal schlechter gelang. In seinem Buch "Kreuzfahrtträume" zitiert Boris Dänzer-Kantof den französischen Reisenden Abbé Huard, der 1903 Trinidad erreichte und klagte: "Diese Hitze nimmt einem jede Energie; man muss dauernd schwitzen und rufen: Ach, ist das heiß!" Die ersten Pools sind aus Wachstuch, das im Vorschiff aufgehängt, täglich mit frischem Meerwasser befüllt wird und so Abkühlung verspricht. 1927 baut die britische Reederei Blue Star Line die Arandora Star, das erste Passagierschiff mit Swimmingpool.

Sehr früh schon versucht auch Albert Ballin, der junge Direktor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag), seinen anspruchsvollen Gästen "dieselbe Bequemlichkeit zu sichern, wie sie nur ein erstklassiges Hotel zu bieten vermag": geräumige Kabinen, keine Stockbetten mehr, elektrisches Licht und Badezimmer in der Koje. Ballin war es auch, der am 22. Januar 1891 die Augusta Victoria von Cuxhaven aus zu einer 57-tägigen Mittelmeerkreuzfahrt auslaufen ließ. Unter den Gästen waren Rittergutsbesitzer, Kommerzienräte, Bankiers. Sogar Kaiser Wilhelm II. hatte dem Schiff zuvor seine Aufwartung gemacht. Diese Reise, deren Teilnehmer nicht mehr pilgerten, sondern aus reiner Lust am Erkunden der Welt 2400 Goldmark bezahlten, gilt als erste Kreuzfahrt der Geschichte.