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Umstrittenes Verfahren Psycholyse:"Drogen sind die Türen zu Liebe und Glück"

LSD, Ecstasy, Pilze, Ayahuasca oder auch 2C-E seien in diesen Kreisen ständig veränderte Schlüssel. "Stellen Sie sich vor, Sie wollen in ein Zimmer", erläutert Ariela Bogenberger. "Die Drogen sind die Türen zu einem inneren Raum von Liebe und Glück." Drogen heißen "Sakramente", der Trip wird "Reise" genannt. Samuel Widmer schrieb über ein Erweckungserlebnis als Medizinstudent, von "Erinnerungen an etwas ganz Großartiges, Außerordentliches und enorm Sinngebendes, an einen in der Abendsonne gleich erhitztem Quecksilber glühenden, unglaublichen Brienzer See und an ein paar undeutliche Ahnungen von zwar kurzen, aber bedrohlichen Halluzinationen". Ariela Bogenberger schildert "zuckersüße Musik, die Wirkung des Verliebtseins". - "Sie lieben dann alles und jeden", sagt Sabine Bundschu, "aber das hält nicht lange und zerstört genau das, was es heilen soll."

Jeder Eingeweihte werde zum Schweigen über die Pillen verpflichtet, sagt sie. Die verwendeten Drogen gälten in dieser Gemeinde nicht als schädlich - Symptome würden als psychisch interpretiert, selbst unangenehmste. Auch dann, wenn etwas schiefgeht, weil sich der Zuständige in Maß oder Mischung vertan hat. Manchmal wartet der Tod, wobei auch der ja nur als Übergang gilt.

Neocor und Ecstasy tötete einen 28-jährigen Studenten

Sechs Jahre ist es her, dass die Herzen von Marcel K. und Joachim K. in Berlin-Hermsdorf zu schlagen aufhörten. Sie hatten in dessen Praxis dem Psychotherapeuten Garri R. vertraut, auf seinem Klingelschild stand "Psycholytische Psychotherapie". Das am 19. September 2009 verabreichte Neocor und Ecstasy tötete einen 28-jährigen Studenten und einen 58-jährigen Frührentner. Ein weiterer Teilnehmer fiel ins Koma und trug schwere Schäden davon. Der Arzt Garri R. wurde 2010 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu vier Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt und ist unterdessen wieder frei.

Sabine Bundschu und Ariela Bogenberger kennen Beteiligte des Dramas, man begegnete sich immer wieder. Ariela Bogenberger war dabei, als unter dem Co-Therapeuten Garri R. wenige Monate zuvor in Lüsslingen eine andere Zusammenkunft aus dem Ruder gelaufen sei. "Eine unsäglich kaputte Therapie", sagt sie. "Die Leute lagen komatös am Boden, einige sind ausgerastet. Aber es kam kein Krankenwagen, wir wurden niedergespritzt."

Im April 2014 schluckte Sabine Bundschu dann bei einer Session in Amsterdam das Fluoramphetamin 4-FMP, bis ihr fast der Schädel platzte. Erst nach 50 Stunden sei Hilfe bemüht worden - sie dachte erst, sie sei an den höllischen Kopfschmerzen selber schuld. In Wirklichkeit hatte Sabine Bundschu zwei Hirnblutungen erlitten, die Tabletten hatten Krämpfe im Gehirn ausgelöst: Reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom.

Sie konnte danach ein Jahr lang kaum mehr arbeiten. Doch der Schock war für Ariela Bogenberger immerhin der Auslöser, es sein zu lassen. Sie macht nun eine Sektenausstiegstherapie.

Personenkult und "Brainwashing im klassischen Sinne"

Der Münchner Kriminalhauptkommissar Harry Bräuer ist dem Phänomen als Opferschützer und Spezialist für Sekten und Okkultismus schon lange auf der Spur. Er sieht hier Leichtsinn, Personenkult und "Brainwashing im klassischen Sinne". Außerdem gehe es ja um einen Strafbestand: Irgendwo kommen die Drogen her. Meistens sei die Therapie ein stilles Ritual, deshalb falle die illegale Psycholyse selten auf. Bräuer hofft, dass der Exzess von Handeloh ein Weckruf war. Es klinge vielleicht zynisch, sagt Sabine Bundschu, aber für die Aufklärung sei es gut, dass da vermeintlich seriöse Ärzte und Therapeuten aufgeflogen seien.

"Ich habe 18 Jahre lang an diesen Schmarrn geglaubt", sagt Ariela Bogenberger. "Erst wenn du aufwachst, merkst du, dass du in Lebensgefahr warst."