Sterbender in Bankfiliale in Essen:"Ich habe noch nichts Vergleichbares erlebt"

Lesezeit: 4 min

Sterbenden Rentner in Bank ignoriert - Prozessbeginn

Das Polizeifoto aus Essen wurde 2016 zum Symbolbild für eine gefühlskalte Gesellschaft.

(Foto: dpa)

Drei Menschen stehen in Essen vor Gericht, weil sie in einer Bankfiliale über einen Sterbenden hinwegstiegen. Ihre Tat wurde zum Symbol für eine gefühlskalte Gesellschaft.

Von Christian Wernicke, Essen, und Thomas Hummel

Arnulf Breiderhoff ist noch immer erschüttert. So als wäre das, was an diesem Ort passiert ist, nicht vor knapp einem Jahr geschehen. Sondern heute. "Hier ungefähr muss der alte Mann gelegen haben", sagt der 67-jährige Essener und zeigt auf die hellen Fliesen im Vorraum der Bankfiliale, wo die Deutsche Bank fünf Automaten aufgestellt hat. Der Mann fährt sich mit der Hand durch die grauen Haare, er schüttelt den Kopf: "Einem hilflosen Menschen, der am Boden liegt, nicht zu helfen - das geht einfach nicht."

Breiderhoff kennt die Filiale. Weil er dem Internet nicht traut, erledigt er all seine Bankgeschäfte hier in der Deutsche-Bank-Dependance an der Marktstraße von Essen-Borbeck. "Meist komme ich sonntags, wenn's ruhig ist", sagt er, "oder an Feiertagen." Auch vor 50 Wochen war er hier. Am Tag der Deutschen Einheit 2016 hat er am späten Vormittag seine Überweisungen in den Computer getippt. "Klar hätte ich dem armen Mann beigestanden", beteuert Breiderhoff. Doch der kam erst Stunden später.

Am Nachmittag des 3. Oktober betritt ein 83-jähriger Mann die Bankfiliale. An diesem Tag der Deutschen Einheit sind keine Angestellten im Haus, der Mann will an einem Terminal Geld überweisen. Dabei stürzt er und schlägt mit dem Kopf auf dem Fliesenboden auf. Er versucht, sich noch einmal aufzurappeln, stürzt wieder. Beim erneuten Versuch, auf die Beine zu kommen, verliert er zum dritten Mal das Gleichgewicht und bleibt bewusstlos mitten im Vorraum der Bank liegen.

Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung

Das alles nimmt eine Überwachungskamera auf, ebenso die Szenen danach: Vier Menschen betreten in den folgenden Minuten die Bank, steigen zum Teil über den Rentner hinweg, erledigen ihre Bankgeschäfte und verlassen die Filiale wieder, ohne sich um den Mann zu kümmern. Erst der fünfte Kunde ruft den Notarzt, der 20 Minuten nach dem Zusammenbruch des Mannes in der Bank eintrifft. Eine Woche später stirbt der Rentner im Krankenhaus an den Folgen einer Schädel-Hirn-Verletzung.

Drei der vier, die den Rentner missachteten, müssen sich jetzt, ein Jahr später, vor Gericht verantworten. Der Vorwurf lautet: unterlassene Hilfeleistung.

"Ich habe noch nichts Vergleichbares erlebt", sagt Birgit Jürgens, immerhin seit 1991 bei der Staatsanwaltschaft. Birgit Jürgens kümmert sich eigentlich um Mord und Totschlag. Die Oberstaatsanwältin leitet in Essen die Abteilung für Kapitalverbrechen; wenn in der Stadt oder im Umkreis ein Mensch gewaltsam zu Tode kommt, ist sie gefragt. Unterlassene Hilfeleistung ist eigentlich nicht ihre Kategorie. In diesen Fällen kommt es häufig nicht zu einem Gerichtsverfahren, weil sich Ankläger und Verteidiger auf eine Geldbuße einigen.

Die vier Kunden, die dem Rentner nicht halfen, konnten mithilfe von Überwachungskameras und Bankdaten identifiziert werden. Es sind drei Männer und eine Frau im Alter von 39 bis 62 Jahren aus Essen und Oberhausen. Drei von ihnen stehen am Montag in Essen vor Gericht, ein Verfahren wurde abgetrennt, weil der Gesundheitszustand des Angeklagten geprüft werden muss.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB