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Programm "Hamburg trainiert":Das! Fett! Muss! Weg!

Hamburg trainiert

Auf den Zehenspitzen stehen fördert die Durchblutung!, steht am Boden vor einer Ampel in der Nähe des Hamburger Rathauses.

(Foto: Hannah Beitzer)

Hamburg bewirbt sich um die Olympischen Spiele. Da passen die unsportlichen Einwohner schlecht ins Bild. Jetzt treibt die Stadtverwaltung die Bürger auf die Zehenspitzen.

Von Hannah Beitzer

Die Deutschen sind zu dick und bewegen sich zu wenig. Hamburg ist da keine Ausnahme - auch wenn dubiose Studien mitunter den "schlanken Hanseaten" loben. Nun will die Stadt besonders sportbegeistert rüberkommen, sie bewirbt sich schließlich in Deutschlands Namen für Olympia 2024. Deswegen hat sie nun den Hamburgern stellvertretend für die dicken Deutschen ein Fitnessprogramm verordnet: "Hamburg trainiert".

Fast klingt die Idee wie eine Drohung: "Wir wollen nicht nur eine sportbegeisterte Stadt und Metropole für Leistungssportlerinnen und -sportler sein, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger", erklärte Christoph Holstein, Staatsrat für Sport. Und der dicke Durchschnittshamburger denkt mit Unbehagen an die zerknickte, aber nie genutzte Fitnessstudio-Karte im Geldbeutel, die erst einmal getragenen Laufschuhe im Schrank. Oder den leckeren Burger von gestern Abend. Auweia. Zum Glück gibt es jetzt Fitness an der Ampel, ganz nebenbei.

Auf Zehenspitzen zum nächsten Burger-Grill

Seit vergangener Woche kleben in der Gegend um das Hamburger Rathaus gelbe Schilder auf dem Boden vor den Ampeln oder an Treppen, die an die tägliche Gymnastik erinnern sollen. "Auf den Zehenspitzen stehen fördert die Durchblutung!", heißt es da. Oder, vor der Rolltreppe: "Treppensteigen ist eine effektive Fitnessübung!" Und: "Grinsen aktiviert 78 Gesichtsmuskeln!"

Das ist immerhin eine freundliche Erinnerung: dass man verdammt noch mal mehr auf seinen verkümmerten Bürokörper achtgeben und gegen die zugehörige Miesepeter-Mimik aktiv werden sollte. Und viel weniger anstrengend als ein ganzer Veggieday ist diese Form von Fast-Fitness auch. Die Stadt äußert in einer Mitteilung sogar Verständnis dafür, dass "der Gang in den Sportverein, ins Fitnessstudio, ins Schwimmbad oder auf den Sportplatz immer noch eine Hemmschwelle" für viele Menschen darstelle.

Wieso also nicht einfach mal auf Zehenspitzen zum nächsten Schnellimbiss gehen - und sich dann erst eine Extra-Portion Pommes genehmigen?

Die sanfte Hamburger Taktik ist verständlich. Drohen, befehlen und mahnen ist aus der Mode gekommen in der Politik. Niemand will dem Bürger ein schlechtes Gefühl bereiten oder ihm gar seinen Burger verbieten. "Gerade die kleinen, alltäglichen Bewegungen bringen in der Summe mehr, da diese keine Überwindung kosten und überall wiederholt und ins Leben integriert werden können", lockt deshalb ein Sportmediziner in der Mitteilung der Stadt. Und dass Menschen, die vor lauter Zeitnot ihren Kaffee nurmehr "to go" runterstürzen, sich jeden Tag geduldig auf lahmen Rolltreppen drängeln, anstatt die Stufen hochzusprinten, ist ja tatsächlich widersinnig.

Gratis Bahnfahren mit Kniebeugen

Andere Städte gehen noch einen Schritt weiter als Hamburg und belohnen ihre Einwohner sogar, wenn sie ihren Hintern hochkriegen. Beziehungsweise: runter. In Mexiko City zum Beispiel wurden U-Bahn-Stationen mit Geräten ausgerüstet, die für zehn Kniebeugen einen Gratisfahrschein ausspucken.

Vielleicht wäre das auch eine Idee, die Hamburger zu mehr Bewegung zu animieren. Denn die Schilder auf dem Boden bringen es bisher nicht. Das legt zumindest eine nicht-repräsentative Stichprobe an der Ampel mit dem Zehenspitzen-Schild nahe. Das ältere Ehepaar? Liest, schaut sich kopfschüttelnd an, bleibt tapfer auf den Füßen stehen. Die Dame in der Regenjacke? Ein flüchtiger Blick, das ist alles.

Die meisten Fußgänger gucken ohnehin besorgt in den grauen Wolkenhimmel oder aufs Smartphone anstatt auf den Boden. Wenn das mal keinen Haltungsschaden gibt.

© Süddeutsche.de/afis/jobr

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