Pazifik Philippinen kämpfen gegen Supertaifun "Mangkhut"

Eine Frau in der Hauptstadt Manila im Regen und Sturm. Den Norden der Philippinen traf "Mangkhut" noch härter.

(Foto: AFP)
  • 56 000 Einwohner sind vom Katastrophenschutz in den vergangenen Tagen evakuiert worden. Mehr als vier Millionen Menschen waren nach Angaben der Behörden vom Samstag ohne Strom.
  • Bislang sind 13 Todesfälle bekannt, doch die Behörden rechnen mit mehr Opfern.
  • Der philippinische Präsident kündigte am Samstag an, die Krisenregion entgegen seines ursprünglichen Plans doch zu besuchen.
Von Thomas Hummel

"Die Katastrophe ist noch nicht vorbei", erklärte Richard Gordon, "die Menschen müssen ihr Leben wieder aufnehmen. Wir versuchen dabei, unser Bestes zu geben." Gordon ist Vorsitzender des Roten Kreuzes auf den Philippinen. Am Samstagnachmittag Ortszeit (gegen 9 Uhr MESZ) gab er eine Pressekonferenz und mahnte: "Wir sollten vorsichtig und aufmerksam bleiben."

Gordon wusste, dass die Auswirkungen des sogenannten Supertaifuns Mangkhut in seinem Land noch gar nicht amtlich bekannt sind. Das Zentrum von Mangkhut, auf den Philippinen Ompong genannt, hatte sich seit Tagen auf die nördliche Insel Luzon zubewegt, es ist der bislang stärkste Taifun in diesem Jahr. In der Nacht zum Samstag ist er auf Land gestoßen. Laut Wetterexperten dürfte der Sturm in Böen Geschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometer erreicht haben. In den betroffenen Provinzen Cagayan und Isabela hat er schwere Schäden angerichtet. Wie schlimm die Lage ist, wird allerdings erst nach und nach bekannt werden.

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Am Samstagabend (Ortszeit) meldeten die Behörden 13 Todesopfer. Demnach starben fünf Menschen bei einem Erdrutsch in der Stadt Baguio. Fünf weitere Menschen wurden dort vermisst. In der Provinz Benguet kamen zwei Helfer, ein 13 Jahre altes Kind und eine vierköpfige Familie ebenfalls bei Erdrutschen ums Leben. Im Großraum Manila ertrank ein Mädchen in einem Hochwasser führenden Fluss. Ricard Jalad, Chef des philippinischen Rats für Katastrophenschutz, rechnete aber damit, dass die Zahl der Todesopfer noch steige. Bislang soll es 42 solcher Erdrutsche gegeben haben, mindestens fünf Hauptstraßen und Brücken sollen deshalb unpassierbar sein.

Der Flughafen in der Stadt Tuguegarao ist stark beschädigt, Fenster sind geborsten und das Dach teilwesie eingestürzt. Der Schiffsverkehr wurde eingestellt, mehr als 4500 Passagiere sitzen in verschiedenen Häfen fest. Aufgrund der schwierigen Verkehrslage haben staatliche Behörden und Hilfsorganisationen viele betroffene Gebiete noch nicht erreicht.

Etwa fünf Millionen Menschen leben in Cagayan und Isabela. 56 000 Einwohner sind vom Katastrophenschutz in den vergangenen Tagen evakuiert worden. Ein Mitarbeiter berichtete, dass fast eine Million Menschen an der Küste leben, wo mit schweren Sturmfluten zu rechnen war. Die Häuser sind oft aus leichtem Material und können dem Taifun kaum standhalten. Bewohner haben versucht, ihre Dächer mit Steinen zu beschweren und die Fenster mit Holz zu verbarrikadieren.

Mehr als vier Millionen Menschen waren nach Angaben der Behörden am Samstag ohne Strom, mehrere Leitungstrassen seien durch den Sturm zerstört worden. Auf Bildern sieht man geknickte Strommasten, ebenso massenhaft gefallene Bäume. Zudem schwellen die Flüsse aufgrund der starken Regenfälle bedrohlich an.

Der Malteser Hilfsdienst berichtete, der Sturm habe Zehntausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben. "Tausende Häuser wurden zerstört, Menschen wurden obdachlos. "Die meterhohen Wellen haben die Häuser am Küstenstreifen weggespült, und der Sturm hat im Landesinneren Bäume, Strommasten und die einfach gebauten Häuser umgerissen", berichtete Jan Emmel von Malteser international. Rund 36 000 Menschen müssten daher in Notunterkünften mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden.

Wie die Wetterplattform kachelmannwetter.com berichtet, habe Mangkhut 84 Stunden lang durchgehend die höchste Kategorie 5 erreicht, was vermutlich einzigartig sei seit Beginn der Satellitenbeobachtungen Anfang der 1970er Jahre. Der Taifun sei vor dem Eintreffen auf den Philippinen drei Mal größer als der gerade auf den Osten der USA treffende Hurrikan Florence gewesen, das Auge des Taifuns habe alleine 70 Kilometer gemessen, die gesamte Wolkenspirale einen Durchmesser von 2000 Kilometern gehabt.

"Humanitär ist Mangkhut das ernstere Ereignis"

Mangkhut ist nach Ansicht von Experten noch weit gefährlicher als der Hurrikan Florence, der zurzeit an der Ostküste der USA wütet. "Humanitär ist Mangkhut das ernstere Ereignis", sagte Ernst Rauch, Leiter der Klimaforschung des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. 2013 habe der Taifun Haiyan auf den Philippinen 6000 Menschen getötet, "weil die Vorwarnung der Bevölkerung und die Vorbereitung unzureichend war", sagt Rauch. "Mangkhut wird eine Messlatte sein, ob sich da etwas verbessert hat."

Als größte Gefahr gelten die vom Sturm mitgebrachten Wassermassen. Für Versicherungen werde Florence relevanter sein, "da in entwickelten Industriestaaten typischerweise ein großer Teil der Schäden versichert ist", sagte Rauch. "In den USA sind es etwa 30 bis 50 Prozent. In Entwicklungs- und Schwellenländern sind in der Regel weniger als zehn Prozent der Schäden versichert." Dies bedeute, "dass über 90 Prozent der ökonomischen Last auf den Schultern der Betroffenen landen".

Trotz der Katastrophe hatte der philippinische Präsident Rodrigo Duterte zunächst angekündigt, nicht in die betroffenen Gebiete zu reisen. Duterte erklärte, er könne nicht überall sein, schicke aber zwei seiner Minister nach Cagayan und Isabela. Am Samstag kündigte er dann doch einen Besuch an. Seine Regierung steht unter Druck, die Inflation stieg im August auf 6,4 Prozent, das ist der höchste Wert seit 2009. Unter anderem steigen die Preise für Grundnahrungsmittel wie Fisch, Reis, Fleisch und Gemüse stark an. Dazu erhöhte die Regierung auch die Verbrauchsteuer auf sogenannten "sin products" - sündige Produkte - wie Alkohol und Tabak. Die Regierung Duterte ist international hoch umstritten, vor allem wegen des von ihr ausgerufenen Kriegs gegen Drogen. Konsumenten und Vertreibern von Drogen droht Duterte offen mit dem Tod, Beobachter beklagen Tausende von Opfer in den vergangenen Jahren, vor allem Straßenkinder und Kleinkriminelle.

Zu den aktuellen Preissteigerungen erklärte Finanzminister Carlos Dominguez dem philippinischen Nachrichtenblog Politiko zufolge: "Für manche Leute mag das ein ernstes Problem sein, aber die Nation als Ganze ist es keine große Krise." Mangkhut könnte die Probleme nun vergrößern. Beobachter schätzen die Schäden und die daraus resultierenden Rückschläge für die örtliche Wirtschaft auf mehrere Milliarden Euro, was auf den Philippinen gleich ein paar Prozente des Bruttoinlandsprodukts bedeuten würden.

Etwa 20 Taifune treffen jährlich auf die Philippinen. Einer der stärksten der vergangenen Jahre war Haiyan, im November 2013 starben während des Sturms mehr als 6300 Menschen, mehr als vier Millionen verloren ihr Zuhause.

Derweil zieht der Taifun Mangkhut weiter Richtung Nordwesten. Über den Philippinen hatte er sich zwischendurch erheblich abgeschwächt. Doch Experten rechnen damit, dass er über dem bis zu 30 Grad warmen Pazifik wieder an Kraft gewinnen wird. Die Millionenstadt Hongkong bereitet sich bereits auf das Eintreffen von Mangkhut vor, der Sturm soll die Metropole Samstagabend Ortszeit erreichen, das Schlimmste droht im Laufe des Sonntags.

Mit Material von dpa und Bloomberg

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