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Oscar Pistorius vor Gericht:"Dann nahmen Sie Ihre Waffe, um Reeva zu töten"

Oscar Pistorius arrives ahead of his trial at North Gauteng High Court in Pretoria

Oscar Pistorius am Dienstagmorgen vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria

(Foto: REUTERS)

Bevor die Verteidigung zum Zug kommt, entlässt der Staatsanwalt Oscar Pistorius nach fünf Tagen aus dem Kreuzverhör - zuvor hat er ihn mit Detailfragen zum Tatort noch einmal in die Enge getrieben. Pistorius' Glaubwürdigkeit hat arg gelitten.

  • Oscar Pistorius wird den siebten Tag befragt
  • Staatsanwalt Gerrie Nel schließt das Kreuzverhör ab, Richterin Thokozile Masipa entlässt ihn aus dem Zeugenstand
  • Prozess soll für zwei Wochen unterbrochen werden

Staatsanwalt Nel fordert Vertagung: Zu Beginn des Prozesstags beantragt Gerrie Nel, dass die Verhandlung von Donnerstag an für zwei Wochen ausgesetzt und erst am 5. Mai mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt wird - zwei Tage bevor am 7. Mai in Südafrika die Parlamentswahlen stattfinden. Als Begründung für die Vertagung gibt er wichtige Termine an. Pistorius' Verteidiger Barry Roux stimmt dem Vorschlag zu. Richterin Thokozile Masipa sagt, sie werde bis morgen früh über die Aussetzung des Prozesses entscheiden. Zunächst muss Pistorius jedoch noch seinen letzten Tag im Zeugenstand überstehen.

Zwei Versionen, zahlreiche Argumente: Es ist der siebte Tag, den Oscar Pistorius im Zeugenstand verbringt. Der 27-Jährige beteuert, er habe Steenkamp versehentlich getötet, weil er sie für einen Einbrecher hielt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er absichtlich schoss und die tödlichen Schüsse damit als Mord zu werten sind. Die wichtigsten Punkte, in denen sich beide Seiten widersprechen, haben wir hier zusammengestellt.

Tatortfotos werden gezeigt: Erneut bittet Nel Pistorius, zu zeigen, wie er die Tür mit einem Kricketschläger aufbrach - der 27-Jährige kommt der Aufforderung nach. Dann lässt der Staatsanwalt Fotos des blutverschmierten Tatorts zeigen. Pistorius' Stimme bricht, während er detailliert schildert, wie er seine schwerverletzte Freundin vorfand. Pistorius' Aussage zufolge soll Reeva noch geatmet haben - sein Verteidiger hatte noch vor einigen Tagen gesagt, dass sie nach dem Kopfschuss direkt tot gewesen sein müsse. Nel fragt, warum Pistorius nicht geschrien habe, als der seine Freundin so vorfand? "Ich war in Panik, ich habe geweint. Ich habe die ganze Zeit mit ihr geredet, habe zu ihr gesagt: Baby, bitte halte durch", antwortet Pistorius.

Die Frage nach der Schuld: "Wem sollen wir die Schuld an Reevas Tod geben, Herr Pistorius? Wer hat schuld an den tödlichen Schüssen auf Reeva?", fragt Nel. Mehrmals stellt der Strafverfolger diese provokative Frage leicht abgewandelt - bis Richterin Masipa interveniert.

"We should blame somebody ... Should we blame Reeva? ... She never told you she was going to the toilet. Should we blame the government? ... Who should we blame for the Black Talon rounds that ripped through her body?"

Seine Theorie, die er schon die Tage zuvor präsentiert hatte, nennt Nel am Ende seines Kreuzverhörs erneut: "Herr Pistorius, Sie und Reeva hatten Streit, Nachbarn haben Reevas Schreie gehört - nicht Ihre. Reeva lief weg vor Ihnen, schloss sich in der Toilette ein. Dann nahmen Sie Ihre Waffe, um Reeva zu töten."

"You shot four shots through the door while knowing she was standing behind the door, while knowing she was talking to you. She was locked in the bathroom and you armed yourself with the sole purpose of shooting and killing her, and that's what you did."

Mit diesen Worten beendet Nel um 10:50 Uhr das Kreuzverhör. Wenig später wird bekannt, dass jemand bei der South African Human Rights Commission (SAHRC), einer Institution zur Durchsetzung der Menschenrechte in Südafrika, eine Beschwerde gegen Gerrie Nel eingereicht hat, weil dieser Pistorius im Zeugenstand "einen Lügner" genannt hatte. Das widerspreche der Unschuldsvermutung, heißt es in dem Statement. Die Beschwerde wurde jedoch abgelehnt.

Reevas Valentinskarte an Pistorius: Nachdem Nel Pistorius aus dem Kreuzverhör entlassen hat, bittet sein Verteidiger Roux ihn noch darum, dass er die Valentinskarte von Reeva vorlesen soll, die sie ihm am Tag ihres Todes überreichen wollte. Pistorius liest mit brüchiger Stimme die Karte vor, auf deren Vorderseite "Roses are red, violets are blue" steht: "I think today is a good day to tell you that I love you". Unter den Satz malte Reeva drei Küsse, einen Smiley und ihren Namen.

June Steenkamp nicht im Gericht: Bisher saß sie jeden Tag mit starrer Miene im Gerichtssaal - heute fehlt die Mutter der getöteten Reeva Steenkamp. In einem Interview hatte sie vor kurzem über Pistorius gesagt: "Ich bin süchtig danach, ihn jeden Tag anzuschauen."

Pistorius vor Gericht

"Ozzy, wir beten für dich"

Forensiker Roger Dixon im Zeugenstand: Nach einer Untersuchung von Pistorius' Prothesen kommt Dixon zu dem Schluss, dass der Paralympics-Athlet sie getragen haben muss, als er die Tür einschlug. Dixon kritisiert auch die "unprofessionelle Arbeit" der Ermittler am Tatort. Es gebe Fußabdrücke von Polizisten, die keinen Schutz über ihren Schuhen getragen hätten. Pistorius hatte schon vor Prozessbeginn beklagt, dass ihm von Polizisten eine Uhr aus dem Schlafzimmer gestohlen worden sei.

Die ersten sechs Tage im Zeugenstand:

  • Zunächst wird Pistorius von seinem Verteidiger, Barry Roux, befragt. Am ersten Tag berichtet er, wie oft er in der Vergangenheit Opfer und Zeuge von Gewaltverbrechen wurde. Die Aussage soll belegen, dass sich Pistorius nicht ohne Grund vor einem möglichen Einbrecher in seinem Haus fürchtete.
  • Der zweite Tag des 27-Jährigen im Zeugenstand geht hochemotional zu Ende; Pistorius schildert seine Beziehung zu Reeva Steenkamp und den Abend, an dem er seine Freundin erschoss - aus Versehen, wie er betont. Als er zu dem Moment kommt, in dem er sich über die blutende Reeva beugte, beginnt er laut zu weinen.
  • Nachdem der Sportler bislang recht frei seine Version der Tatnacht erzählen durfte, wird er am dritten Tag von Staatsanwalt Gerrie Nel ins Kreuzverhör genommen. Thematisiert wird auch ein Video, das Pistorius bei Schießübungen zeigt.
  • Um Pistorius' Beziehung zu Reeva Steenkamp, einen Streit auf einer Verlobungsparty, Schüsse im Restaurant und den Tatort geht es am vierten Tag des Angeklagten im Zeugenstand.
  • Am fünften Tag geht Staatsanwalt Gerrie Nel Pistorius aggressiv an: Wie konnte er nicht gewusst haben, dass seine Freundin in der Toilette war? "Sie wussten es. Und Sie haben sie erschossen." Der Angeklagte widerspricht - und Richterin Thokozile Masipa unterbricht den Prozess.
  • Am sechsten Tag geht Nel ins Detail - er zieht die eidesstattliche Aussage heran, die Pistorius 2013 machte, um auf Kaution freizukommen und zeigt Widersprüche in den Aussagen des Angeklagten auf.

Weiterführende Links:

Was geschah in der Nacht von Reeva Steenkamps Tod? Der südafrikanische Sender Eyewitness News hat Pistorius' Version der Tatnacht als Grafik aufbereitet.

Wessen Aussage entlastet Pistorius? Wer belastet ihn? Alle bisherigen Zeugenaussagen haben wir hier für Sie zusammengefasst und bewertet.

Richter, Anwälte, Ankläger: Die wichtigsten Personen und Fakten zum Prozess.

"Ende einer Ikone": Porträt eines einst umjubelten Athleten.